Tragt zu den Alten ein Licht

Streiflichter auf weihnachtliche Hausbesuche

 

Fünfzehn Adressen von betagten Gemeindemitgliedern (ab 75) aufwärts, die zu Weihnachten besucht werden sollen, hat mir der Pfarrer in die Hand gedrückt und eine Kiste mit den Weihnachtsgaben der Gemeinde dazugestellt. Die meisten Namen auf der Liste sind mir von den vorigen Besuchen geläufig, aber es fehlen auch zwei, drei Namen, und neue sind dazugekommen.

 

Ich mache diese Besuche im Auftrag der Gemeinde nun schon im dritten Jahr, und ich mache sie gerne. Was ich dabei sehe und erfahre, hilft mir, mich selber mit den höchst unterschiedlichen Bedingungen des Altwerdens vertraut zu machen, meine diesbezüglichen Hoffnungen und Ängste realistischer einzuschätzen. Schließlich bin ich nicht mehr so weit entfernt von dem Lebensalter, in dem ich selber einen weihnachtlichen Besuch aus der Gemeinde erwarten kann…

 

Ich beginne in einem Altenheim. Gleich drei meiner „Adressen“ sind dort zu Hause. Als ich an der Pforte stehe, die ist nicht besetzt, sehe ich durch die Glastür, wie Frau A. sich gerade mit ihrem Rollator in Bewegung setzt. Ich klopfe an die Scheibe, um mich bemerkbar zu machen. Sie wendet sich um und lässt mich ein. Sie sei gerade auf dem Weg zu ihrer Freundin, Frau Z., im dritten Stock, sagt sie mir. Die habe kürzlich einen Oberschenkelhalsbruch erlitten und liege seither. Seit langem schon besuchten sich die beiden gegenseitig täglich, um miteinander zu plaudern, vor allem aber, um sich vorzulesen, meist geistliche Texte. Im Aufzug bemerke ich, dass Frau A. (94) sich sorgfältig die Augenbrauen schwarz nachgezogen hat.

 

Die früher so lebendige, gesprächige Frau Z. liegt bewegungslos im Bett, sie kann anscheinend nicht einmal den Kopf in meine Richtung drehen. Der Fernsehapparat läuft, aber ich habe nicht den Eindruck, dass sie ihn beachtet. Ich berühre ihre Hand und zeige ihr meine Mitbringsel, die Rose lege ich ins Waschbecken in ein wenig Wasser, damit die Pflegerin sie ihr später in eine Vase stellt. Ein schwaches Lächeln huscht über das Gesicht von Frau Z. Vor einem Jahr hat sie mir noch ausführlich von ihrer Tochter in München und ihrer Enkelin erzählt, von ihrem eigenen Studium, und wie sie zur Alt-Katholischen Kirche kam. Im Sommer begegnete mir Frau Z. noch auf der Straße, hübsch zurechtgemacht und gekleidet, ganz Dame. Jetzt kommt nur ein leises Ja über ihre Lippen, als ich sie frage, ob ich ihr ein Segenskreuz auf die Stirn zeichnen dürfe.

 

Auch bei Frau C., der dritten „Adresse“ in diesem Altenheim, läuft der Fernsehapparat, aber höchst wahrscheinlich bekommt sie von der Sendung, Ausschnitte aus einem Rennen der Formel 1 und entsprechende Interviews dazu, nichts mit. Das aber nicht nur, weil die Zimmertür so weit offen steht, dass sie den Bildschirm verdeckt, sondern vor allem, weil Frau C. dement ist. Ich frage mich, ob die Geräuschkulisse der Fernsehapparate dazu bestimmt ist, das Alleinsein der Menschen zu mildern, den Anschein von Anwesenheit anderer Menschen zu erwecken.

 

Frau C. freut sich, das ist offenkundig. Ob sie mich erkennt, ist zweifelhaft, und wenn ja würde sie es gleich wieder vergessen haben, genau so, wie ihr der Name der Krankenschwester „gerade nicht einfällt“. 

 

Am Tag darauf besuche ich in einem anderen Altenpflegeheim ein Geschwisterpaar, beide in den Achtzigern. Sie wissen voneinander, dass sie unter demselben Dach leben. Sie besuchen sich aber kaum oder gar nicht. An den Möglichkeiten, zueinander zu kommen, kann es nicht liegen. Frau D. treffe ich in der Therapiegruppe an, die gerade bei dem gemeinsam zubereiteten Mittagessen sitzt;  ich werde von der Runde spontan dazu eingeladen. Frau D. sitzt neben dem einzigen Mann in der etwa ein Dutzend Menschen umfassenden Gruppe, dem sie sich fast ausschließlich zuwendet und dessen Hand sie immer wieder streichelt. Allgemeine Bewunderung, als ich ihr die Rose der Gemeinde überreiche. Und wieder ist es der alte Mann zu ihrer Rechten, dem sie die Blüte hinhält: „Schau doch, wie schön. Eine Rose für mich!“ Und für dich, denke ich bei mir.

 

Ihren Bruder finde ich alleine in seinem Zimmer. Der Fernsehapparat ist nicht in Betrieb, vor einem Jahr lief er und Herr E. war mehr interessiert an der Sendung als an mir. Heute wirkt er eher abwesend und zugleich angespannt. Es stellt sich heraus, dass er seit einer Weile auf die Pflegekraft wartet, die ihn zur Toilette bringen soll, wie er mir sagt. Ich verstehe, dass in einer solchen Notlage ein Besuch eher störend, wenn nicht peinlich ist. Solange ich bei ihm sitze und ein kleines Gespräch in Gang zu bringen versuche, kommt keine Pflegekraft. Ja, er sei schon ganz gut aufgehoben hier, aber viel lieber wäre er noch in seiner eigenen Wohnung geblieben. Doch die Töchter hätten darauf gedrungen, dass er ins Altenheim gehe. Er zeigt auf ein Gruppenfoto an der Wand, das die drei zeigt. Ihre Namen wollen ihm nicht einfallen und auch nicht, wo seine Älteste wohnt.

 

91jährige bekocht 101jährigen

 

Frau G. lebt erst seit einem halben Jahr in einem Altenheim der gehobenen Klasse. Sie musste sich entscheiden, dort einzuziehen, da das Haus das Aufnahmealter auf 90 Jahre festgesetzt hat. Im letzten Jahr hatte ich sie noch in ihrer eigenen Wohnung besucht. Demnächst wird sie 91. Als ich sie in ihrem Appartement in der 10. Etage der Seniorenresidenz besuchen will, ist sie nicht da und ich hinterlasse Brief und Gabe der Gemeinde an der Tür. Nachmittags rufe ich sie an und sie erzählt mir, dass sie heute Küchendienst hatte bei einem alten Herrn von 101 Jahren, dem sie schon seit längerem regelmäßig das Mittagessen zubereitet.

 

 

Alle meine anderen „Adressen“ leben noch mehr oder weniger selbstständig in den eigenen vier Wänden. Frau K. (82) erkennt mich eher an der Stimme als von Angesicht zu Angesicht, denn sie sieht sehr schlecht. Aber zielsicher geht sie zum Wohnzimmerbuffet, holt ihr Lieblingsschnapsgläschen und auch gleich die Flasche mit Williams-Christ. Dann kann das Gespräch beginnen. Eingießen muss ich mir selbst. Ihr jüngster Sohn lebt bei ihr im Haus und macht alles, was sie nicht mehr kann. Er fährt sie auch öfter zum Gottesdienst. Angeregt und vergnügt unterhalten wir uns über ihre Familie, ihr früheres Berufsleben und wie gerne sie beim Frauenkreis der Gemeinde war.

 

Frau N., mit 76 Jahren eine der jüngeren auf meiner Liste und ehemals Ärztin von Beruf, empfängt mich zu einem beinahe einstündigen Gespräch, in dem wir viele Themen streifen, Kirche, Theologie, Politik, Gemeinde und Familie. Sie hat sich richtig Zeit genommen für meinen Besuch, das merkt man und es tut gut. Persönliche Befindlichkeiten wie Gesundheit oder Krankheit oder Alter sind keine Themen, nicht einmal Nebensachen. Ich werde verabschiedet mit Buchgeschenken für den Pfarrer und für mich selbst.

 

Frau O. treffe ich nicht an. Eine Nachbarin auf derselben Etage ihres Hauses berichtet mir, dass eines ihrer Kinder sie vor kurzem zu sich in den Harz geholt hätte. Im Lauf des Jahres sei einiges geschehen, das gezeigt habe, dass Frau O. nicht mehr alleine leben könne.

 

Neu auf meiner Liste ist das einzige Ehepaar, von dem „er“ zur Gemeinde gehört und eben 75 Jahre alt geworden ist. „Sie“, obwohl evangelisch, kennt seit langem Gemeindemitglieder, für die mir Grüße aufgetragen werden. Wegen mehrfacher Knieoperationen ist Herr S. im Gehen stark eingeschränkt und der früher engere Kontakt zur Gemeinde beschränkt sich mittlerweile auf den Gottesdienst an Allerheiligen. Da wir uns noch nicht kennen, wird erst einmal mancherlei Persönlich-Familiäres ausgetauscht, um ein wenig „warm“ miteinander zu werden. Mit einer Geldspende für die Gemeinde und einer Flasche Rotwein ausgestattet begleiten mich beide freundlich zur Tür.

 

Neu auf meiner Liste ist auch die Witwe von Bischof Dr. Sigisbert Kraft, dem vorletzten Bischof unserer Kirche, Erentrud Kraft. Sie hat mir ausdrücklich erlaubt, ihren Namen in diesem Beitrag zu nennen und allen Leserinnen und Lesern von Christen heute, die sich an sie noch erinnern, ihre Grüße und guten Wünsche für das Jahr 2011 zu bestellen. Auch sie kann noch alleine in ihrer Wohnung leben. Zwei ihrer Kinder leben nicht weit entfernt von ihr, und zur Kirche hat sie es nicht weit. Ich erfahre manches aus der Zeit im Karlsruher Pfarrhaus, wo die Kinder aufwuchsen (und ein Töchterchen auch schon mal zum Fenster heraus fiel), von ihrer Berufstätigkeit als Religionslehrerin in Karlsruhe und Bonn.

 

Meinen Besuch bei Frau W. (89) hebe ich mir bis ganz zum Schluss meiner Besuchsserie auf, als Sahnehäubchen sozusagen. Es ist das schiere Vergnügen, eine Weile mit dieser quicklebendigen, heiteren und mitteilsamen alten Dame zu sprechen. Da wir uns heuer schon zum dritten Mal begegnen, können wir an manche Begebenheit anknüpfen, die wir schon früher besprochen haben, Fortsetzungsgeschichten sozusagen. Und diesmal erzählt sie mir etwas, das ich noch nicht gehört habe: sie erzählt vom bewussten, selbstbestimmten Sterben ihres Mannes vor zehn Jahren. Er habe gewusst, dass seine Zeit gekommen war und duldete keine lebensverlängernden Maßnahmen. Ich fühle, dass diese Erfahrung ihr den Gedanken an den eigenen Tod erleichtert.

 

Sie drückt mir beim Gehen einen größeren Geldschein für die Gemeinde in die Hand und eine Flasche Wein für mich steht auch schon bereit. Wir verabschieden uns „auf nächste Weihnachten, so Gott will!“

 

Veit Schäfer