Was hat die Kirche mit dem Wald zu tun?

 

Dass der Bildhauer Klaus Simon den Altar, den Ambo, den Osterkerzenständer und Bischofssitz und Priester- und Ministrantensitze für die Namen-Jesu-Kirche aus der „Dicken Eiche“ gefertigt hat, brachte mich zu der Frage, was die Kirche mit dem Wald und speziell mit Bäumen zu tun hat.

Die Themen „Wald“ und „Baum“ spielen im Alten Testament eine große Rolle, vor allem in den Psalmen und beim Propheten Jesaja. Bei Jesaja erfährt der Wald eine deutliche Wertschätzung: „Nur noch kurze Zeit, dann verwandelt sich der Libanon in einen Garten, und der Garten wird zu einem Wald“ (Jes 29,17). Und in Kapitel 44, Vers 23 heißt es: „Brecht in Jubel aus, ihr Berge, ihr Wälder mit all euren Bäumen.“

Im Gesangbuch Jesu, den Psalmen, heißt es in Psalm 1: Der Gerechte „ist wie ein Baum, der an Wasserbächen gepflanzt ist, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken“ (V. 3f). Im Psalm 96, Vers 12, heißt es: „Die Bäume des Waldes alle werden sich freuen vor dem Herrn, wenn er kommt, denn er kommt, auf Erden zu herrschen“ und in Psalm 80: Der Weinstock, den Gott aus Ägypten ausgegraben hat, den hat er in Israel eingepflanzt. „Du schufst ihm weiten Raum, er hat Wurzeln geschlagen und das ganze Land erfüllt. Sein Schatten bedeckte die Berge, seine Zweige die Zedern Gottes“ (V 9f).

Im Psalm 92 gibt es eine Stelle, die lautet: „Der Gerechte gedeiht wie die Palme, er wächst wie die Zedern des Libanon“ (V 9). Und Psalm 114 ist ein einziges Loblied auf Gottes Schöpfung. All diese Psalmen finden sich auch in unserem alt-katholischen Gesangbuch.

 

Von Jesus darf man voraussetzen, dass er – wie alle Menschen seiner Zeit – sich in Ackerbau und Viehzucht auskannte. Viele Beispiele stehen dafür: Vom guten Baum, der gute Früchte trägt, und vom schlechten, der schlechte Früchte hervorbringt; am Feigenbaum sollen wir, wenn er Blätter treibt, erkennen, dass der Sommer nahe ist; ebenso sollen wir an gewissen Zeichen erkennen, dass das Reich Gottes in seiner Vollendung nahe ist. Gerade das Wort von den Lilien auf dem Feld beweist, dass Jesu Blick auch geschärft war für die Schönheiten der Natur.

 

In der ersten Phase der Kirchengeschichte hören wir nichts davon, dass die frühen Christen schöpfungs- oder naturbegeistert gewesen wären, was nicht heißt, dass sie es nicht waren. Damals stand jedoch das Zeugnis für den Glauben im Vordergrund. Mit dem Aufkommen des frühen Mönchtums in Ägypten im 3./4. Jahrhundert jedoch scheint es zu einer Wiederbelebung des Sinns für Naturschönheiten wenigstens teilweise gekommen zu sein. Wer anspruchslos lebt, dem werden alle Früchte zum Geschenk.

 

In Hildegard von Bingen (1098 – 1179) haben wir zum ersten Mal seit der Antike eine Frau vor uns, die sich nicht nur in der Natur auskannte, sondern die auch eine erste Systematisierung versuchte. Zum ersten Mal legt sie eine systematische Betrachtung der Heilpflanzen vor, die sie als warm, kalt, feucht oder trocken charakterisiert.

In ihrem Buch „Physica“ weist sie jedem Baum und Strauch eine besondere Wirkung zu.

 

Eine zweite Naturbewegung, oder besser, „Kulturbewegung“ haben wir mit den Zisterziensern vor uns. Gegründet wurde der Zisterzienserorden im Geburtsjahr der Hl. Hildegard 1098, in Fahrt kam er aber erst durch den Beitritt Bernhard von Clairvaux‘ und seiner 30 Gefährten im Jahr 1112. Er gründete die Klöster Himmerod in der Eifel und Eberbach im Rheingau. Die Zisterzienser rodeten das Land und machten es damit urbar. Alles, was wir heute in Deutschland als Wald vorfinden, ist Kulturwald. Auch zunächst noch in den Waldgebieten, die man sich selbst überlässt. Den ersten Anstoß hierzu haben wir den Zisterziensern zu verdanken, indem sie vor allem systematisch Eichenwälder anpflanzten. Sie legten Fischteiche und Ackerland an. Die Zisterzienser verzichteten anfangs ganz auf Bedienstete und auf den Zehnten und erwirtschafteten alles durch ihrer Hände Arbeit.

Der evangelische Schuster und Mystiker Jakob Böhme schreibt im Jahr 1612:

„Ich vergleiche die ganze Philosophiam, Astrologiam und Theologiam samt ihrer Mutter einem köstlichen Baum, der in einem Lustgarten wächst. Die Erde, da der Baum inne steht, gibt dem Baum immer Saft, davon der Baum seine lebendige Qualität hat. Der Baum aber in sich selbst wächst von dem Saft der Erden und wird groß und breitet sich aus mit seinen Ästen.“

Der elsässische evangelische Pfarrer Johann Friedrich Oberlin, der sein ganzes Leben als Pfarrer von 1767-1826 im Kirchspiel Waldersbach verbrachte, hat Sümpfe trockengelegt, den ungebildeten Menschen im Steintal beigebracht, welche Kräuter man essen und zu Heilungszwecken verwenden kann, welche Bäume sich besonders fürs Bauen eignen – hier gehört die Eiche hin, und welche sich für Möbel eignen – Buche, Birke und Esche.

In der Vergangenheit haben sich die christlichen Autoren vornehmlich mit der Verwertbarkeit von Bäumen und ihren Früchten befasst.

Mit Jacques Rousseau (1712-1778) wächst das Bewusstsein für die Schönheiten der Natur. Im zwanzigsten Jahrhundert rückt der Schutz der Wälder speziell in den Blick. Im Jahr 1947 dichtet Martha Müller-Zitzke das Lied „Auf, Seele, Gott zu loben“, das sich im evangelischen Gesangbuch wie in unserem alt-katholischen findet. Es besingt die Schönheit alles Geschaffenen und beurteilt dieses nicht nur nach seiner Zweckmäßigkeit.

 

Im Gefolge der ökologischen Bewegung initiierte Carl Friedrich von Weizsäcker im Jahr 1985 den Konziliaren Prozess „Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung“. Zwischen 1987 und 1990 wurde an verschiedenen Orten über dieses Thema beraten. Auch die römisch-katholische Kirche, die nicht Mitglied im ökumenischen Weltrat ist, beteiligte sich an den Beratungen, an denen auch alle anderen Kirchen teilnahmen. Herausgekommen ist ein Dokument, das sich in Buchform auch auf etlichen Seiten mit dem Schutz der Wälder befasst.

 

Joachim Vobbe