Krippenspiel

Versuch einer tiefenpsychologischen Betrachtung der Weihnachtsgeschichte

 

Abfällige Bemerkungen über die „Weihnachtschristen“ kennen wir alle. Ausgerechnet dieses kirchlich adaptierte heidnische Fest der Wintersonnenwende lockt die Massen in die Kirchen. Und dann diese Bibelstelle – dazu ist doch schon alles gesagt! Kein Wechsel im Lesejahr, alle Jahre wieder – man mag den Überdruss verstehen, den manch ein Geistlicher freimütig gesteht. Es erinnert an den Frust eines ambitionierten Amateurfußballers beim Elfmeterschießen im Kreisligapokal: endlich ist das Stadion mal voll, aber was es zu präsentieren gilt, ist eine Momentaufnahme, ein Spektakel. Niemanden interessiert die Mannschaftsphilosophie, die spielerische Entwicklung über die gesamte Saison, eigentlich ist dieses Event eine Unterbrechung, eine Ausnahmesituation, die mit dem eigentlichen Sinn des Sports kaum etwas zu tun hat. Wie der Kicker steht der Liturg plötzlich vor einer großen Öffentlichkeit, die völlig unterschiedliche Erwartungen hat. Der eigene Druck kann groß werden: würde man jetzt richtig treffen, dann könnte man vielleicht die Menschen für die Sache begeistern… Wahrscheinlicher aber wird es hinterher schlechte Kritiken geben: der Schuss war für die treuen Fans zu flach und zu seicht, für die Familientribüne im Gegenteil viel zu heftig (die Kirche war doch voller Kinder, wie kann man da aufs Kreuz zielen!), anderen war das ganze Spiel zu unspektakulär, nicht mehr zeitgemäß, für die Gelegenheitsbesucher waren Verlängerung oder Elfmeterschießen nicht eingeplant, schließlich soll ja noch gefeiert werden…

 

Vielleicht aber gelingt es ja doch, diese Erwartungen abzulegen und sich ganz aufs Geschehen einzulassen? Es ist doch faszinierend, dass auch noch im Informations- und Medienzeitalter Christmetten die Menschen anlocken. Auch wenn manche „Weihnachtschristen“ lästern oder gar offen Ablehnung zeigen – dass sie noch immer zu den Krippenspielen kommen, deutet auf ein tiefes Bedürfnis des Lebenden hin, über den Friedrich Schiller sagt, „er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Ganz offenbar wird dieser „Homo ludens“ angezogen von der Atmosphäre der Christmetten. Die mythische Ebene jener Symbole, die in der Erzählung des Lukas enthalten sind, die sich darüber hinaus in der Tradition jenes Festes entwickelt haben, rühren offenbar Seelenstrukturen der Menschen an, die sonst durch kirchliche Verkündigung kaum in Resonanz geraten.

 

Die historisch-kritische Bibelexegese liefert die wichtige Voraussetzung dazu, diesen Text des Evangelisten Lukas als das zu identifizieren, was er ist. Der alt-katholische Dozent für biblische Theologie Hans-Jürgen van der Minde betont: „Aber trotz eigener Beteuerung und trotz Kaiser Augustus schreibt Lukas keine Historie in unserem Sinne. Er ist wie Markus und Matthäus ein theologischer Schriftsteller, der Verkündigung betreibt“. Dieser Zugang bleibt bis heute jenen verwehrt, die wie der Göttinger Theologieprofessor Gerd Lüdemann auf der rationalistischen Ebene stehen bleiben. Die biblischen Darstellungen seien „reine Erfindungen“ und hätten mit dem wirklichen Hergang „nichts zu tun“. Dies habe die historische Forschung „seit langem gezeigt“. So habe es zu der fraglichen Zeit eine reichsweite Schätzung unter dem römischen Kaiser Augustus nicht gegeben. Jesus sei nicht in Bethlehem, sondern in Nazareth geboren worden. – Dieser vermeintliche Expertenkommentar eines ehemaligen Profis vom Spielfeldrand offenbart Unverständnis für die Bedeutung des Mythischen, die sich im spielerischen Umgang entfaltet. Altbischof Joachim Vobbe ist schon auf der Pastoralsynode 2000 in Bad Herrenalb namentlich auf Lüdemann eingegangen und hat dessen begrenzten Blickwinkel herausgestellt, der keinen Überblick aufs Spielfeld erlaubt.

Lukas schildert den Mythos der Geburt eines Auserwählten; solche Abstammungslegenden finden sich in der Bibel auch bei anderen herausragenden Persönlichkeiten (vgl. etwa die Herkunft des Mose, Exodus 2). Der Evangelist will etwa 80 Jahre nach Jesu Geburt das zentrale Mysterium seines Glaubens im konkreten Erfahrungsrahmen von Raum und Zeit erfahrbar machen: Gott selbst wird Mensch! Neben der theologischen Aussage trägt diese Schriftstelle also auch eine Botschaft über das Menschsein. Kaum eine andere neutestamentliche Perikope lädt so dazu ein, uns selbst in den Blick zu nehmen wie das Weihnachtsevangelium. Martin Luthers Lied „Vom Himmel hoch, da komm ich her, ich bring euch gute neue Mär“ weist darauf hin, um welche Textgattung es sich handelt. Wir dürfen die Geburt-Jesu-Geschichte wie ein Märchen lesen, schon der Anfang erinnert an die Einleitung in den Volksmärchen: „Es war einmal vor langer Zeit“. Märchen können als kollektive Träume der Menschheit verstanden werden, die in der Symbolsprache der Seele eine Botschaft transportieren. In Träumen sind die innerseelische Ebene (sogenannte „Subjektstufe“) und die reale äußere Ebene („Objektstufe“) untrennbar miteinander verwoben, so wie auch Weihnachten Gegensätze vereint: zwischen Himmel und Erde, innen und außen, Heiligem und Banalem.

Zunächst erinnert die objektive Situation doch frappierend an unsere aktuellen weltlichen Verstrickungen. Das Römische Reich und die Steuerpolitik des Kaisers machen einen Bezug zum Euro-Raum und zur Finanzkrise recht leicht. Mitten in diese gewichtige, ernste und sorgenvolle Ebene der großen Politik bricht das scheinbar Unbedeutende hinein und offenbart das tatsächlich Wesentliche. Ein Mensch wird geboren, die Geburt symbolisiert einen Neubeginn, die Hoffnung auf Zukunft. Maria und Josef gehen zusammen „hinauf nach Judäa“: der Grundkontrast des Menschen – das männliche und das weibliche Prinzip – finden zusammen, nicht sofort, nicht problemlos, sondern es bedarf einer Anstrengung, ein Weg wird gemeinsam zurückgelegt. Im konkreten geologischen Sinne handelt es sich um etwa 400 Höhenmeter, metaphorisch kann hierin auch ein Aufstieg aus einer tieferen Seelenschicht in das Bewusstsein gesehen werden. „Denn er war aus dem Haus und Ge-schlecht Davids“: es ist zugleich eine Rückkehr zu den Wurzeln, eine Einladung auch an uns heute, uns auf unseren Ursprung zu besinnen – biografisch, aber auch in unserem Selbstbild: Erkenne Dich selbst, Mensch!

Die Selbstfindung ist eben keine moderne Anthrozentrik, sondern legt gerade jene Dimension des Menschseins frei, die in der Neuzeit häufig verschüttet ist und aus den unbewussten Seelenschichten befreit werden darf, nämlich dass der Mensch ein religiöses Wesen ist. Im 3. Jahrhundert interpretiert der christliche Rhetoriklehrer Lactantius die Wortbedeutung ganz im Sinne einer solchen Rückkehr zu den Wurzeln: Religion sei eine Ableitung von „religare“; das bedeutet wieder verbinden. „Weil in der Herberge kein Platz für sie war“: auch dieses Motiv darf eine tiefenpsychologische Anfrage an uns heute sein: geben wir unserer Spiritualität Herberge in unserem Bewusstsein oder verdrängen wir dieses humane Wesensmerkmal in die Nebengebäude? Wir können die Dimensionen verschieben von Kaiser Augustus zum Stall. Das Weihnachtsevangelium kann so als Einladung gelesen werden: Suchen wir die Krippe in unserer Seele! Die Raufe ist ein Symbol für ein bergendes Gefäß, das Nahrung und Versorgung bereithält.

Auch beim Szenenwechsel dieses Märchens hin zu den Hirten auf dem offenen Feld springt zunächst der objektstufige Bezug zu unserer kirchlichen Realität ins Auge. Der Bochumer Theologieprofessor Thomas Söding sieht in ihnen ein Sinnbild für die judenchristliche Urgemeinde. Sie sind die Ersten, die zu Jesus kommen: „Was die Hirten zu Vorbildern der Kirche macht, ist ihre Reaktion auf jenes Gotteswort“, das im biblischen Bericht durch den Chor der Engel verkündet wird. Innerpsychisch symbolisieren die Hirten unsere unbewussten Seelenanteile, die noch nicht ans Licht gekommen sind (sie „hielten Nachtwache“). Der Hirt ist ein Archetypus des Aufpassers. Es sind jene psychischen Instanzen, die unsere animalischen Kräfte unter Kontrolle halten. Einerseits soll kein Schaf aus der Herde entweichen und verloren gehen; in der seelischen Entsprechung sollen keine Triebe ausbrechen und in Gefahr geraten. Auf der anderen Seite sollen auch keine Wölfe in die Herde einfallen, so wie vermieden wird, dass aggressive Anteile ins Seelenheil einbrechen und zerstörerisch wüten. In der Ungeschütztheit auf freiem Feld sind die Hirten gefangen in ihrem Sicherheitsbedürfnis: „sie fürchteten sich sehr“. Hieraus befreit die Gnade, die immer zuerst von Gott ausgeht: „Fürchtet euch nicht!“. Das Dunkel bricht auf, „der Glanz des Herrn“ umstrahlt sie, die Hirten werden frei, sie brechen auf und gehen zur Krippe.

 

Im Christgeburtsspiel spricht die anschließende Szene für sich: um die Krippe und das Neugeborene vereinen sich alle Personen. In einer tiefenpsychologischen Deutung symbolisiert dieses Bild das Ganz- und Heilwerden: die innerseelischen Gegensätze und Spaltungen werden überwunden. Hier wird angedeutet, was der Schweizer Psychoanalytiker Carl Gustav Jung mit seinem Konzept der Individuation meint: es geht um die Menschwerdung. Oder in der lakonischen Diktion des großen Spiele-Erklärers Sepp Herberger: „Machs wie Gott, werde Mensch!“

 

Christian Flügel