Eremiten?!

 

Unter einem Eremiten stellt man sich landläufig einen alten Mann mit schlohweißem Haar und ebenso schlohweißem Bart vor, der irgendwo in einer Klause im Wald lebt, weit abgeschieden von jeglicher Zivilisation und unerreichbar, sofern heutzutage überhaupt noch jemand weiß, was ein Eremit ist. Dieses Bild der Eremiten dürfte wohl der Vergangenheit angehören. Und selbst zu früheren Zeiten war dieses Bild über Eremiten wohl nicht wirklich zutreffend. Aber der Mythos des unnahbaren Eremiten, irgendwo in einer Klause im Wald, lebt auch heute noch in vielen Köpfen.

 

Aber was sind Eremiten eigentlich? Das Eremitentum ist wohl die ursprünglichste Form christlichen Mönchtums. So hat letztendlich alles angefangen. Die Anfänge der Eremiten liegen wohl bei den Anachoreten. Das Wort Anachoret kommt von dem altgriechischen Wort „anachoreos“ und bedeutet „sich zurückziehen“. Die Wüstenväter zogen sich in die Wüste zurück, um im Gebet, in der Stille und der Zurückgezogenheit ihr Leben ganz Gott zu widmen. Später taten sich fromme Menschen zusammen, gründeten Siedlungen etwas abseits von Städten und Dörfern, um sich dem Gebet zu Gott zu weihen: die Eremiten! Das Wort Eremit leitet sich vom altgriechischen Wort „eremos“ ab, was „Wüste“ bedeutet.

 

Die Eremiten zogen sich nicht ganz aus der Welt zurück, wie es die Anachoreten taten und auch heute noch tun (die Schweigeorden wie die Kartäuser zum Beispiel). Sie waren immer greifbar für die Menschen in seelsorgerlichen Aufgaben und im Kirchendienst. Die Eremiten leiten sich aus dem Gedanken der 40-jährigen Wüstenwanderung der Israeliten ab, um durch die eigene Wüste Gott näher zu kommen. Aus den Eremitensiedlungen entstanden nach und nach die Klöster und aus den Eremiten wurden Koinobiten („koinobios“ = „Zusammenleben“) und die Orden. Auf dem Heiligen Berg Athos gibt es heute noch solche ursprünglichen Eremitensiedlungen. Fromme Männer und Frauen zogen sich jedoch immer, durch alle Jahrhunderte, etwas mehr als andere aus der Welt zurück, um ein Leben in Gebet und Buße zu führen.

 

So zog sich auch der Hl. Franz von Assisi immer wieder für Tage oder Wochen völlig zurück, um in der völligen Abgeschiedenheit Gott näher zu kommen und durch die Wüste des eigenen Selbst zu wandern, durch die Enttäuschungen und die Verlorenheit der Welt, aber auch, um sich so ganz für Gott hinzugeben. So gab er den Leitgedanken für die Franziskaner-Eremiten: „Eremo e città“, was „Stille und Stadt“ heißt. Aus diesem Leitgedanken leben auch heute noch die Franziskaner-Eremiten.

 

Es ist eine Spannung, ein Spagat, den Franziskus da vorgibt. Ein Spagat, den die aus diesem Leitbild des Hl. Franziskus entstandenen Franziskaner-Eremiten durch alle Jahrhunderte hindurch zu meistern hatten. Da die Zahl der Franziskaner-Eremiten wohl verschwindend gering war im Vergleich zu dem großen Orden, den der Hl. Franziskus begründete, finden sie in der Geschichte so gut wie keine Beachtung. Aber genau diese Spannung, die der Hl. Franziskus vorgab, faszinierte mich, war genau das Richtige für mich. Für mich war es immer wichtig, auch für die Menschen ganz greifbar da zu sein, aber ich brauchte den Rückzug in die Kontemplation und ins Gebet genauso. Der liebe Gott tat in einer kleinen Klosterkirche sein Übriges dazu, meine anfänglichen Zweifel wegzuwischen. In den Jahren danach lernte ich, beschäftigte mich ausgiebig mit dem Eremitentum, lernte einige Eremiten und Eremitinnen kennen, tauschte mich mit ihnen aus.

Letzten Endes führte mich mein Weg durch einen scheinbaren Zufall in die Alt-Katholische Kirche. Ich kam zu einem Gottesdienst und ich blieb. Hier kann und darf ich diese Berufung leben. Niemand fand mich seltsam, und ich habe soviel Herzlichkeit und Freude erfahren und offene Arme vom ersten Moment an.

 

Moderne Eremiten und Eremitinnen leben seltenst noch in einer Klause irgendwo im Wald, was nicht nur daran liegt, dass Städte und Dörfer wachsen. Sie haben fast immer ein Auto, ein Telefon, einen Computer. Heute gibt es in Deutschland geschätzte 80 Eremiten und der Frauenanteil ist größer als der der Männer. Wer denkt, Eremiten wären Menschen, die in und mit der Welt nicht zurechtkommen, der irrt. Es gibt einen Grundsatz, der für alle Eremiten gleichermaßen gilt: Wer in der Welt nicht zurechtkommt, ist als Eremit ungeeignet. Denn der Rückzug soll bewusst sein und nicht aus einer Abneigung gegen oder aus einer Angst vor Menschen und Welt. Man steht letztendlich im Gebet vor Gott für die Welt und nicht gegen die Welt.

 

In der Alt-Katholischen Kirche habe ich mit meiner „exotischen Berufung“ nach Jahren der Wüstenwanderung und der Suche eine Heimat gefunden, geistlich wie menschlich. Für mich ist das ein Geschenk Gottes, der mich damit reich beschenkt hat, wie mit so vielem.

 

Schwester Britta Alt