Kitsche Kleider

 

Seitdem ich Chefredakteur von Christen heute bin, schaue ich kritischer auf alles, was geschrieben steht oder gesprochen wird. Das ist ganz automatisch passiert. Manchmal entdecke ich dabei ganz lustige Sachen.

 

Zum Beispiel kann man in Werbeprospekten und Zeitungen häufig lesen, dass es irgendwo „chice Kleider“ zu kaufen gibt. Kaum habe ich das getippt, schon macht das Rechtschreibprogramm eine rote Schlangenlinie darunter – nicht ganz zu unrecht. Denn was soll das sein? Naheliegend ist die Annahme, es handle sich dabei um einen deutschen Ausdruck. Das spräche man dann „chitze Kleider“. Aber was bitte soll das sein?

 

Also muss man weiter überlegen, und gleich kommt der findige Leser, noch schneller die Leserin, zur Erkenntnis, dass „chice“ wohl ein französisches Wort ist, schließlich ist unser westliches Nachbarland das Land der Mode schlechthin. Der „Chic de Paris“ ist nicht umsonst sprichwörtlich. Soweit so gut, wenn nur das „e“ am Schluss nicht wäre. Denn das veranlasst den Franzosen wie die Französin da „schiss Kleider“ zu lesen, mit einem Hauch von „ö“ nach den beiden „s“. War wohl nix.

 

Gut, die meisten neueren Fremdwörter kommen ja aus dem Englischen. Doch der Versuch bringt schnell die Erkenntnis, dass „tscheiß Kleider“ keine wirkliche Verbesserung darstellen. Ähnlich das Experiment mit dem Spanischen, denn „tschithe Kleider“ – „th“ wie ein englisches „ti eidsch“ gesprochen – klingt kaum weniger anrüchig. Nun, auch das andere Hauptland der Mode, Italien, böte sich an. Doch auch dass die Leute uns „kitsche Kleider“ empfehlen wollen, ist doch eher unwahrscheinlich.

 

So kann’s gehen, wenn man sich besonders schick ausdrücken will. Ich glaube, wenn ich mit weiteren Sprachen experimentieren würde, das Ergebnis würde nicht besser. Aber halt, was war das grad? Vielleicht wäre das ja die Lösung: „Schicke Kleider“. Siehe da, das Korrekturprogramm macht keine Unterkringelung. 

 

Noch ein Beispiel für gefährliche Versuche zu gefallen gefällig? Regelmäßig erscheinen auf den Schaufensterscheiben der Kaufhäuser große Aufkleber mit dem Wort „sale“. Da muss man immerhin so lange nicht rätseln wie bei „chice“, denn das Englisch-Wörterbuch bietet „Absatz, Abstoßung, Abverkauf, Ausverkauf, Schlussverkauf“. So ein englisches Wort mag ja vielleicht chicer sein, aber wie groß ist wohl der Anteil der vorbei Schlendernden, die keine Ahnung haben, was das heißen soll? Ich würde mich nicht wundern, wenn es mehr als die Hälfte wären.

 

Vor allem aber wundert mich, dass hier, so nahe an der französischen Grenze, keiner auf die Idee kommt zu überlegen, was sich wohl die zahlreichen westlichen Nachbarn, die in Freiburg einkaufen, denken, wenn sie „sale“ lesen. Das Französisch-Wörterbuch schlägt vor „schmuddelig, schmutzig, unflätig“. Gut, nicht? Solche Klamotten würde ich auch billig loswerden wollen, wenn ich der Ladenbesitzer wäre. Aber kaufen?

 

Bleibt zu guter Letzt noch die Erwähnung der Könige unter den Modernisierern der deutschen Sprache, die Poeten der Bahn.

 

So viel wurde schon über sie geschrieben, dass man sich fragt, ob es pietätlos ist, auch noch in diese Kerbe zu hauen. Aber wenn die Beispiele halt so schön sind? Ich meine jetzt gar nicht den „Inter-City-Express“ und den „Service-Point“, schließlich rudern sie schon langsam zurück bei den Anglizismen. Ich meine solche Blähsätze wie „Bitte beachten Sie auch die örtlichen Lautsprecheransagen am Bahnsteig“. Gibt es auch überörtliche Lautsprecheransagen? Gibt es auch Ansagen ohne Lautsprecher? „Bitte beachten Sie auch die Ansagen am Bahnsteig“ wäre genug, ja mehr als genug, denn da sie immer schon erfolgen, bevor die Türen auf sind, versteht sie keiner der Ankommenden und man könnte sie einfach weglassen. Beachtenswert ist auch der kürzlich gehörte Stabreim in „Bitte achten Sie auf die Zugzielanzeigen über den Durchgangstüren.“ Wie wär’s mit: „Bitte schauen Sie, ob Sie im richtigen Zuteil sitzen. Das Ziel steht über den Türen.“

 

Doch manchmal wird es ihnen bewusst. Dann versuchen die Poeten die Blähsätze durch Schrumpfsätze wieder gut zu machen. Das geschieht in folgender Situation: Es ist 9.15 Uhr. Sie warten seit 20 Minuten auf den Zug, der nicht kommt. Dann die Durchsage: „Der Inter-Regio xy, Abfahrt war 9 Uhr 3, kommt heute gegen 9 Uhr 25 an.“ Wie schafft er das, abzufahren, bevor er ankommt? Es hätte natürlich „geplante Abfahrtszeit war …“ heißen müssen, aber das wurde wegrationalisiert.

 

Aber das schönste Erlebnis hatte ich mit einem leider humorlosen Schaffner, pardon: Zugbegleiter. Kurz nachdem er angesagt hatte: „Der Zug fährt um 10 Uhr 4 aus Gleis drei“, kam er bei mir vorbei. Ich sprach ihn an, wie er denn so ruhig bleiben könne und ob er nichts unternehmen wolle, wenn er doch schon wisse, dass der Zug entgleisen wird. Als er mich verständnislos anschaute, erklärte ich ihm, dass ich es viel besser finde, wenn der Zug auf dem Gleis fährt anstatt aus dem Gleis. Aber er meinte nur „dafür bin ich nicht zuständig“ und ging eiligst weiter.

 

Ich empfehle, Augen und Ohren offen zu halten und zu beachten, wie Menschen mit unserer Sprache umgehen. Es ist eine unerschöpfliche Quelle der Heiterkeit.

 

Gerhard Ruisch