Wir bauen...

Bistumsopfer 2011

Augsburg

 

Als uns für das Jahr 2011 das Bistumsopfer zugesprochen wurde, hat uns die Synodalvertretung auch den Auftrag erteilt, dem sogenannten „Bistumsopfer“ einen neuen Namen zu geben. Sowohl Kirchenvorstand als auch Bauausschuss und Fundraisinggruppe zerbrachen sich den Kopf - und am Ende standen da nur zwei Worte: Wir bauen … – ganz unspektakulär.

 

Wir bauen…

 

Für unsere Gemeinde in Augsburg aber bezeichnen diese beiden Worte ein Wunder. Denn es wird Realität, woran fast niemand mehr geglaubt hat: Noch in diesem Jahr bauen wir unsere eigene Kirche. Und Sie? Ich weiß natürlich nicht, wo Sie wohnen; ganz im Norden auf Nordstrand, im oberbayerischen Rosenheim, oder irgendwo dazwischen in unserem flächenmäßig so großen Bistum. Vielleicht wird in Ihrer Gemeinde ja auch gebaut oder renoviert. Dann können Sie ebenfalls sagen:

Wir bauen…

… und unser Wunsch ist, dass alle Alt-Katholikinnen und Alt-Katholiken in Deutschland aus tiefster Überzeugung sagen: „Wir bauen eine Kirche in Augsburg“. Damit Sie dies sagen können, werden wir Sie in den kommenden elf Monaten an dieser Stelle mitnehmen und nach Augsburg führen. Natürlich halten wir Sie über die Baufortschritte auf dem Laufenden und berichten darüber, wo und wie die Kirche gebaut wird. Wir möchten Ihnen aber auch Einblicke in unser Gemeindeleben und die Stadt Augsburg geben.

 

Geschichte

 

Eigentlich können Sie heute schon mit gutem Gewissen sagen „Wir bauen“. Denn dass unser Kirchenbau schon in diesem Jahr Wirklichkeit wird, verdanken wir vielen Menschen in unserem Bistum, die bereit waren, über ihren eigenen Kirchturm hinauszuschauen. Finanzierbar ist unser Bauvorhaben nur, weil Gemeinden finanzielle Mittel zur Verfügung stellen. Deshalb will ich Ihnen in dieser Januarausgabe die Geschichte unseres „Bau-Wunders“ erzählen:

Die Gemeinde Augsburg genießt seit 117 Jahren Gastrecht in verschiedenen evangelisch-lutherischen Kirchen. Lange war dies die Goldschmiedekapelle bei St. Anna, und seit nunmehr 59 Jahren feiern wir Gottesdienst in der Heilig-Geist-Kapelle am Roten Tor. Für die Nutzung der Gemeinderäume neben der Kapelle müssen wir Miete bezahlen. Diese monatlichen Mietzahlungen verhinderten die Bildung von Eigenkapital. Zudem standen den monatlichen Ausgaben nie regelmäßige Einnahmen - zum Beispiel aus einer gemeindeeigenen Dienstwohnung - gegenüber.

Unsere Vision von einer eigenen Kirche mit Gemeinderäumen und Wohnungen konnte also nur Wirklichkeit werden, wenn wir Kapital in Form innerkirchlicher Kredite von anderen Gemeinden und dem Bistum erhielten. Wir alle wissen, dass es in unserem Bistum keine großen Reichtümer gibt. Dass es nun möglich war, das Kapital für den Erwerb des Grundstücks und für die Baukosten zusammen zu bekommen, ist für mich und für uns ein großartiges Zeichen für funktionierende Solidarität in unserer Kirche. Es lässt uns sehr hoffnungsvoll in die Zukunft blicken.

 

Suche nach dem Weg

 

Insgesamt befinden wir uns seit etwa viereinhalb Jahren in einer Planungsphase. Grundvoraussetzung war, dass die Gemeinde bereit ist, sich von ihrer langjährigen Heimat, der Heilig-Geist-Kapelle, zu trennen und einen Neuanfang zu wagen. Wir erleben wöchentlich die großen Nachteile des bisherigen Standortes: keine Parkplätze, schlechte Bausubstanz und daraus resultierende Schimmelbildung in der Kapelle, eingeschränkte Möglichkeiten für Kinder- und Jugendarbeit, da keine Grünflächen vorhanden sind. Trotzdem sind viele Menschen mit diesem Ort tief verbunden: Nicht wenige Gemeindemitglieder wurden in der Heilig-Geist Kapelle getauft, feierten dort ihre Erstkommunion und Firmung und gaben sich in der Kapelle das Ja-Wort. Es ist nicht leicht, einfach zu gehen. Eine andere Kirche, die von heute auf morgen da gewesen wäre, hätte nur schwer zu einer neuen Heimat werden können. Es ist gut, dass wir einen langen und behutsamen Prozess gehen.

Zu Beginn unserer Planungen gab es eine ganz andere Idee: Auf einem ehemaligen amerikanischen Kasernengelände steht eine Kirche. Die Stadt suchte einen Käufer. Einige von Ihnen kennen eine solche Kirche vielleicht: Überall dort, wo amerikanische Truppen stationiert waren oder sind, ist dieser Prototyp zu finden. Wir planten eine umfassende Sanierung und einen Umbau. Nach und nach stellte sich jedoch heraus, dass uns dieses Vorhaben vor unkalkulierbare Risiken stellen würde. Nach zwei Jahren haben wir einen Schlussstrich gezogen. Das war keine einfache Entscheidung, ist doch schon viel Engagement in dieses Projekt geflossen. Aber das Rad konnte auch nicht mehr zurück gedreht werden.

 

Gefunden!

 

Die Idee jedoch, dort auf dem sogenannten Sheridan-Areal eine neue Heimat zu finden, ließ uns nicht mehr los. Denn was in diesem neuen Stadtviertel entsteht, bietet uns als Gemeinde fast unbegrenzte Möglichkeiten: Ein neues Viertel mit moderner Wohnbebauung, einem Gewerbegebiet und einem Schulzentrum. Herzstück aber ist der Park, der sich wie ein Fluss durch das gesamte Areal zieht. Etwa 3000 Menschen werden dort ein neues Zuhause finden, und wir sind als alt-katholische Gemeinde mit unserer Stadtteilkirche mittendrin. Inspiriert durch den Kirchenneubau in Hannover wagten wir die kühne Idee, einfach neu zu bauen.

Schon die ersten Überlegungen zeigten die Vorteile: Wir können alles ganz und gar nach unseren Bedürfnissen planen. Unser Anspruch, so ökologisch wie möglich zu bauen, lässt sich in einem Neubau viel einfacher verwirklichen. Ein hoher energetischer Standard macht die Wohnungen für Mieter attraktiv, da die Nebenkosten niedrig und planbar sind – auch der Gemeinde erspart er in den nächsten Jahrzehnten sehr viel Geld.

Als Kirchengemeinde zu bauen, bedeutet auch, sich einer großen Verantwortung bewusst zu sein. Aus Gründen der Nachhaltigkeit und um Ressourcen zu schonen, bauen wir mit und aus Holz. Dass wir mit dem Architekten Frank Lattke einen einfühlsamen Planer mit großem Wissen über die moderne Holzbauweise gefunden haben, ist einer jener glücklichen Umstände, die sich in den vergangenen Jahren zusammenfügten. Was mich besonders fasziniert, ist das große Engagement vieler Gemeindemitglieder, die sich mit ihren jeweiligen Begabungen für die Verwirklichung des Vorhabens einsetzen: Ob schwarze Wollsocken für die Pfarrerinnen und Pfarrer unseres Bistums gestrickt oder 400 Bratwurstsemmeln auf dem ökumenischen Kirchentag in München verkauft werden, dem Ideenreichtum nicht nur beim Spendensammeln sind keine Grenzen gesetzt.

 

400 Bratwurstsemmeln für den Kirchenbau

 

Was wir am 12. Mai 2010 in München erlebt haben, das möchte ich Ihnen ein wenig genauer schildern: Die Fundraisinggruppe hat ein wirklich großes Projekt angepackt. Sie hatte sich vorgenommen, beim Eröffnungsabend des Ökumenischen Kirchentages in München einen Verpflegungsstand zu organisieren. Die Umsetzung dieser Idee war alles andere als einfach. Unglaublich viele Auflagen gilt es zu beachten, wenn man bei einer solchen Großveranstaltung Essen verkaufen möchte. Die Organisatorinnen waren auf mehreren Vorbereitungstreffen, und jedes Mal brachten sie andere Anforderungen mit nach Hause. So wurde beim Kirchenkaffee überlegt, wie es möglich wäre, fließend warmes Wasser in den Verkaufsstand zu legen. Gott sei Dank hat dies dann doch der Kirchentag organisiert. Aber es blieben noch genügend Herausforderungen, musste doch das gesamte Equipment an diesem Tag nach München transportiert und mitten in der Nacht wieder nach Hause gebracht werden.

Ein Team motivierter Frauen und Männer fand sich bereit zu grillen, Getränke auszugeben und ein Kirchenbauquiz anzubieten. Ein anderes Team bastelte 300 Filzmäuse, so dass alle, die sich beim Quiz beteiligten, eine „Kirchenmaus“ mit nach Hause nehmen konnten. Was wir an jenem Abend in München erlebten, ist für uns Alt-Katholiken, die überschaubare Gemeinden und Veranstaltungen gewohnt sind, unglaublich: Durch die Sendlinger Straße, in der wir unseren Stand hatten, drängten sich zehntausende von Menschen. Die Qualität unseres Standes sprach sich schnell herum. Viele kamen ganz gezielt zu uns, da wir durch gute Organisation dafür sorgten, dass man schnell seine Wurstsemmel genießen konnte.

Am Ende waren 400 Wurstsemmeln an den Mann und die Frau gebracht, die Filzmäuse hatten ein neues Zuhause gefunden und viele Menschen waren über die Existenz unserer alt-katholischen Kirche und unser Bauprojekt informiert worden. Wir rochen ziemlich streng nach Bratwurst, waren total fertig, aber sehr froh und glücklich. Bestätigt wurden wir auch in unserem Bauvorhaben: „Dass ihr heute eine Kirche baut, das finde ich mutig!“ sprach so mancher und ging gesättigt und mit einer Kirchenmaus in der Tasche seiner weiteren Wege auf dem ÖKT. Für unsere Vision, eine neue Kirche zu bauen, haben wir viele positive Rückmeldungen erhalten. Das trägt und bestärkt uns bei der konkreten Umsetzung!

 

Wir bauen…

… bauen Sie mit!

 

Alexandra Caspari