Vom Sterben und vom Tod

 

Als Leserbrief zu den Beiträgen über die Bestattungskultur in der November-Ausgabe von Christen heute hat Johannes Kinmayer aus Passau uns einen Beitrag zugesandt, der uns viel mehr zu sein scheint als ein Leserbrief. Deshalb soll er hier Platz erhalten.

 

Ich werde sterben. Bald. Meine Mediziner wissen von meinem Christenglauben, dass ich mein Sterben nicht verlängert, hinausgezogen haben möchte, sondern, so es geht, einschlafen, hinüberträumen mag. – Aber ich bin mir sicher, Gott wird auch bei mir sein, wenn ich das Ende selbst bestimme.

 

Sterben und Tod sind zweierlei. Tot wird man nicht, tot ist man. Ich werde durch das Sternentor gegangen sein und stehe im hellen, schattenlosen Licht Gottes. In diesem Licht fällt alles ab, meine Ausflüchte, meine Selbstbespiegelung, meine Masken, meine Gründe. Ich stehe nackt und erkenne mich selbst. Gott nimmt mich auf – ewig. Gut gewesen zu sein, könnte helfen.

Tod ist Sein im Jenseits. Was das ist, weiß ich nicht, Leben war hier. Mein Glaube sagt: Ich komme aus der Ewigkeit… Alles andere hier, wie erkennen, erfahren, glauben, ist denken in Vernunft und Sinnlichkeit.

Ich kam aus der Ewigkeit über den Geburtskanal meiner Mutter in diese Welt. Sie sagen mir, es war sehr schmerzhaft, ein Trauma. Ich erinnere mich nicht. – Ich gehe über den Sterbekanal wieder zurück in die Ewigkeit. Das ist schmerzhaft und ich maule mit meinem Gott, er solle das Sterben liebevoller, menschenfreundlicher gestalten.

In den Artikeln von Kirche und ihren Bestattern ist wie üblich selten von Gott und von meiner Seele die Rede, sondern vom Leben hinter dem Sterben, von der Gemeinschaft all jener, die zu Gott gehören (und die, die nicht dazu gehören?), vom offenen Weg in den Himmel, die Gemeinschaft der Heiligen, von Lebenden und Toten, den Tod und das Sterben ins Leben zurückholen. Das hilft mir nicht.

Die Lebenden, Trauernden, Zurückgebliebenen halten eine Trauerfeier für meinen Leichnam, sich zu Trost und Abschied. Ich bin da schon im Jenseits, unerreichbar bei Gott. Wenn von mir noch etwas da ist, dann ihr Bewusstsein von meiner Erfahrung und meinem Wirken, damit sie es besser machen. Und die Sicherheit, wir sehen uns noch einmal. Niemand geht verloren, weil Nichts nicht ist.

Für meine Schwestern und Brüder, die mit mir ihre letzten Jahre über die Erde schlurfen, die in Depression und Demenz leben, schlaflos und von Medikamenten zerfressen in ihren Pflegebetten dem Ende entgegendämmern, meine Übertragung des Psalm 131:

 

auf dem Weg zu Dir           

schlägt ruhig das Herz

die Augen schauen die Weite

 

die eilige Welt, das schnelle Wunder

nicht mehr für mich

Stille und Achtsamkeit

 

dem Mutterboden entwöhnt

ich einfältiger Narr, ein Tor

wandere gelassen Dir zu

 

johanneskinmayer.de