Menschsein und Selbstverwirklichung

 

Anscheinend heißt ein Schlüsselwort der Lebensführung in der Gegenwart Selbstverwirklichung. Darunter lässt sich freilich vielerlei verstehen. Damit kann sowohl der Grundsatz „Tu, was dir Spaß macht oder was dir wohltut“ gemeint sein wie auch das Streben, im Leben nicht nur eine von außen diktierte oder erwartete Rolle zu spielen, zum Beispiel als Ehefrau oder Mutter. Wir müssen jeweils auf den Textzusammenhang achten. Aus dem Verlangen nach einem erfüllten Leben suchen vielfach Menschen eigene Potenziale zu entdecken und zu entfalten.

Die Suche nach Selbstverwirklichung und Selbstbestätigung führt allerdings auch zu Selbstverunsicherung. Darum nimmt es nicht wunder, dass die Fragen „Wer bin ich?“, „Bin ich wirklich glücklich und selbsterfüllt?“ ganze Märkte in Bewegung setzen. Dies karikiert der Soziologe Ulrich Beck (in seinem Buch „Risikogesellschaft) so: „In der Suche nach Selbsterfüllung reisen die Menschen nach Tourismuskatalog in alle Winkel der Erde. Sie zerbrechen die besten Ehen und gehen in rascher Folge immer neue Bindungen ein. [...] Sie wechseln von einer Therapiegruppe zur anderen. Besessen von dem Ziel der Selbstverwirklichung reißen sie sich selbst aus der Erde heraus, um nachzusehen, ob ihre Wurzeln auch wirklich gesund sind.“

 

„... wer sein Leben verliert, wird es erhalten“

 

Von einer ganz anderen Art der Selbstverwirklichung ist in den Evangelien die Rede. Sie spiegelt sich in einem Wort Jesu, das in allen vier Evangelien, bei Lukas gleich zweimal, in je verschiedenen Kontexten und entsprechenden Variationen angeführt wird. Ursprünglich lautete dieses Wort vermutlich so, wie es Lukas - hier freilich eingefügt in einen bestimmten Kontext, nämlich den des Endgerichts - formuliert: „Wer sein Leben für sich zu erhalten sucht, wird es verlieren, und wer es verliert, wird es erhalten“ (Lk 17,33). So die Einheitsübersetzung. In der Luther-Übersetzung beginnt der Satz mit den Worten: „Wer da sucht, seine Seele zu erhalten...“ Und auch aus älteren römisch-katholischen Übersetzungen ist uns das Wort vom Verlieren und Erhalten der Seele vertraut. Mit dem zu Grunde liegenden griechischen Wort „psyché“ ist aber nicht nur ein Teil des Menschen gemeint, sondern sein ganzes Leben und nicht einmal zuerst ein Leben, das den Tod überdauert.

 

In einer Wortuntersuchung im Theologischen Wörterbuch zum Neuen Testament lesen wir, „dass zunächst nichts anderes gemeint ist, als was man gemeinhin Leben nennt, also das physische Leben auf der Erde. Doch beweist die Verheißung vom Retten dieses Lebens, dass [...] an eigentliches, erfülltes Leben gedacht ist, so wie es Gott als der Schöpfer geschaffen und geprägt hat. Damit ist zumindest die Möglichkeit offen gelassen, dass Gott es zu mehr als der stets durch den Tod begrenzten Spanne begrenzt hat. Jesus sagt dem Menschen also, dass erst der voll lebt, der sein Leben nicht mehr festhalten will, sondern es im Hingeben, im Verlieren findet.“

Das, was hier Leben genannt wird, muss aber noch etwas genauer bestimmt werden: Psyché ist „nicht nur das physische Lebendigsein, aber auch nicht etwas davon Unterschiedenes. Es ist das physische Leben, in dem sich zugleich das Selbst des Menschen ausprägt.“ Lukas kann darum im Anschluss an diesen Satz in einem anderen Textzusammenhang, wo Markus vom Verlust des Lebens (der psyché) spricht, sagen: „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber dabei sich selbst verliert und Schaden nimmt.“ (9,25) Kurzum, wer sein Selbst nicht krampfhaft festzuhalten sucht, sondern es hingibt und verliert, bekommt es als ein erfülltes, ‚eigentliches‘ Selbst zurück.

 

Die Erkenntnis, dass der Mensch, der sein Selbst vergisst und verliert (oder wie es der spätmittelalterlicher Mystiker Meister Eckart sagt: seiner selbst ledig wird), dass ein solcher zu seinem eigentlichen Selbst findet, bedarf nicht einmal einer göttlichen Offenbarung im üblichen Sinne, sondern entspringt einer menschlichen Erfahrung. Jesus spricht ja auch sonst gelegentlich die menschliche Erfahrung an, so beispielsweise, wenn er an die Goldene Regel appelliert, die ja zu den allgemein-menschlichen Erfahrungsschätzen gehört. Im deutschen Sprichwort hat sie die Version: Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg‘ auch keinem anderen zu. Im Evangelium, in der Bergpredigt, erscheint sie in einer positiven Fassung: „Alles, was ihr also von den anderen erwartet, das tut auch ihnen.“ (Mt 7,12)

 

Die Bestätigung in der Erfahrung

 

Worin zeigt sich nun die besagte Erfahrung? Schauen wir zunächst einmal darauf, wie wir Arbeit erleben oder erleben können. Wir verrichten eine Arbeit, die wir halt machen müssen und die wir als langweilig empfinden. Dabei will die Zeit einfach nicht um gehen. Sie dauert eben eine ‚lange Weile‘. Bezeichnenderweise schaut man währenddessen häufig auf die Uhr. Es gibt aber auch eine ganz andere Erfahrung: Bestimmte Arbeiten, die uns sogar gänzlich fordern, die schwer sind und anstrengend, lassen uns nicht nur die Zeit vergessen, sondern auch uns selbst. Es kann sogar geschehen, dass wir körperliches oder psychisches Unbehagen oder Hunger einfach nicht mehr wahrhaben. Wir gehen, wie wir sagen, in einer bestimmten Aufgabe oder Arbeit auf. In solchen Augenblicken spüren wir, dass wir keineswegs um uns selbst kreisen. Dennoch haben wir das Gefühl, dass wir ganz und gar bei uns selbst sind und die ausgeübte Verantwortung und die übernommene Aufgabe uns ganz uns selbst sein lassen: Es geschieht Selbstverwirklichung im besten Sinn.

 

Was auf der Erfahrungsebene wohl plausibel erscheint, weist auf eine grundsätzliche Struktur des menschlichen Wesens. Je mehr der Einzelne über sich hinausgeht, verwirklicht er sein eigentliches Wesen. Der Mensch ist nicht umso mehr bei sich selbst, je verschlossener er in sich selbst ist. Er findet sich vielmehr umso mehr, als er von sich weggeht und sich selbst vergisst.

 

Das von der Arbeit Gesagte gilt vorzüglicher noch gegenüber einem anderen Menschen. Die Hingabe an einen anderen Menschen ist freilich nicht einförmig, sondern ist in vielfältiger Weise unterschieden hinsichtlich der Bezugsperson und der persönlichen Eigenart. Jeder hat eine bestimmte Eigenart. Darum ist auch die Beziehung zum Andern jeweils anders. Anders ist auch die Zuwendung zum Hilfsbedürftigen, ist eine Freundschaft, die elterliche Liebe und die leidenschaftliche geschlechtliche Liebe. In allen verschiedenen Gestalten vollzieht sie, was mit „Wohlwollen“ dem Anderen gegenüber bezeichnet wird und was mit Selbstlosigkeit einhergeht. Nicht als ob der Liebende nicht auch ‚besitzen wollte‘. Doch stellt nicht dies die Spitze seines Glücks dar. Begehren bedeutet nicht einfach Besitzen-Wollen. Begehren, gerade das leidenschaftliche, ist eine gewichtige Weise der Wertschätzung und wird auch in einer ehrlichen Beziehung so empfunden. Es ist das meist nicht ausdrückliche Eingeständnis, dass der oder die Andere liebenswert ist. Die Liebenswürdigkeit ist aber nicht nur Grund für die Zuneigung zum Anderen oder gar zur Hingabe; vielmehr macht das Begehren und Bejahen des Anderen diesen auch liebenswert.

 

Selbstlosigkeit ist freilich immer gefährdet. Sie steht in vielfältigen Zusammenhängen in der Gefahr, von anderen ausgenutzt zu werden. Dies geschieht keineswegs immer aus purer Bosheit, sondern oftmals – wie im Eltern-Kind-Verhältnis – aus unberechtigter Selbstverständlichkeit. Die Hingabe kann darum auch nicht von außen gefordert werden, sie muss ganz und gar aus der Freiheit erwachsen und von der Selbstachtung geschützt sein. Nur so kann sie Gewinn bringen.

 

Die Bestätigung in Frankls Therapiekonzept

 

Wer in egoistischer Selbsteinkapselung das eigene Glück und die Erfüllung des eigenen Selbst sucht, erfährt nach Viktor E. Frankl oft eine innere Leere, Ziellosigkeit, Langeweile, Ekel und Sinnlosigkeit. Dies kann geradewegs zu einer Erkrankung führen. Nach Frankl leiden rund 20 Prozent der Bevölkerung bei uns (zu seiner Zeit) an einem Sinnvakuum. Für sie sieht er eine sinnzentrierte Psychotherapie, die sogenannte Logotherapie, angezeigt. Das Wirksame und Erfüllende dieser Therapie liegt darin, dass sie eine positive Hinwendung auf etwas oder jemanden ermöglicht, was Frankl Selbsttranszendenz (Selbstüberschreitung) nennt. Darunter versteht er den grundlegenden Tatbestand, dass Menschsein immer über sich selbst hinaus auf etwas anderes verweist, das über das eigene Ich hinausgeht, sei es auf eine Aufgabe für andere oder an eine unmittelbare Begegnung. Und nur in dem Maße, in dem der Mensch sich selbst solcherart überschreitet, verwirklicht er sich selbst: im Dienst an einer Sache oder in der Liebe zu einer anderen Person! Mit anderen Worten: ganz Mensch ist der Mensch eigentlich nur dort, wo er ganz aufgeht in einer Sache, ganz hingegeben ist an eine andere Person. Und ganz er selbst wird er, wo er sich selbst übersieht und vergisst. Dabei gibt der Therapeut keinerlei Zielvorgabe. Die sinnzentrierte Therapie hat keine inhaltlichen Sinnantworten zur Verfügung. Sie will den Menschen lediglich öffnen und ihm dazu verhelfen, dass er von sich weggehe, sich selbst transzendiere. Dieser Grundsatz durchzieht alle seine Bücher und konkreteren Therapiekonzepte.

 

Frankl hat stets anerkannt, dass lebendige Religiosität dem Menschen eine „unvergleichliche Geborgenheit und geistige Verankerung ermöglicht und solcherart ungemein zur Erhaltung seines seelischen Gleichgewichts beiträgt“. Ohne Religion durch Psychotherapie oder Psychotherapie durch Religion ersetzen zu wollen, hat er persönlich seinen Glauben an ein göttliches Ur-Du und Ja und dessen Wirkmächtigkeit bekannt. Insbesondere da eine grundlegende Voraussetzung der Selbsttranszendenz und der Hinwendung zu einer Sache oder einer Person ein gewisses Maß an Selbstwertschätzung ist, bringt der gläubige Mensch, der sich von Gott angenommen und bejaht weiß, eine günstige Voraussetzung für die Therapie mit. Frankl geht es allerdings nicht nur um die Heilung des am Sinnverlust Erkrankten; über den therapeutischen Bereich hinaus hält er die Gewinnung der Transzendenzhaltung auch für die normale Lebensgestaltung für bedeutsam.

 

Klaus Rohmann