Geistlicher im Zivilberuf und Trauerredner

Einen festen Platz im Leben

 

Wenn ich heute nach meinem Beruf und Platz im Leben gefragt werde, dann gibt es mehrere Antworten. Doch in allen Fällen ist mein Platz immer neben meiner Ehefrau Monika.

Für die Bewohner unseres Heimatdorfes Amerang bin ich der „Presseberichterstatter“ als freier Mitarbeiter unserer Lokalzeitung, dem „Oberbayerischen Volksblatt“. Ich habe einen festen Platz im Gemeinderat und berichte über alle wichtigen Ereignisse der Lokalpolitik, des Vereinswesens oder über hohe Geburtstage im Dorf. Wenn ich „im Dienst“ bin, erkennen mich die Leute gleich und freuen sich über meine rote Pressemütze. Monika sorgt dann für die Pressefotos.

Für viele Menschen im Chiemgau bin ich seit einigen Jahren der „Trauerredner“, den sie für individuell gestaltete Trauerfeiern engagieren können. Und in unserer alt-katholischen Gemeinde Rosenheim ist mein Platz meistens neben der Orgel, die Monika spielt. Ich begleite sie dann mit der Geige, wenn unser Pfarrer Harald Klein den Gottesdienst hält. Ansonsten habe ich meinen Platz am Altar als „Priester im Zivilberuf“. In Absprache mit Pfarrer und Diakon bin ich Seelsorger in unserer weit verzweigten Diasporagemeinde und halte Gottesdienste in Rosenheim, Traunreut, Bad Reichenhall, Waldkraiburg und Neuötting.

Berufserfahrung

 

Geboren bin ich 1947 im Landkreis Görlitz und habe dort die sozialistische Schulausbildung durchlebt. In Erfurt studierte ich katholische Theologie. 1973 wurde ich in Görlitz zum Priester geweiht. Von 1966 bis 1992 gehörte ich dem Franziskanerorden an – ein Beruf, der zu DDR-Zeiten nicht alltäglich war und oft ein wenig als exotisch galt.

Nach der Wende und der deutschen Wiedervereinigung verließ ich den Orden, um eine erste Partnerschaft einzugehen. Daraus stammen meine beiden Kinder Sarah (18) und Judith (17), die in Osnabrück leben.

 

Freilich war es nicht leicht, einen neuen beruflichen Einstieg zu finden. Ich nahm jede Arbeit an und machte eine Zusatzausbildung zum Sozialpädagogen.

 

Die Liste meiner Tätigkeiten von 1992 bis heute enthält unter anderem die Bezeichnungen: Nachtportier im Hotel, Außendienst für eine Kindergarten-Fördergemeinschaft, Christstollenbäcker in Zeitarbeit, Wachmann im Uni-Klinikum, Erzieher bei behinderten Menschen, Bankangestellter, Gesprächstherapeut und Altenpflegehelfer, Lehrgangsleiter, Rechtsanwaltsfachangestellter und Insolvenzberater. Schließlich meldete ich ein Gewerbe an als Büro-Service und Trauerredner.

 

1998 lernte ich in Bayern meine heutige Ehefrau Monika kennen. Wir traten der alt-katholischen Gemeinde Rosenheim bei und wurden 1999 vom damaligen Pfarrer Joachim Pfützner getraut. Am 25. Januar 2000 bekam ich durch Bischof Joachim Vobbe die Zulassung zu „geistlichen Amtshandlungen“ als Priester im Zivilberuf. Das war zu diesem Zeitpunkt gleich eine wichtige Hilfe für die Rosenheimer Gemeinde, da Joachim Pfützner gerade nach Stuttgart wechselte und bis zur Ausschreibung und Wahl des neuen Pfarrers ein knappes Jahr der Vakanz zu überbrücken war. Ein wichtiges Leitwort wurde mir (in Abwandlung) ein Ausspruch des Kirchenlehrers Augustinus: „Für euch bin ich Priester, mit euch bin ich Christ.“

 

Individuelle Trauerfeiern

 

Vor ein paar Jahren nahmen Monika und ich an einem Hospizkurs teil. Dabei lernten wir auch einen Bestatter kennen. Ich bot ihm an, mich bei Bedarf für „weltliche“ Trauerfeiern anzusprechen. So fing meine Tätigkeit als freier Trauerredner an – in enger Zusammenarbeit mit verschiedenen Bestattungsinstituten unserer Region. Seither haben wir mehr als 200 Verstorbene bestattet.

 

Zahlreiche Menschen gehören heute auch in Bayern keiner Kirche mehr an. Sie sind ausgetreten oder haben keinen engen kirchlichen Kontakt mehr. Das mag verschiedene Gründe haben. Dazu gehören beispielsweise die Kirchensteuer oder eine berechtigte kritische Haltung gegenüber den Institutionen. Wer aus den neuen Bundesländern stammt, ist häufig gar nicht getauft. Für solche Menschen bieten wir eine individuell gestaltete Trauerfeier an, die dem Leben des Verstorbenen gerecht wird und in der seine Hoffnungen und Überzeugungen aufleuchten. Diese Feier muss gar nicht so „weltlich“ sein, sondern hat ihre eigene spirituelle Prägung.

 

Das Trauergespräch findet meistens daheim bei den Angehörigen statt, die wir zu zweit besuchen. Dabei mache ich mir Notizen über den Lebenslauf des Verstorbenen und über die Dinge, die ihm und den Angehörigen wichtig waren und was seine Einzigartigkeit ausmachte. Mehrmals haben wir mit älteren Menschen auch zu Lebzeiten schon „Vorsorge“ getroffen. Sie haben uns selbst aus ihrem Leben erzählt und uns ihre Wünsche für ihre spätere Trauerfeier anvertraut.

 

Für den Ablauf der Trauerfeier habe ich mir eine gewisse Struktur erarbeitet, die den passenden und würdigen Rahmen schafft. Die Feier beginnt in oder vor der Friedhofshalle und bietet Raum für persönliche Gestaltungsformen, für die ich gern drei Schritte wähle:

In einem kleinen Rückblick erinnere ich an einige Lebensstationen des Verstorbenen aus der liebenden Erinnerung seiner Angehörigen.

 

In einem Dank gehe ich auf die Eigenart, die Hobbys und Interessen des Verstorbenen ein, die viel von dessen Wesen verraten und die ihn „unsterblich“ machen – über den Tod hinaus. Vielleicht ist es kein Zufall, wenn wir davon sprechen, dass sich jemand mit einem Werk „verewigt“ hat.

 

In einem Ausblick dürfen auch die Sehnsüchte und die innerste Überzeugung des Verstorbenen und seiner Angehörigen anklingen, die ihm in dieser Feier die verdiente Ruhe wünschen und erbitten. Gut eignet sich das eine oder andere Gedicht oder eine kurze Parabel, die ich in meine Ausführungen einfüge.

Monika und ich bieten zugleich eine musikalische Gestaltung der Feier an. Anschließend begleite ich den Trauerzug zur Grabstelle. Fast immer beten wir auf Wunsch bei vielen Trauerfeiern mit den Angehörigen und Trauergästen ein gemeinsames Vaterunser am Grab. Dieses Gebet ist sowohl für Christen wie für alle aufgeschlossenen Menschen ein verbindendes soziales Zeichen.

 

Auch ohne dass das Wort „Gott“ fallen muss, tritt beim Gespräch mit den trauernden Angehörigen oft leuchtend zutage, dass das Leben viel mehr ist als menschliche Leistung und Erfolg. Und dass der Verstorbene nicht nur „in seinen Werken oder seinen Kindern fortlebt“, wie es so gern heißt, sondern dass sein eigenes Leben einen einzigartigen, unverwechselbaren Wert hatte, den kein Tod zerstören kann. Und die Angehörigen finden den Mut, hinauszuschauen über den eigenen Horizont.

 

Die Biografien der Verstorbenen sind für uns immer wieder spannend und interessant. Daher darf ich dankbar sagen, dass mir das Leben und die Dienste, die ich gemeinsam mit Monika versehen darf, viel Freude machen. Denn es sind „Lebens-Geschichten.“

 

Michael Pabel