Zeit

 

 

Ein Schlagertext

 

Die Zeit
die trennt nicht nur für
immer Tanz und Tänzer.
Die Zeit
die trennt auch jeden
Sänger und sein Lied
denn die Zeit ist das
was bald geschieht.

Die Zeit
die trennt nicht nur für immer
Traum und Träumer.
Die Zeit
die trennt auch jeden Dichter und sein Wort
denn die Zeit läuft
vor sich selber fort.

Zeit macht nur vor dem Teufel halt
denn er wird niemals alt
die Hölle wird nicht kalt.
Zeit macht nur vor dem Teufel halt
heute ist schon beinah‘ morgen.

Die Zeit
die trennt nicht nur für
immer Sohn und Vater.
Die Zeit
die trennt auch eines Tages dich und mich
denn die Zeit
die zieht den längsten Strich.

Zeit macht nur vor dem Teufel halt
denn er wird niemals alt
die Hölle wird nicht kalt.
Zeit macht nur vor dem Teufel halt
heute ist schon beinah‘ morgen.

Die Zeit
alle Zeit
Ewigkeit.

Ryan Barry, 1971

 

Zeit

 

Tiere nehmen Zeit ganz verschieden wahr. Für eine Schnecke oder eine Schildkröte läuft alles wie im Zeitraffer ab. Schnelle Bewegungen können sie gar nicht sehen; sie sind wie verwischt. Ein Raubvogel und eine Fliege dagegen sehen alles wie in Zeitlupe.

Deshalb kann dem Vogel kaum ein Tier auf dem Boden entgehen, und deshalb fällt es uns so schwer, eine Fliege zu fangen.

So kann es auch sein, dass das, was uns unendlich lange vorkommt, aus anderer Sicht sehr kurz ist. Für uns etwa sind die zwei Jahrtausende seit Jesus Christus eine lange Zeit. Unglaublich viel ist passiert in dieser Zeit – wenn wir nur an die technische Entwicklung denken, die es seit der Römerzeit gegeben hat, an die geistesgeschichtliche Entwicklung, die Entwicklung der Menschenrechte.

Aber das ist die Perspektive einer Ameise.

Sechs Milliarden Jahre alt sei unsere Erde, sagt uns die Naturwissenschaft. Was also ist das bisschen Menschengeschichte innerhalb der großen Weltgeschichte? Und was sind wir, wenn es Menschen überhaupt nur so kurz gibt? „Vor Gott sind 1000 Jahre wie der Tag, der gestern vergangen ist“, sagt die Bibel im 90. Psalm, also nicht einmal wie ein Tag, sondern nur noch wie die Erinnerung daran. Wie eine Ameise können wir uns vorkommen, so groß ist das Universum und so unvorstellbar die Zeit.

 

Nun stehen wir am Beginn eines neuen Jahres. Für Menschen mit einer anderen Zeitrechnung, zum Beispiel Muslime, die ihre Zeit nach der Hedschra rechnen, dem Zug Mohammeds nach Mekka, spielt das dagegen überhaupt keine Rolle. Und wie kann es eine Rolle spielen für den, der die Zeit geschaffen hat und für den 1000 Jahre sind wie die Erinnerung an den vergangenen Tag?

 

Im Grunde ist es vermessen zu denken, er könnte sich um uns und unsere Ameisenperspektive kümmern. Er herrscht über Billiarden von Sternen seit unvordenklichen Zeiten. Er herrscht vielleicht über mehr als ein Weltall – wer kann das wissen? Und doch – ein Grund ist denkbar, warum unser Jahreswechsel und unsere Sorge um das neue Jahr Gott interessieren könnten. Nicht weil es für ihn wichtig wäre, aber weil es für uns wichtig ist. Ein Motiv gibt es, warum Gott sich am Beginn eines neuen Jahres mit uns und für uns sorgen könnte: Weil er uns, so klein wir sind, liebt. Genau das ist es, was uns die Bibel sagt: Gott liebt uns. Wie Erwachsene einem Kind geduldig und liebevoll zuhören, obwohl es nicht viel für ihr Verständnis Sinnvolles zu sagen hat, einfach weil sie es lieben, so kann auch Gott uns in unserem beschränkten Horizont voll Liebe zuhören, auch wenn wir nicht viel mehr sind als Atome in dieser immensen Welt. Wenn wir also jedes Mal zum Jahreswechsel wieder nachdenken über die Zeit und uns voll Sorge fragen, was die Zukunft bringen wird, so dürfen wir um Gottes Segen bitten am Übergang von einem Jahr in das nächste.

 

Doch was bedeutet das? Wir haben auch vor einem Jahr in den verschiedenen Silvester- oder Neujahrsgottesdiensten und in unseren privaten Gebeten um Segen gebetet, um Gottes Segen für 2010. Wenn wir zurückschauen auf das vergangene Jahr, so wird uns vermutlich allen deutlich, dass Gottes Segen nicht bedeutet vorzusortieren, das Schicksal auszusieben, nur das Schöne hinein zu lassen in das Überraschungsei neues Jahr und das Schwere draußen zu lassen, so wie wir es aussortieren würden, wenn wir könnten. Das vergangene Jahr hat nicht nur Schönes gebracht. Manche unser Leserinnen und Leser waren krank, sind es vielleicht immer noch. Manchen hat das vergangene Jahr liebe Verwandte, Freunde durch den Tod geraubt. Manche haben schwere Schicksalsschläge erleiden müssen.

 

War es also Unsinn, Gott zu bitten? Verteilt er seinen Segen willkürlich? Oder ist eh alles nur Zufall, und Gott segnet überhaupt nicht? Ist er doch so erhaben, dass ihn unsere Kinkerlitzchen nicht kümmern? Vielleicht können wir auch daraus schließen, dass wir anders bitten sollten. Die Bitte um Segen kann nicht heißen: Gott, biege das Schicksal um. Lass nicht zu, dass uns Schwieriges geschickt wird. Sondern unsere Bitte kann heißen: Lass uns spüren, dass wir Gesegnete sind, umfangen von deiner Liebe bei allem, was uns begegnet im neuen Jahr. Umfangen von der Liebe anderer Menschen, die das Schicksal mit uns tragen. Und: Schenke uns tiefe Freude, Erfüllung durch die schönen Stunden, die das neue Jahr bringen wird, damit wir sie sehen, damit wir sie genießen, damit wir aus ihnen Kraft und Freude schöpfen und spüren: das Leben ist schön, denn wir sind gesegnet.

 

In dieser Kraft mag es uns gelingen, „Ja“ zu sagen zum Leben mit allem, was es für uns bereit hält, zuzustimmen auch zu dem, was uns nicht schmecken mag. Es mag uns gelingen zu spüren, dass wir, was für ein unbedeutender Teil des Universums wir auch sein mögen, doch auch dieses unvorstellbare Universum in uns tragen und mit ihm umgeben sind von der Liebe dessen, der alles geschaffen hat und Herr ist über Zeit und Ewigkeit.

 

Die Redaktion wünscht Ihnen, dass Sie im neuen Jahr diese unendliche Liebe in Ihrem Leben immer wieder erfahren dürfen!

 

Gerhard Ruisch