10 Jahre Erd-Charta

Festakt in Den Haag

 

Mit einem Festakt im Friedenspalast in Den Haag, an dem auch die niederländische Königin Beatrix teilnahm, ist des zehnten Jahrestags der Verkündung der Erd-Charta gedacht worden.

Die Erd-Charta ist, anders als viele Deklarationen von globaler Bedeutung, kein Dokument, das von internationalen Institutionen oder von Regierungen entworfen wurde. Der Impuls zu der Erklärung ging zwar 1987 von der Kommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen aus, aber an der Formulierung des Chartatextes haben seinerzeit weltweit Tausende von Einzelpersonen und Hunderte von Organisationen mitgearbeitet. Auf der ganzen Welt arbeiten heute Menschen daran mit, die Erd-Charta bekannt zu machen und ihre Leitlinien im Bewusstsein ihrer Zeitgenossen zu verankern.

In der Präambel der Charta heißt es: „Die Menschheit ist Teil eines sich ständig fortentwickelnden Universums. Unsere Heimat Erde bietet Lebensraum für eine einzigartige und vielfältige Gemeinschaft von Lebewesen. Naturgewalten machen das Dasein zu einem herausfordernden und ungewissen Ereignis, doch die Erde bietet gleichzeitig die wesentlichen Voraussetzungen für die Entwicklung des Lebens. Die Selbstheilungskräfte der Gemeinschaft allen Lebens und das Wohlergehen der Menschheit hängen davon ab, ob es uns gelingt, eine gesunde Biosphäre zu bewahren, mit all ihren ökologischen Systemen, dem Artenreichtum ihrer Pflanzen und Tiere, fruchtbaren Böden, reinen Gewässern und sauberer Luft. Die globale Umwelt mit ihren endlichen Ressourcen ist der gemeinsamen Sorge aller Menschen anvertraut. Die Lebensfähigkeit, Vielfalt und Schönheit der Erde zu schützen, ist eine heilige Pflicht.“

 

Auch wenn hier ausdrücklich der Evolutionsgedanke zugrunde gelegt wird und kein Bezug genommen wird auf die biblische Sicht eines einmaligen göttlichen Schöpfungsaktes, werden Christen deutliche Anklänge an das „Und siehe: sehr gut“ des Buches Genesis vernehmen. Und sie werden sich heute gewiss auch der „heiligen Pflicht“ stellen, das Leben auf dem blauen Planeten zu schützen - auch wenn der Umgang mit der Erde in den ersten Zeilen der Bibel durchaus anders, geradezu gewaltsam, zur Sprache kommt. Gott selbst wird in Gen 1,28 mit den Worten zitiert: „…füllt die Erde, bemächtigt euch ihrer. Zwingt nieder die Fische des Meeres, die Vögel des Himmels und alle Tiere, die auf der Erde kriechen“ (in der Übersetzung der „Bibel in gerechter Sprache“).

Es verwundert daher nicht, dass die Ökumenische Initiative EINE WELT, Diemelstadt-Wethen, im Jahr 2001 die Aufgaben der deutschen Koordinierungsstelle der Erd-Charta (in Kooperation mit anderen Gruppen) übernommen hat und seither auf vielfältige Weise versucht, der Erd-Charta in unserem Land Aufmerksamkeit und Geltung zu verschaffen und zwar bei den Mitbürgern ebenso wie bei Unternehmen, Organisationen und Institutionen.

 

Das geschieht unter anderem durch die regelmäßige Ausbildung von Erd-Charta-Botschafterinnen und Botschaftern. Diese machen danach in ihren jeweiligen Lebenszusammenhängen die Erd-Charta bekannt und sorgen so für ihre Verbreitung. Ob diese ehrenamtliche Tätigkeit nicht auch eine lohnende Aufgabe für Menschen aus unserer Kirche sein könnte?

Übrigens enthält die Charta keineswegs nur Grundsätze zur Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen. Gleichrangig mit der Ökologischen Ganzheit werden Soziale und Wirtschaftliche Gerechtigkeit (Kapitel III) sowie Demokratie, Gewaltfreiheit und Frieden (Kapitel IV) zu Leitlinien der Charta erklärt. Wie dringend Veränderungen in unseren Denk- und Verhaltensweisen, in unseren Lebens-und Wirtschaftsweisen sind, zeigen die globalen Krisen der letzten Zeit.

An der 10-Jahres-Feier in Den Haag nahm auch der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff als Erd-Charta-Gesandter seines Landes teil. Er bezeichnete die Charta dort ausdrücklich und übrigens in Übereinstimmung mit Michail Gorbatschow, als ein spirituelles Dokument, weil darin das Paradigma, das Denkmuster der Dominanz, der Beherrschung zugunsten von Achtsamkeit, Respekt und Verantwortung vor allem Leben aufgegeben worden sei. Boff: „Wir müssen uns auf den Weg der Solidarität, des Mitgefühls und der Liebe machen … Unsere Botschaft ist es, die Großartigkeit der Schöpfung zu feiern und uns mit dem Kern dessen zu verbinden, wo alles entsteht, entspringt und alles endet – mit Fürsorge, Licht, Freude, Ehrfurcht und Liebe. … Ohne eine solche Spiritualität kann Ethik nicht existieren.“

Wer mehr über die Erd-Charta wissen will: www.erdcharta.de

 

Veit Schäfer