„Vom Ziel kommt eine Kraft her“

Drei Männer auf dem Weg zum Priesterberuf

 

So ganz frisch sind sie nicht mehr, die derzeitigen Priesteramtskandidaten unseres Bistums. Nämlich in dem Sinn, dass sie, bis auf einen, nicht direkt von der Schulbank aus mit dem Theologiestudium begonnen haben. Achim Jegensdorf (38), hat nach dem Abitur zunächst eine Ausbildung als Musikalienhändler absolviert und anschließend Historische Musikwissenschaft, Erziehungswissenschaft und Psychologie studiert. Seine alt-katholische Heimatgemeinde ist Wiesbaden, die er vor gut einem Jahr verlassen hat, um ins Döllingerhaus nach Bonn zu ziehen. Florian Groß aus Osnabrück (27) arbeitete bis zum Beginn seines Studiums als Sparkassenbetriebswirt. Der Bonner Jörn Clemens (32), hat sein Diplom in römisch-katholischer Theologie in der Tasche und wird bald das alt-katholische Aufbaustudium abschließen.

Was bewegte diese drei jungen Männer, als sie ihre gewohnten Pfade verließen und sich auf den Weg zum Priesteramt in unserer Kirche machten? Und was motiviert sie, auf diesem manchmal nicht immer einfachen Weg durchzuhalten und weiterzumachen? Diesen und anderen Fragen stellten sich die Studierenden im Gespräch mit Stephan Neuhaus-Kiefel.

 

Wann haben Sie den Entschluss gefasst, Priester werden zu wollen?

 

Clemens: Die eigentliche Entscheidung ist bei mir im vergangenen Jahr gefallen.


Jegensdorf: Sofern ich mich richtig erinnere, war das sogar mein erster Berufswunsch. Aber ich sah damals, dass unser Kaplan, dem ich mich als Grundschüler verbunden fühlte, nicht etwa deshalb keine Frau hatte, weil er keine haben wollte, sondern weil er keine haben durfte. Und mir war klar, wenngleich ich damals noch ein Kind war: Dieser Preis ist zu hoch.

 

Groß: Ich kann das ziemlich genau sagen. Bei mir war das 2003/2004, als ich aus einer sehr glaubensfernen und kirchenfernen Vergangenheit wieder Zugang zum Glauben bekommen hatte und zuerst in die Römisch-Katholische Kirche eingetreten bin. Irgendwie dachte ich, da ist noch mehr. Es reicht jetzt nicht, dass ich gefirmt bin und mich wieder Christ nennen darf, sondern da war eine Freude, die mitgeteilt werden wollte. Das hat mich nicht mehr losgelassen.

 

Sie bringen Lebenserfahrung mit und haben bereits einen eigenen Haushalt geführt. Wie lebt es sich dann in einem Wohnheim beziehungsweise Priesterseminar?

 

Jegensdorf: In der Fantasie war es schwieriger, als es sich im Nachhinein herausgestellt hat. Zumal ja bei mir dazu kommt, dass zwischen den anderen und mir rund zehn Jahre Altersunterschied liegen. Das hat sich aber als absolut irrelevant erwiesen.

 

Groß: Natürlich gibt es immer wieder mal Schwierigkeiten, wenn man zwischen Osnabrück und Bonn hängt und merkt: Das Herz ist vielleicht doch etwas mehr in Osnabrück. Aber das Ankommen ist mir hier sehr leicht gemacht worden.

 

Clemens: Ich bin vor kurzem erst hier eingezogen, weil das Haus, in dem ich wohnte, saniert werden muss. Ich verbrachte ja schon vorher viel Zeit hier im Döllingerhaus, und deshalb bin ich zuversichtlich.

 

Wie viele Theologiestudenten wohnen insgesamt im Döllingerhaus?

 

Jegensdorf: Wir drei.

 

Aber hier gibt es doch noch mehr Zimmer?

 

Clemens: Das stimmt. Das Haus ist ja auch ein Studierendenheim, das für Studenten anderer Konfessionen offen ist. Insgesamt stehen zur Zeit sechs Zimmer zur Verfügung, davon sind mit uns fünf belegt.

 

Wie gestaltet sich das Leben im Priesterseminar?

 

Clemens: Fixpunkt ist sicher immer der Mittwochabend, wenn wir in der Hauskapelle Gottesdienst feiern. Anschließend bleiben wir dann noch mit Gästen zum Essen zusammen. Und dann feiern wir noch regelmäßig morgens die Laudes, das Morgenlob, bevor wir in den Tag starten.

 

Jegensdorf: Gemeinsame Mahlzeiten sind wegen der unterschiedlichen Stundenpläne nur schwer planbar. Wenn sie stattfinden, dann recht spontan. Es beschränkt sich eher auf das Frühstück, das aber mit wirklich erfreulicher Regelmäßigkeit.

 

Ist man als Alt-Katholik an der Uni nicht ein „Exot“?

 

Groß: Absolut. Man kann es auch nicht lange verbergen. Und wenn es dann bekannt ist, wird man in jeder möglichen und unmöglichen Situation darauf angesprochen. Gestern Mittag hat zum Beispiel jemand ganz unvermittelt zu mir gesagt: „Ihr Alt-Katholiken seid ja weder alt noch katholisch.“ Das kommt gar nicht einmal von den Professoren, sondern von den Mitstudenten.

 

Wie reagieren Sie darauf?

Groß: Das muss ich noch üben.

 

Welches ist Ihr Lieblingsfach?

 

Jegensdorf: Ich mache am liebsten Kirchengeschichte und Homiletik. In der Kirchengeschichte sind es die Zusammenhänge und die großen Entwicklungslinien, die mich interessieren. Wenn es ums Predigen geht, habe ich Freude an der Auslegung und an der sprachlichen Gestaltung.

 

Groß: Bei mir ist das die Systematische Theologie, die im Grundstudium eigentlich noch gar kein Gewicht hat. Ich habe mir jetzt eine dogmatische Vorlesung angetan, die mich herausgefordert hat, da mitzukommen und dranzubleiben. Ich habe das Gefühl, dass sich in der Systematischen Theologie alles kristallisiert, was in den anderen Disziplinen gedacht wird.

 

Clemens: Aus der römisch-katholischen Zeit kann ich das gar nicht sagen. Meine Diplomarbeit habe ich im Fach Moraltheologie geschrieben. Da ging es um eine Grundlagenethik: Wie verhalten sich Mystik und Ethik zueinander? Jetzt ist es auch eher die Homiletik, die Predigtlehre, die mich begeistert, weil ich vorher kaum praktische Berührungspunkte hatte. Und schließlich fasziniert mich das alt-katholische Kirchenrecht. Das ist so ganz anders als das römisch-katholische. Vieles ist noch gar nicht geregelt.

 

Wie werden Sie auf Ihrem Weg begleitet?

 

Jegensdorf: Einmal haben wir einen Spiritual, der Ansprechpartner ist für unsere persönlichen religiösen Fragen. Aber auch jeder andere Geistliche, mit dem wir Kontakt haben, steht für uns ja prinzipiell zum Gespräch zur Verfügung. Ich habe das Empfinden, dass wir da recht gut versorgt sind.

 

Haben Sie auch schon praktische Erfahrungen sammeln können?

 

Clemens: Ich habe gerade ein Gemeindepraktikum in Blumberg und den Randengemeinden hinter mir. Das war eine gute Erfahrung. Dort nimmt der Religionsunterricht einen sehr großen Raum ein. Es hat Spaß gemacht, zu hospitieren und eigene Stunden zu halten.

 

Groß: Ich denke, für mich steht das Gemeindepraktikum im nächsten Herbst an.

 

Jegensdorf: Ich habe bislang drei eigenständige Predigten in den Gottesdiensten hier im Döllingerhaus gehalten. Im Frühjahr 2011 werde ich dann auch in mein erstes Gemeindepraktikum gehen.

 

Wenn Sie an die Aufgabe als zukünftiger Priester denken: Worauf freuen Sie sich?

 

Clemens: Ich freue mich darauf, Liturgie gestalten zu dürfen. Zunächst will ich mich auf das einlassen, was ich vorfinde, zum Beispiel Gesprächskreise. Man fängt ja in der Regel nicht bei Null an, wenn man in eine Gemeinde kommt. Ich möchte natürlich meine Ideen und Wünsche mit den Gegebenheiten vor Ort abstimmen.

 

Groß: Ich freue mich darauf, glaubende Menschen anzutreffen und sie begleiten zu dürfen. Dass es einen Geben und Nehmen wird und dass ich diese Begleitung auf vielerlei Weise gestalten darf.

 

Jegensdorf: Ich würde mich sehr freuen, wenn ich in der Gemeinde auf Alt und Jung treffen würde. Ich freue mich auf die verschiedenen Altersgruppen, vom Täufling bis ans Sterbebett: das Leben begleiten, anderen Menschen ein Weggefährte sein dürfen. Ich freue mich aber auch auf die Gemeinschaft mit meinen Amtsschwestern und Amtsbrüdern. Denn wir sind ja teilweise weit verstreut und darauf angewiesen, dass wir die Verbindung miteinander halten und uns austauschen.

 

Gibt es auch Befürchtungen oder Ängste?

 

Groß: Ja, schon. Vielleicht, nicht verstanden zu werden. Oder im Glauben ganz abgehoben zu werden. Vielleicht auch, nichts bieten zu können.

 

Clemens: Ich frage mich zum Beispiel: Wie werde ich mich in Konfliktsituationen verhalten? Gelingt es mir, zu vermitteln, aber auch Entscheidungen zu treffen? In alt-katholischen Gemeinden wird es ja nicht gerne gesehen, wenn der Pfarrer mal sagen muss: „Basta. So machen wir das jetzt.“ Das kommt mir entgegen, weil ich auch nicht so ein Typ bin, aber die Gefahr besteht, dass manches auch aus dem Ruder laufen und auseinander brechen kann.

 

Jegensdorf: Sollte ich eine Befürchtung formulieren, dann vielleicht die, zu wenig Zeit für mich zu haben. Denn nur wenn ich genügend Zeit für mich selbst haben und Kräfte sammeln kann, kann ich auch für andere da sein. Insbesondere die Hauptamtlichen unserer großen Schwesterkirche leiden ja, je länger nur desto mehr, an der stetig wachsenden Größe der „Seelsorgeeinheiten“, für die sie zuständig sind, und bilden neben den Lehrern eine der am stärksten Burn-out-gefährdeten Berufsgruppen. Ein tragfähiges Fließgleichgewicht zu finden zwischen Geben und Nehmen, ist eine Aufgabe, die auch und vielleicht sogar gerade den Menschen im geistlichen Dienst nicht erspart bleibt. Da müssen alle Geistlichen im Laufe der Zeit ihren je sehr individuellen Weg finden, denke ich.

 

Haben Sie ein Vorbild für Ihren Weg?

 

Clemens: Es gab römisch-katholische Geistliche, die mich früher begleitet haben. Aber ein bestimmtes Vorbild, das ich sofort nennen könnte, habe ich nicht.

 

Groß: Ich dachte zuerst, Anselm Grün müsste das sein. Aber dann müsste ich ganz viel schreiben. Ich fasse mich eher kurz. Er war der erste, durch dessen Bücher ich mit dem Glauben wieder in Kontakt kam. Faszinierend finde ich, dass Anselm Grün Mensch geblieben ist, bei allem was er geschrieben und was er an Aufgaben wahrgenommen hat. Er nimmt immer zuerst den Menschen in den Blick, ohne gleich mit dem Kirchenrecht anzukommen.

 

Jegensdorf: Ich kann rückblickend gleich mehrere Menschen nennen, die mich geprägt haben. Da ist zunächst meine Religionslehrerin in der Grundschule. Sie war für mich eine tief fromme Frau in einem positiven Sinn. Dann der vorhin erwähnte Kaplan, mit dem ich Sonntag für Sonntag zu tun hatte. Dann meine Familie, in der ein Klima herrschte, in dem es in religiösen Dingen Freiheit gab. Da musste niemand mit etwas hinterm Berg halten. Und schließlich Eugen Drewermann mit seiner Art, Bibel zu verstehen, zu durchdringen und zu erklären. Sein Ansatz ist mir von allen Ansätzen, denen ich bislang begegnet bin, am nächsten.

 

Ein Pfarrer ist Liturge, Seelsorger, aber auch Gemeindeleiter. Man könnte auch Manager sagen. Was bedeutet diese Bandbreite an Anforderungen für Sie?

Jegensdorf: Das bedeutet, gut auf sich zu achten und sich nicht aufreiben zu lassen. Ich muss Ruhe für mich selbst haben. Selbst Jesus hatte Zeiten, in denen er sich immer wieder zurückgezogen hat. Ich brauche die Ruhe, um reflektieren zu können, sei es in Gesprächen mit anderen, sei es für mich allein, was in den praktischen Anforderungsfeldern gerade so passiert, und um nicht in einen wohlgemeinten, aber am Ende womöglich sogar kontraproduktiven Aktionismus zu verfallen, der am Menschen vorbeigeht.

 

Groß: „Manager“ zum Beispiel bedeutet in diesem Zusammenhang für mich, dass man die Potenziale, die in der Gemeinde vorhanden sind, wahrnehmen und fördern muss. Ich bin da kein Alleinunterhalter, sondern eher ein Teamplayer. Ich würde den Fokus weniger auf mich legen als auf die Einzelnen in der Gemeinde.

 

Was macht man mit einem alt-katholischen Abschluss, wenn man kein Priester wird?

 

Jegensdorf: Die Jahre, in denen ich mit meinen musikalischen Ausbildungen mein Geld verdient habe, sind vorbei und kommen wohl allenfalls noch als Überbrückung in Frage. Ich würde versuchen, mir einen Arbeitsplatz im ökumenischen Umfeld zu suchen und, wenn irgend möglich, in dem grundsätzlich ja sehr weiten Umfeld und Kontext von „Religion, Glaube, Kirche und Gesellschaft“ bleiben wollen.

 

Groß: Ich habe ja einen Beruf, in den ich zurückkehren könnte, aber auch einen Plan C in der Schublade, falls alle Stricke reißen.

 

Es existiert das Bild, Priestersein sei eine „besondere Form“ der Nachfolge Jesu. Denken Sie das auch?

 

 

Clemens: Ja, dass es eine besondere Form ist, würde ich auch so sehen. Aber nicht in dem Sinn, dass es ein Mehr oder ein Plus ist. Nicht in dem Sinn, dass der Priester jemand ist, der besonders fromm sein muss. Was letztlich das Besondere daran ist, da bin ich für mich noch in einem Findungsprozess. Vielleicht ist es das Mehr an Zeit, denn man stellt sich ja doch sehr intensiv in die Nachfolge.

 

Da muss ich jetzt einmal nachhaken. Jemand, der ein Unternehmen leitet, der ist auch oft mehr für seine Firma da als für seine Familie. Viele Berufe sind heutzutage sehr zeitintensiv. Ist das „Besondere“ nicht vor allem durch den Zölibat in der Römisch-Katholischen Kirche geprägt? Wird nicht argumentiert, der zölibatäre Priester habe mehr Zeit?

 

Groß: Im Alt-Katholizismus liegt der Fokus ja viel stärker auf der Gemeinde. Es geht um die Gemeinde mit dem Priester. Ich würde sagen, der Priesterberuf ist deshalb etwas Besonderes, weil der Priester nicht aus seiner Rolle heraus kann. In der Gemeinde kann jedes einzelne Mitglied „aussteigen“, wenn es ihm zu viel wird, ohne weitere Konsequenzen. Das kann ein Priester nicht.

 

Clemens: Der Priester ist in der Gemeinde der permanente Ansprechpartner und theologische Fachmann, die Priesterin ist theologische Fachfrau. Dazu zieht man sich ja dieses Studium auch rein. Für irgendetwas muss es ja gut sein.

 

Was gibt Ihnen Kraft und Zuversicht, Ihren Weg zu gehen?

 

Groß: Gespräche. Viele Gespräche. Ich merke immer wieder: Nur aus mir heraus habe ich eigentlich gar keine Kraft, das durchzustehen. Da bin ich auch auf wohlwollenden Zuspruch angewiesen. Habe ich schon das Gebet erwähnt?

 

Clemens: Für mich sind das auch Gespräche. Gerade auch die hier im Haus. Dazu kommt die Laudes morgens als Einstieg in den Tag und die gemeinsame Eucharistiefeier.

 

Jegensdorf: Was mir hilft, ist die nahezu durchgängige positive Resonanz auf meine Entscheidung. Irgendwann spricht sich eine solche Entscheidung ja herum oder man erzählt es selbst. Da gibt es viele Menschen, die mich dazu beglückwünscht haben, auch solche, von denen ich das gar nicht erwartet hätte. Ich spüre, dass hier der Raum für die Fragen ist, die mich beschäftigen. Deshalb gibt es für mich gerade keinen anderen Ort, an dem ich erst einmal richtiger bin als hier. Und ich habe ja auch ein konkretes Ziel vor Augen, nämlich das Leben gemeinsam mit anderen gestalten zu können. Und von diesem Ziel kommt eine Kraft her.

 

Interview: Stephan Neuhaus-Kiefel