Orden in der Alt-Katholischen Kirche?

 

Die Frage nach dem Ordensleben scheint in unserer Kirche aktuell zu bleiben: In der vorletzten Ausgabe mussten wir vom Austritt des Klosters St. Severin aus der Alt-Katholischen Kirche berichten, dafür hat im letzten Jahr Bruder Samuel aus Aachen Mitstreiter für die Gründung einer Gemeinschaft von „Jesu Kleinen Brüdern“ im Geiste Charles de Foucaults geworben und in diesem Heft erzählt Schwester Britta Alt von ihrer Entscheidung für das Eremitendasein. Zudem schreibt Thomas Malenke über seine Erfahrungen mit evangelischen Klöstern und der Erzbischof von Utrecht berichtet, dass er die französische Prieuré de Prisches in die Alt-Katholische Kirche aufgenommen hat (siehe unter „kurz und bündig“). Vor diesem Hintergrund macht sich Harald Klein grundsätzlich Gedanken über Orden in unserer Kirche.

GR

 

Bekannt ist die Geschichte von dem Mann, der sich endlich mal einen „orden“tlichen Anzug schneidern lassen wollte. Er überlegte lange, zählte seine vorhandenen Ersparnisse und ging schließlich zu einem Schneidermeister direkt um die Ecke. Er legte das Geld auf den Tisch und sagte: „Hierfür möchte ich einen „orden“tlichen Anzug, mit dem ich mich sowohl draußen auf der Straße wie auch bei festlichen Gelegenheiten sehen lassen kann.“ Der Schneidermeister schaute sich das vorgelegte Geld an und erklärte seine Zustimmung. Als er aber das Maßband herausholen wollte, um genau auszumessen, merkte er, dass er dieses wohl bei dem letzten Kundenbesuch verlegt oder gar verloren hatte. Er musste sich mit einer Elle begnügen. Damit begann er zu messen. Der Kunde war zufrieden, auch wenn ihn dieses Vorgehen erstaunte. Aber er vertraute auf die Erfahrung des Meisters und auf die eigenen Durchschnitts-Körpermaße: „Was soll bei mir schon anders sein als bei anderen Leuten?“

Als er den Laden verließ, rief ihm der Meister nach: „Wollen Sie zwischendurch zum Anpassen vorbei kommen?“ „Nein, danke. Das kostet sicher wieder Geld. Und außerdem bin ich in nächster Zeit selten zu Hause. Ich komme, wenn der Anzug fertig ist.“

Und so geschah es. Der Mann betrat drei Wochen später den Schneiderladen und ließ sich das fertige Stück zeigen. „Es sieht hervorragend aus,“ sagte er, „ich probiere es an.“ Der Schneider aber merkte in Sekundenschnelle, dass der Anzug partout nicht passend angefertigt war. Als er dem Kunden in das Kleidungsstück hinein half, blieb ihm nichts Anderes übrig, als sehr überraschende Anweisungen zu geben: „Heben Sie bitte den linken Arm! Ziehen sie das rechte Knie an! Senken Sie ihre linke Schulter! Strecken Sie den Bauch ein wenig vor! Ducken Sie sich!“

Am Ende passte der Anzug augenscheinlich. Da öffnete sich die Ladentür und ein weiterer Kunde betrat den Laden. Er schien mit dem Schneidermeister gut vertraut zu sein. Ganz kurz musterte er den neu eingekleideten Mann und meinte zum Schneider: „Da haben Sie aber ein Meisterstück fertigbekommen.“

Und also ging unser Mann nach draußen, freilich in erstaunlicher Körperhaltung. Viele schauten ihm nach. Er fühlte sich geehrt. Und er dachte: „Endlich habe ich einen „orden“tlichen Anzug.“

 

Das rechte Maß?

 

Manchmal steht unsere alt-katholische Kirche in der Gefahr, so zu handeln wie obiger Mann. Sie bemüht sich um ein gutes Aussehen, um kirchliche Anzüge und Äußerlichkeiten, die nach allgemeiner Meinung einfach zu einer Volkskirche dazu gehören. Nur fragt sie sich zu selten, was denn nun ihre tatsächlichen Maße und Möglichkeiten sind. Und so entstehen Zwänge und Probleme, Behinderungen und falsche Eindrücke, die für unsere Lebenswirklichkeit eher beschwerend als förderlich sind.

 

Nehmen wir das Beispiel der Orden.

Einer Kirche stehen nach allgemeiner Anschauung Orden gut zu Gesicht. Schon ganz früh haben sich in der Geschichte der Christenheit (ab 320 n. Chr.) Ordensgemeinschaften gebildet: Kreise von Menschen, die sich entschlossen haben zu einem Leben in wohnungsmäßiger, hierarchischer und spiritueller Gemeinschaft (Das Wort Orden hat mit „Ordnung“ und geregeltem „Stand“ zu tun). Auch in unserer Kirche hat es immer wieder den Versuch zur Ordensbildung oder aber zur Aufnahme von bestehenden Orden gegeben. Die letzten beiden Versuche waren das Franziskuskloster in Zehdenick bei Berlin und das Severinkloster in Leinau im Allgäu.

 

Wir freuen uns, wir fühlen uns geehrt. Und wir erwarten und hoffen inständig, dass die Sache gut geht. Nur weiß ich beim besten Willen nicht, ob wir genügend bei uns selber haben Maß nehmen lassen.

 

Wer sind wir denn? Zuerst mal eine sehr kleine Kirche mit unglaublich weiten Entfernungen. Da ist die Vorgabe eines gemeinsamen Wohnens sicher schwer zu erfüllen. Es sind nicht eben mal zufällig 20 Leute in einer bestimmten Region angesiedelt, die so etwas angehen und umsetzen könnten.

 

Dann die Sache mit Hierarchie: Wenn es überhaupt eine Kirche gibt, die sich schwertut mit Oben und Unten, mit Gehorsamsversprechungen und bedingungslosen Forderungen, wie sie in Orden häufig gestellt werden, dann ist es die unsere. Alt-Katholiken waren immer Kämpfer für Freiheit und Selbstbestimmung. Ein Ordenssystem, in dem die Rechte und Zuständigkeiten dauerhaft festgelegt sind, passt schwerlich zu uns. Auch die spirituelle Ausrichtung lassen sich Alt-Katholiken nur schwer vorgeben. Immer sind wir mehr auf der Suche, als dass wir uns im Rahmen von starren Normen bewegen.

Noch ein Punkt kommt dazu. Einer der ersten wichtigen Beschlüsse unserer Kirche war, den Pflichtzölibat abzuschaffen. Bei uns kann und soll jeder Mensch selber entscheiden, ob er oder sie verheiratet sein will oder nicht. Gerade aber die Ehelosigkeit ist ein Merkmal der bekannten römisch-katholischen Orden.

 

Seit dem Mittelalter haben sich die sogenannten Evangelischen Räte in allen Orden durchgesetzt. Unter Berufung auf das Evangelium und Jesus selber wird verlangt, dass Ordensmitglieder Keuschheit (Ehelosigkeit), Gehorsam und Armut geloben.

 

Alt-katholischer Ansatz?

 

Aber kann das alt-katholischer Ansatz sein? Es ist ja auch sehr die Frage, ob die drei Forderungen tatsächlich von Jesus selber stammen oder ob nicht in der Zeit der Wanderprediger nach Jesu Tod diese Lebensweise propagiert wurde. Ich will nichts gegen diese Säulen einer bestimmten Lebensweise sagen, aber in den Erzählungen, die wir ansonsten aus den Evangelien über Jesus haben, erleben wir doch andere Vorgaben. Ausgerechnet der wichtige Apostel Petrus durfte verheiratet sein. Jesus hat ihn sogar zuhause aufgesucht und seine Familie in die Heilsgemeinschaft mit einbezogen.

 

Dann die Sache mit der Armut. Natürlich war Jesus ein Sachwalter der Armen. Aber immer ging es ihm um die konkreten armen Menschen und nicht um eine Seligpreisung der Armut als Lebensstil. Jesus konnte Feste feiern, er galt als Freund des Essens und Trinkens und hat gerade auch unter den Reichen und Gebildeten gute Bekannte und Freunde gehabt. Und die festen Hierarchien hat Jesus sowieso rundweg in Frage gestellt.

 

Ich meine, wir sollten einen ganz neuen Ansatz suchen. Wir brauchen eine ganz neue Sicht von Orden und spiritueller Gemeinschaft. Natürlich kann jemand Eremit sein. Aber wenn er oder sie alt-katholisch ist, muss er oder sie wissen, dass unsere Kirche eher eine Kontakt-Kirche ist, eine Gemeinschaftsangelegenheit.

 

Natürlich kann jemand aus christlichem Denken heraus demütig und folgsam sein, sich einordnen und Gehorsam versprechen. Aber wenn er oder sie alt-katholisch ist, muss er oder sie wissen, dass unsere Kirche eher eine kritische Kirche ist, mit dem Recht auf Mitbestimmung und Gleichberechtigung.

 

Natürlich kann jemand aus christlichem Denken heraus sich entscheiden, nicht zu heiraten. Aber wenn er oder sie alt-katholisch ist, muss er oder sie wissen, dass unsere Kirche die Ehelosigkeit niemals zur Vorbedingung für ein christliches Engagement erklären wird.

 

Neue Form!

 

Ich meine, es sollte möglich sein, eine ganz neue Form von christlicher Gemeinschaft ins Leben zu rufen, gerade in unserer heutigen Zeit. Sollten wir in unserer Kirche nicht einmal reiflich überlegen und (im Bild der obigen Geschichte) Maß nehmen, wie eine Ordensgemeinschaft aussehen könnte, die für uns sinnvoll und praktikabel ist?

 

Zentral, so meine ich, wäre die Spiritualität. Darauf könnte sich eine Gemeinschaft von Interessierten verständigen. Auf gemeinsam zu lebende Spiritualität, die aber trotzdem offen ist und auch immer wieder neu in Frage gestellt werden kann. Könnten nicht Alt-Katholiken vereinbaren, wie sie im alltäglichen Leben ihren Glauben verwirklichen und geistig verwurzeln wollen?

 

Vielleicht ergeben sich noch mehr Anhaltspunkte. Ein alt-katholischer „Orden“ könnte trotz der weiten Entfernungen über Brief-, Internet- und Telefonkontakt in Verbindung bleiben. Man muss nicht zusammen wohnen, man könnte aber vereinbaren, sich jedes oder alle zwei Jahre irgendwo zu einer spirituellen Einkehr zu treffen.

 

Selbstverständlich könnte jeder und jede verheiratet, unverheiratet, partnerschaftlich gebunden oder ungebunden sein und trotzdem den „Orden“ mittragen und ihm angehören.

 

Nach meiner Meinung könnte noch ein weiterer Punkt dazugehören: die diakonische Schiene. Gemeinsames Kennzeichen des „Ordens“ könnte sein, sich karitativ zu engagieren. Das wäre sinnvoller als eine festgelegte äußere Armut (die ja doch die eigenen Familienmitglieder bevormunden würde).

 

Das sind erste Gedanken, die weiter entfaltet werden sollten. Ich könnte mir gut vorstellen, dass in unserem Bistum so eine Gemeinschaft entstünde, die nach und nach ihre Formen und Regeln entwickelt. Mit einer solchen neuen Art von „Orden“, der unserer Wirklichkeit und Zeit angepasst ist, wäre dann auf jeden Fall unsere Kirche nicht mehr mit einem schlechten Gewissen behaftet, was klösterliche Gemeinschaften betrifft. Dann mag sich immer noch gern eine Ordensgemeinschaft nach römisch-katholischem Muster mit dem Gedanken tragen, bei uns beizutreten. Aber wir haben dann unser eigenes Bild von besonderer kirchlicher und spiritueller Gemeinschaft und müssen nicht mehr nur hoffen, dass Außenkontakte gut gehen.

 

Das Wort „Kloster“ stammt übrigens vom Lateinischen „claustrum“, was „verschlossener, geschützter Ort“ bedeutet (vgl. auch: Klausur). Später wurde dieses Wort claustrum (Kloster) ganz besonders für den in der abendländischen Klosterarchitektur typischen „Kreuzgang“, also den meditativen Innenhof eines Klosters verwendet. Insofern wäre eine solche alt-katholische Ordensgemeinschaft, wie sie hier angedacht ist, tatsächlich ein Ort der stabilen und hilfreichen Gemeinschaft, auch über Entfernungen hinweg, eine Chance sich selbst und das zu finden, was wir Kirche nennen.

 

Harald Klein