„So von Gott reden, dass sich etwas ändern kann“

Verleihung des Predigtpreises 2010

 

Dass Prediger und Kirchen den Anspruch haben, ihre Verkündigung möge solch verändernde Wirkung auf Kopf und Herz der Zuhörer und damit auf die Welt entfalten, muss nicht weiter verwundern. Aber das Motto des Predigtpreises, es stammt von Professor Rolf Zerfaß, hat sich der Verlag für die Deutsche Wirtschaft in Bonn für die diesjährige Preisverleihung zu eigen gemacht. Das macht dann schon neugierig. Wie kommt ein Wirtschaftsunternehmen dazu, einen Preis für die besten Predigten zu stiften und zu fördern?

 

Das hängt damit zusammen, dass sich der Verlag mit seinen breit gefächerten Informationsdiensten seit jeher der Pflege der Sprache verpflichtet weiß. So hat er bereits 1994 den Cicero-Rednerpreis gestiftet. Auf Initiative des Aufsichtsratsvorsitzenden des Verlags, Norman Rentrop, wurde im Jahr 2000 der Predigtpreis gestiftet. Der Preis wurde heuer also zum zehnten Mal verliehen. Für den EKD-Synodalen ist die Predigt eine besondere Form der Rede, die öffentliche Aufmerksamkeit und Gehör verdient. „Ich will Gottes Freundlichkeit bekannt machen“, sagt der Initiator des Preises, auf seine Motive befragt, schlicht, „und nicht zuletzt auch den Einsatz vieler Predigerinnen und Prediger würdigen.“

 

Reichlich Arbeit hatte die Jury in diesem Jahr, um die Preisträger zu bestimmen: 350 Predigten waren eingereicht worden. Auch eine alt-katholische war darunter, wie von der Projektleitung zu erfahren war.

Der Preis gliedert sich in verschiedene Kategorien. Für die beste Predigt des Jahres 2010 wurde die Vikarin Anja Siebert ausgezeichnet. Ausgehend vom Einzug Jesu in Jerusalem (Johannes 12,12-19) hatte sie am Palmsonntag 2009 in der Steglitzer Matthäuskirche das Szenario entwickelt, Jesus käme demnächst in die deutsche Hauptstadt. Anschaulich, amüsant und nicht ohne gelinden Spott schildert sie die hektischen Vorbereitungen der Medien und des Regierungsapparats zum Empfang des Gastes, von dem offenbar niemand so recht weiß, wie man mit ihm umgehen soll. Beflaggung, Roter Teppich, Ehrenformation der Bundeswehr. „Was für ein Reich hat er denn?“ wird da gefragt. „Ist er Präsident?“

„Na, wenn Sie Probleme mit dem Protokoll haben, dann rufen sie doch mal beim Bischof an. Die kennen sich da doch irgendwie mit diesem Jesus aus“, wird einem aufgeregten Staatsdiener empfohlen. Auch für zahllose Einzelne bleibt die Ankündigung vom Kommen Jesu nicht ohne Wirkung. Viele versammeln sich auf den Friedhöfen, um bei der Auferstehung dabei zu sein. Ein lange zerstrittenes Geschwisterpaar erwägt, sich am Grab der Mutter auszusprechen und zu versöhnen. Erzählt wird von einem Krankenbesuch auf der Intensivstation, um sich „ein bisschen kennenzulernen“ und sich gemeinsam mit dem Schwerkranken die Zeit des Wartens „schön zu machen“.

Jesus taucht dann doch nicht auf, niemand weiß, ob er da war. Aber die Ankündigung allein hat ausgereicht, um die Hauptstadt zu verwandeln. Der Autoverkehr ist im Lauf des denkwürdigen Tages zum Erliegen gekommen. Gegen Abend stellen die Leute Tische und Stühle aus ihren Wohnungen auf die Fahrbahnen, überall setzten sich die vom Warten Erschöpften zum Essen und Trinken zusammen. Menschen, die sich gar nicht kennen. Die türkischen Nachbarn machen auch mit und haben ihren Grill aufgestellt, und jeder kann sich da was holen. In der ganzen Stadt dasselbe: die Leute essen und trinken miteinander. Sie Straßenmusiker spielen auf. „Haste so was Verrücktes schon mal erlebt?“ In die Zeitungsredaktionen flattern unglaubliche Meldungen wie: heute keine Kriminalität in der Stadt, Menschen besuchen Gefängnisse und feiern mit den Häftlingen, viele Helfer in den Suppenküchen. Bundespräsident feiert mit Hartz IV-Empfängern, Obdachlose im Park nicht allein. Und alle Zeitungen haben am anderen Morgen dieselbe Schlagzeile: Hosianna, Berlin, Hosianna!“

 

Zwei Sonderpreise für die besten Predigten für nichtkirchliche Anlässe wurden ebenfalls vergeben. In der Preiskategorie Lebenswerk wurde der Innsbrucker Altbischof Dr. Reinhold Stecher ausgezeichnet. Er hat seine Gedanken während einer nächtlichen Autofahrt zu einer Predigt zusammengefasst. Scheinwerfer, Klimaanlage und Zündkerzen sind ihm darin die zeitgemäßen An-Zeichen für das Wirken des Geistes Gottes. Er schließt mit den Worten: „Aber die Schatten des Daseins sind nicht so bedrückend, wenn die Scheinwerfer der Weisheit das erkennen lassen, worauf es ankommt, wenn die Klimaanlage halbwegs funktioniert, die uns mit menschlichem Flair umgibt und wenn hie und da die Zündkerzen ihren Funken des Schöpferischen sprühen lassen, die den Motor der Liebe in Gang setzen. Der Geist Gottes, der das All erfüllt, sorgt, dass wir nach Hause kommen“.

 

Der einzige alt-katholische Beitrag übrigens stammt nicht von einem Theologen, sondern von einem Mediziner. Der Psychiater Dr. Christian Flügel schaffte es mit seiner Predigt zum Sonntag nach Weihnachten 2009 in Essen immerhin in die Vorrunde. Wer mehr über den Predigtpreis wissen will: www.predigtpreis.de. Von dort aus kann man übrigens auch auf die Datenbank aller von der Jury je geprüften Predigten zurückgreifen und sie sich kostenlos herunterladen.

Veit Schäfer