„… der werfe den ersten Stein!“

Ein Plädoyer für die Menschlichkeit

 

Dass Gott Mensch geworden ist, dass die Liebe Gottes ein Gesicht hat, macht auf besondere Weise deutlich, dass ihm nichts Menschliches fremd ist. „Wir alle leben davon, dass da jemand ist, der Gnade vor dem Recht gelten lässt.“ Mit diesem Gedanken legt Achim Jegensdorf, Priesteramtskandidat im Bonner Döllingerhaus, das Evangelium von der Ehebrecherin aus (Joh 8,2-11). Im Folgenden handelt es sich um eine für den Abdruck in Christen heute geringfügig bearbeitete Predigt vom November 2011.

 

Die Predigerin, der Prediger hat die Aufgabe, das Evangelium als gute Botschaft zu verkünden. Aber ich, ich habe zunächst einmal eine schlechte Nachricht. Denn: Wer immer der Mann war, dem wir das Vierte Evangelium verdanken: Er ist es ganz sicher nicht, der diese unerhörte Geschichte von einem gerade noch vereitelten Akt hitzköpfiger Lynchjustiz aufgeschrieben hat. Sondern vielmehr haben wir mit dieser frühmorgendlichen Szene ein Beispiel vor uns für die exegetisch gesehen gar nicht einmal so seltene Situation, dass der tatsächliche Verfasser ein anderer ist als derjenige, dem ein Text im Allgemeinen zugeschrieben wird. Es ist in der Tat etwas sonderbar: Diese Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin findet sich weder in den ältesten Papyri des 2. und 3. Jahrhunderts noch in den beiden großen Bibelhandschriften des 4. Jahrhunderts, dem Codex Vaticanus und dem Codex Sinaiticus. Origenes, der große Bibelausleger des frühen 3. Jahrhunderts, scheint sie noch genauso wenig zu kennen wie die anderen Kirchenväter seiner Zeit. Sie taucht zum ersten Mal in einer syrischen Kirchenordnung des 3. Jahrhunderts auf, und von dort aus sickert sie dann ganz allmählich und an unterschiedlichsten Orten in griechische und lateinische Bibelhandschriften.

 

Aber so dunkel die Entstehungsgeschichte dieser zehn Verse auch ist: Einmal in den Kanon endgültig aufgenommen, nach offensichtlich äußerst langer Diskussion, hat sie in evangelischen wie in katholischen Leseordnungen der Sonntagsevangelien ihren festen Platz. Und dass wir so wenig über die Herkunft dieser Geschichte wissen, hat ihre helle Wirkungsgeschichte in der Kirche nicht verhindern können. Ich wage sogar zu sagen: Selbst wenn sie sogar tatsächlich frei erfunden sein sollte, dann ist sie nicht nur lediglich gut erfunden, sondern sicherlich ganz und gar jesuanischen Geistes; ist sie wirklich erdichtet, dann hätte da jemand den Mann aus Nazareth sehr, sehr gut verstanden und menschlich genial weitergedacht, will mir scheinen, und das in einem Bereich, der uns ebenso wichtig, ja heilig wie oft tabubefrachtet ist: in der Liebe zwischen zwei Menschen.

 

Das Allerheiligste bürgerlichen Lebens

 

Man kann das lange Zögern, diese Geschichte zu akzeptieren und in die Bibel aufzunehmen, vielleicht sogar verstehen. Denn schließlich scheint hier das Allerheiligste des bürgerlichen Lebens, die Ehe, seiner Einmaligkeit, seiner Ausschließlichkeit beraubt und ein Ehebruch dann fast auch noch gutgeheißen zu werden. Und das geht ja nun wirklich nicht, damals nicht wie heute nicht; da wird schnell Empörung laut! Das Gesetz des Mose ist klar und eindeutig: Da wäre natürlich an erster, an prominentester Stelle das Sechste Gebot: zu nennen „Du sollst nicht ehebrechen.“ Vier Wörter? Wie umständlich! Das hebräische Original in Exodus 20,14 kann das in drei Silben: „Lo tinaph – Nicht ehebrechen.“ Klarer und eindeutiger geht es nun wirklich nicht. Da gibt es keinen Spielraum zum Missverstehen. Und wenn es dann doch so weit kommt, dann findet sich direkt im nächsten Buch, in Levitikus 20,10 nämlich, ebenso eindeutig, wie in einem solchen Fall von Ehebruch zu verfahren sei: „Wenn jemand die Ehe bricht mit der Frau seines Nächsten, so sollen beide sterben, Ehebrecher und Ehebrecherin, weil er mit der Frau seines Nächsten die Ehe gebrochen hat.“

 

Niemand fragt

 

Das ist also die Situation, in der wir uns an diesem Morgen auf dem Tempelhof befinden, und angesichts dieser Eindeutigkeit der Rechtslage also sind die bedingungslos orthodoxen Frühaufsteher nun drauf und dran, fast noch im Morgennebel, mit dieser Frau nicht einmal nur kurzen Prozess zu machen, sondern vielmehr gar keinen, und noch bevor die ersten wirklich warmen Sonnenstrahlen die Erde erreicht hätten, wäre der Zenit der öffentlichen Aufregung an diesem Tag erreicht. Sie haben sie also herangeschleppt, die in flagranti Ertappte, vielleicht gerade noch so eben notdürftig Bekleidete. Und um das Jahr Null herum ist da niemand, der auch nur eine einzige Frage stellt, wenn die Lage derart zweifelsfrei feststeht.

Halten wir an dieser Stelle einen Moment lang inne: Wie weit ist so eine Denk- und Handlungsweise doch von unserer Gegenwart im westlichen Europa entfernt. Niemand fragte damals, wie es wohl ein jeder von uns Heutigen tun würde: Wer hat die Frau eigentlich ertappt? Von wem wurde sie hergezerrt? Sind die Männer, die sie hierher gebracht haben, besorgte Mitbürger, nachts wach geworden von ungewohnten Geräuschen? Oder sind das die Spanner vom Dienst, mit der Leiter am Fenster und dem Auge am Schlüsselloch, erhitzt und erregt von diesem Live-Schauspiel, das sich ihren Augen da bot? Und überhaupt fragen wir uns: Wieso steht hier denn nur die Frau? Zum Ehebruch gehören doch zwei! Ein Ehebruch ist immer ein Fall für zwei, genau genommen für mindestens drei, oft genug sogar für vier. Wo also ist der zweite Mann? Soll der hier ungeschoren wegkommen? Es drängt sich ja geradezu der Eindruck auf, als ob der gedeckt, geschützt werden soll! Warum? Von wem? Schon diese reinen Äußerlichkeiten machen mehr als deutlich, dass hier doch irgendwas nicht stimmt!

 

Die Ehe als Gefängnis

 

Und begeben wir uns erst auf die Stufe des inneren Erlebens! Welten trennen diese Kompromisslosigkeit religiöser Gebotsauffassung und die Überwachung ihrer Einhaltung von dem großen Friedrich Nietzsche, der rund 1900 Jahre später in seinem Zarathustra eine Frau sagen lässt: „Wohl brach ich die Ehe. Doch zuerst zerbrach – sie mich.“ Versuchen wir, einen Moment lang, uns einmal in die Frau hineinzuversetzen, die da angeklagt ist, ohne sich verteidigen zu können: Könnte nicht etwas dran sein an dem, was Nietzsche da gesagt hat; wäre das unmöglich? Mit anderen Worten: Reicht unsere Fantasie dafür aus, uns vorzustellen, dass sie ihre Ehe weit eher als Gefängnis wahrnimmt, aus dem sie fliehen muss, um atmen zu können, sich eher als Eigentum ihres Mannes fühlt denn als ein ehrlich geliebtes Gegenüber?

 

Schlagen wir noch einmal kurz den Bogen zurück zu den nicht gestellten Fragen an diesem Morgen. Zu ihnen gehört natürlich auch die: Warum kommen die Kläger damit zu Jesus und ziehen mit dem Fall nicht vor Gericht? Eine von sicherlich mehreren möglichen Antworten muss lauten: Weil es gar nicht um die juristische Klärung dieses Vorfalles geht! Schärfer formuliert: Soviel wir jetzt auch über Ehebruch gesagt haben mögen: Es geht in dieser Geschichte nicht um Ehebruch. Ich gebe gerne zu: Auch ich selbst habe die Geschichte einige Male neu lesen müssen, um irgendwann dann wirklich unerwartet zu entdecken, worum es hier in Wahrheit geht. Wir überlesen es nur allzu leicht, weil wir zu schnell lesen. Und wir haben es vielleicht überhört, weil es nur ein einziger kleiner Satz von diesen zehn Versen war, der den eigentlichen Gegenstand dieser Perikope offenbart. Am Ende von Vers 5 hatten diese Vertreter der öffentlichen Meinung auf die Gesetzeslage hingewiesen und geschlossen mit: „Du nun – was sagst du?“ Und dann das Entscheidende, das, was die heimliche Motivation all dieser scheinbar so sehr auf Gesetzes- und Gottestreue Bedachten entlarvt: „Das aber sagten sie zu ihm, um ihn zu überführen, auf dass sie gegen ihn zu klagen hätten.“

 

Eine Fangfrage

 

Mit anderen Worten: Auch hier, ebenso in den anderen bekannten Beispielen etwa von den Heilungen am Sabbat oder auch der Szene mit der Steuermünze, mit dem Denar, geht es eigentlich darum, Jesus zur Strecke zu bringen, letztlich gar nicht einmal die ehebrecherische Frau. Sie, der Verlust ihres Lebens, ist für diese machtverliebten Religionsverwalter, wenn es hochkommt, allenfalls ein bedauernswerter Kollateralschaden. Nein, um sie, die Frau, ihr zersplittertes Leben, um das Unglück an der Seite ihres Mannes, um ihre Überforderung und ihre Erschöpfungen geht es gar nicht. Sondern Jesus ist es, der getroffen werden soll. Er ist das eigentliche Ziel, weil er mit seiner menschlichen Güte und Weitherzigkeit die herrschenden Machtstrukturen permanent neu erschüttert. Hier geht es um Politik, nichts anderes. Sie, die Frau, ist nur Mittel zum Erreichen männlicher Machtziele. Und so stellt man Jesus, wieder einmal, das, was man auf gut Hebräisch eine „Kasche“ nennt: eine Fangfrage: „Du nun – was sagst du?“

 

Und diese Lehrer des Gesetzes wissen genau: Er kann nur falsch antworten. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, und die eine ist so verhängnisvoll wie die andere: Spricht er sich für die Frau aus, stellt er sich gegen das Gesetz, und sie hätten ihn da, wo sie diesen enervierenden Querulanten mit seinen Reden vom Reich Gottes schon längst haben wollen: auf der Anklagebank als Gesetzesübertreter. Spricht er sich aber gegen die Frau aus, würde er seiner eigenen Botschaft von der Vergebung und der Barmherzigkeit Gottes untreu werden; auch in diesem Falle wäre Jesus am Ende.

Was also kann er tun? Das, was er tut, ist ungeheuerlich; es ist so ungeheuerlich, dass die Kirche, dass die frühe Gemeinde sich offenbar, wie ich eben eingangs erzählt habe, lange gesträubt hat, diesen Skandal in das, was wir heute das Neue Testament nennen, überhaupt aufzunehmen: diesen Skandal nämlich, einer letztlich rein patriarchalen, von Männern für Männer eingerichteten Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, ein einziges Mal zu sagen: „Und ihr? Wie ist es mit euch selber? Wie ist es um euer eigenes Leben bestellt? Wer von euch allen, die ihr hier steht und geifert, ohne Fehl und Tadel ist, wer von euch allen hier noch nie einen Fehler begangen hat, der habe meinetwegen das Recht, den ersten Stein auf diese Frau zu werfen.“

In diesem Moment brennt die kühle Morgenluft auf dem Jerusalemer Tempelplatz, die Stimmung ist aufs äußerste gereizt; es geht auf Leben und Tod; noch ist hier gar nichts entschieden, und die Situation kann in jeder Sekunde kippen. Wenn jetzt auch nur einer von diesen Gesetzestreuen an diesem Morgen wirklich genügend Selbstgerechtigkeit besitzt und seinen Stein schmeißt: Die Frau wäre auch von einem Jesus von Nazareth nicht zu retten.

Doch dann verstummen sie. Sie alle, die sie die Steine schon in den Händen halten, plötzlich massiv erschüttert in ihrer felsenfesten Selbstgewissheit, lassen die Arme langsam sinken. Aber die da am Boden vielleicht längst zusammengesunkene Frau selbst, sie am allerwenigsten wohl, wird fassen können, was da jetzt gerade passiert, stelle ich mir vor. Sie muss sich gerade fühlen wie ganz langsam aus dem Rachen des Löwen herausgenommen und zaghaft wieder auf die eigenen Füße gestellt, wohl noch immer zitternd wie Espenlaub vor lauter Angst. Es war eine winzige Chance – und gleichzeitig vermutlich die einzige –, das Leben dieser Frau zu retten: den Blick wegzulenken von den Paragrafen, hin auf das eigene Leben und Verhalten derer, die da anklagen zu dürfen und zu müssen meinen. Und Jesus, ebenso einfühlsam wie mutig, hat sie ergriffen.

 

Die Liebe finden, zurückfinden ins Leben

 

Wir haben es hier mit einer Geschichte zu tun, die davon erzählt, dass sich das Leben dem sicheren psychischen und sozialen Tod bisweilen sogar zu entwinden vermag, wenn es eigentlich keine Hoffnung mehr gibt. Und das hat doch wahrlich auch mit uns zu tun! Auch wir selbst begehen ja Fehler, ganz wie diese Frau. Manchmal sehr verhängnisvolle, manchmal tatsächlich sogar tödliche. Und dann scheinen auch wir bisweilen dem Gericht – oder einer zumindest moralischen Steinigung durch die anderen – nicht entkommen zu können. Ganz wie diese Frau sind doch auch wir selbst, womöglich sogar nicht einmal selten, darauf angewiesen, dass uns da jemand mit Verständnis und Einfühlungsvermögen zur Seite steht, wenn wir allein dastehen. Und vielleicht ist es tatsächlich dieses Zweifache, was uns diese gerade so eben noch in das Evangelium des Johannes hineingeschmuggelte Geschichte als Aufgabe stellt: Zum einen, menschlich hinein zu reifen in eine Geduld, die den anderen leben lässt auch und gerade in der Liebe und ihren Schwierigkeiten, soweit hier womöglich doch, ganz konkret, von dem verborgenen Kummer und den verschwiegenen Schmerzen im Vorfeld dessen die Rede sein sollte, was wir gemeinhin mit dem Worte „Ehebruch“ zu bezeichnen pflegen. Und zum anderen, ganz allgemein: keinen Menschen zu opfern auf dem Altar unserer eigenen Ziele und Interessen, soweit wir vielleicht selbst manchmal diejenigen sind, die mit dem Stein in der Hand dastehen oder, ganz subtil und gänzlich unbemerkt von Umstehenden, andere zum Steinigen anstiften, sie manipulieren.

Nur wenn wir diese Weitherzigkeit lernen, wird uns von Gott eines Tages das geschenkt werden können, was dieser Frau hier geschenkt wird: zurückzufinden in das Leben, noch einmal neu beginnen zu dürfen, – um eines Tages vielleicht die Liebe zu einem anderen Menschen zu erlernen in einer Weise, die wir womöglich bis dahin noch gar nicht gekannt haben. Wir alle leben von Verständnis und Vergebung, und das wahrlich nicht zuletzt in der Liebe. Wir alle leben davon, dass da jemand ist, der auch in unserem eigenen Falle Gnade vor dem Recht gelten lässt. Und wie denn anders auch sollte das Reich Gottes auf Erden und in unserem Leben verwirklicht werden können?

 

Achim Jegensdorf