Historische Wende ... wie leicht geht das?

 

Wenn man den Medien glauben darf, hat das Oberhaupt der Römisch-Katholischen Kirche im November 2010 in einem veröffentlichten Interview eine historische Wende vollzogen, indem es seine Meinung zur Benutzung von Kondomen revidiert hat.

 

Doch bevor die sich daran anschließenden Jubelarien in Presse, Fernsehen und Internet weitergehen, möge man doch einmal genau hinhören, was Benedikt XVI. gesagt hat. Er hat Benutzung von Kondomen in „begründeten Einzelfällen“ für erlaubt erklärt und weiter ausgeführt, wenn es darum gehe, die Ansteckungsgefahr zu verringern, könne der Einsatz von Kondomen „ein erster Schritt sein auf dem Weg hin zu einer anders gelebten, menschlicheren Sexualität“. Ein begründeter Einzelfall für eine Ausnahme von dieser Haltung könne aber etwa der Fall sein, dass männliche Prostituierte ein Kondom verwenden, heißt es weiter. Dies könne dann „ein erster Schritt zu einer Moralisierung“ sein und könne helfen ein Bewusstsein zu entwickeln, „dass nicht alles gestattet ist und man nicht alles tun kann, was man will“.

 

Unabhängig davon, dass die letzte Aussage sich nicht vielen Menschen erschließen dürfte, muss doch bitteschön die Kirche im Dorf gelassen werden! Hier wurde doch keine historische Wende vollzogen, hier werden, warum auch immer, ganz wenige Einzelfallregelungen getroffen. Dabei berührt es zudem merkwürdig, dass als Beispiel die männliche Prostitution genannt wird – und wieso die Benutzung von Kondomen durch Prostituierte ein erster Schritt zu einer Moralisierung sein kann, ist nicht klar. Warum ein Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Prostituierten? Wessen Moral meint der Papst hier, die der Prostituierten oder die der „Freier“? Und fallen unter die „wenigen begründeten Ausnahmen“ automatisch auch Ehepartner, von denen einer mit HIV infiziert ist?

 

Bislang vertritt die römisch-katholische Kirche die Position, dass auch im Kampf gegen die weitere Ausbreitung von Aids der Einsatz von Präservativen nicht gestattet werden dürfe. Noch bei seiner Afrikareise im vergangenen Jahr hatte Benedikt eine Zustimmung zur Nutzung von Kondomen abgelehnt. „Man kann das Aids-Problem nicht durch die Verteilung von Kondomen regeln. Ihre Benutzung verschlimmert vielmehr das Problem“, sagte er damals und erntete dafür weltweite Kritik. Sein Vorgänger Johannes Paul II. hatte 1993 bei einer Afrika-Reise sogar verkündet, die eheliche Treue sei das einzige Mittel, um „die tragische Wunde“ Aids zu heilen.

 

Diese Aussagen werden auch durch die vorgeblich historische Wende nicht revidiert. Immer noch sieht es ein Papst als seine Aufgabe an, Menschen in aller Welt, ob verheiratet oder nicht, vorzuschreiben, ob sie verhüten wollen oder müssen. Und das Oberhaupt einer Weltkirche scheut sich auch nicht für einzelne Menschengruppen vorzuschreiben, wie und wann und ob überhaupt sie „ausnahmsweise“ verhüten „dürfen“ oder sich schützen dürfen. Auch ein solches Verhalten ist das Ergebnis des 1870 verkündeten „universalen Jurisdiktionsprimates“.

 

Worin also soll bei den jüngsten Äußerungen des Papstes die historische Wende bestehen? Eine historische Wende wäre es gewesen, wenn Benedikt das geäußert hätte, was sich auf unserer Bistums-Homepage findet und dem sich die meisten anderen weltweiten

romunabhängigen katholischen Kirchen anschließen können: „Die Familienplanung gehört zur freien Entscheidung der Ehepartner, die sie vor Gott und ihrem Gewissen verantworten“.

 

So aber bleibt die Tatsache bestehen, das sich der römische Papst weiterhin massiv in die zwischenmenschlichen Beziehungen weltweit einmischt, und das ist weiß Gott keine irgendwie geartete Wende. Schade, dass heutzutage bald jede Äußerung von Kirchenführern, Politikern, ja selbst Künstlern den Menschen als historisch verkauft wird.

 

Manfred Backhausen