Feiern können!

 

Wir Alt-Katholiken können vielleicht feiern! Da macht uns so leicht keiner was vor. Ich muss nur die Gemeindebriefe anschauen, die ich bekomme, oder die Gemeindeberichte, die in Christen heute erscheinen. Grillfeste, Gartenfeste zuhauf und dazu Martinsgans-Essen, Jubiläen, Einweihungen, Erstkommunionen und Firmungen, Ausflüge, Gemeindebesuche – nichts davon ohne Fest. Immer biegen sich die Tische, immer wird das Kuchenbuffet gelobt, und das zurecht, und natürlich wird auch gehörig auf den Anlass angestoßen. Bei uns geht es nicht so steif zu wie in den Gemeinden anderer Kirchen, sagen uns Gäste, das zeige sich schon im Gottesdienst, aber bei den Festen erst recht. Wir hören das gern und kultivieren es, klar.

 

Nichts liegt mir ferner, als Ihnen das vermiesen zu wollen. Ich feiere ja selber gern und freue mich, wenn ich einen Anlass finde. Der Feier-Abend einmal im Monat ist eine Veranstaltung in unserer Gemeinde, die ich schätze. In evangelischen Gemeinden gibt es „Feier-Abend-Gottesdienste“. Die sind dann meditativer und die Predigt ist etwas länger. Unser Feier-Abend ist ein Abend, an dem sich die Gemeinde einfach zum Feiern trifft. Ein anderer Anlass oder Inhalt wird nicht gebraucht. Grillfest, Raclette, Film anschauen ist genug Programm. Schön! Alt-katholisch eben. Gefällt mir.

 

Trotzdem beschleicht mich manchmal ein Unbehagen. Und zwar dann, wenn mir auffällt, dass das die Anlässe sind, zu denen sich die Gemeinde gerne trifft, während andere Angebote nie mehr als zwei oder drei herbeilocken können. Das ist dann das Bibelgespräch, der thematische Gesprächskreis, die Schweigemeditation. Der Blick in andere Gemeindebriefe zeigt, dass viele Gemeinden so etwas schon gar nicht (mehr?) anbieten. Da gibt es natürlich den Sonntagsgottesdienst, klar. Aber sonst nur noch den Ausflug des Frauenkreises und den monatlichen Stammtisch, das war’s dann. Da frage ich mich schon, ob der Zustand mit „da geht es locker zu“ genügend beschrieben ist. Sind da nicht eher ein paar Schrauben locker, so locker, dass da schon ein paar Teile abgefallen sind, die eine Gemeinde erst zur Gemeinde machen und die sie von einem Feier-Verein unterscheiden?

Nun ist mir natürlich hinlänglich bekannt, dass sich triftige Gründe anführen lassen, warum es in alt-katholischen Gemeinden schwieriger ist als in anderen, Menschen für zusätzliche geistliche Angebote zum Sonntagsgottesdienst zu gewinnen. Viele wohnen weit entfernt und es ist ihnen hoch anzurechnen, dass sie gelegentlich den Weg für den Gottesdienst auf sich nehmen – dass sie wegen einem halbstündigen Abendlob auch noch, sagen wir, am Mittwoch kommen sollen, kann man nicht verlangen. Es gibt Gemeinden, wo die Verhältnisse so krass sind, dass es praktisch überhaupt niemanden gibt, der kommen könnte.

 

Und dennoch meine ich, locker ist zu wenig. Es ist schön, dass wir feiern können – aber es macht eine Gemeinde nicht zur Gemeinde Christi. Zur Gemeinde wird sie dadurch, dass sie mit Jesus Christus lebt. Ich glaube, dass Jesus auch beim Gemeindefest dabei ist; seine Gegner haben ihm ja selbst zum Vorwurf gemacht, dass er gerne gefeiert hat. Aber die Verbindung mit ihm im Gebet, im gemeinsamen Ringen um sein Wort und darum, wie Nachfolge Jesu heute gelebt werden kann, hat da doch noch einmal eine andere Qualität. Feiern? Aber ja! Aber feiern nur mit Essen und Trinken? Zu wenig! Es genügt nicht, damit Gemeinde Gemeinde Christi ist. Es genügt nicht, um ihr eine Zukunft zu geben. Dafür braucht es noch ein anderes Feiern: Gottesdienste feiern, Gebete feiern, Besinnungen feiern, Lichtvespern feiern, Bibelabende feiern, Einkehrtage feiern. Eben geistliche Feste feiern. Locker zugehen darf es dabei schon, fröhlich und freundlich. Aber auch ernsthaft, damit es mehr ist als ein Alibi. Es mag sein, dass die Teilnahme bei uns schwieriger ist als anderswo. Aber das heißt nicht, dass es uns der Aufgabe enthebt. Es heißt nur, dass wir mehr Fantasie aufbringen müssen, um umfassend christlich feiern zu können.

 

Die Januar-Ausgabe von Christen heute wird sich dem Thema „Alt-katholische Spiritualität“ widmen. Vielleicht haben Sie ja Ideen dazu, wie wir als Alt-Katholiken unseren Glauben feiern können?

 

Gerhard Ruisch