„… und den Menschen gleich“

 

„Für unsere Sünden gestorben?“ so lautet der Titel des umstrittenen Buches von Burkhardt Müller, dem ehemaligen Bonner Superintendenten. Er greift damit in eine Debatte ein, die vermutlich in vielen Gemeinden gerade in den vergangenen Jahren engagiert geführt wird. Denn viele tun sich heute mit dem Gedanken des Kreuzesopfers schwer. Ich möchte die Diskussion gar nicht erst aufrollen. Denn ich habe den Verdacht, dass wir nur einen etwas anderen Blickwinkel einnehmen müssten, um diesem Streit die Schärfe zu nehmen. Denn in den Kirchen des Westens hat über die Jahrhunderte hinweg immer mehr eine Fixierung auf das Kreuz und das Sterben Jesu stattgefunden. Mit teilweise fatalen Folgen.

 

Für die Kirchen des Ostens dagegen, wie übrigens auch für die meisten der Kirchenväter, ist die Menschwerdung des Gottessohnes das, worauf es ankommt. Für sie ist sie das erlösende Grundgeschehen: Gott nimmt in unendlicher Liebe die menschliche Natur an, um so alles mit sich zu vereinen. Damit hat Gott alles getan, um seine Schöpfung zu erlösen. Die Kreuzigung ist nur die allerletzte Konsequenz dieser Menschwerdung. Denn tiefer als in diesem qualvollen Tod kann sich Gott mit uns, die wir endlich und sterblich sind, die wir Angst haben und leiden, nicht verbinden. Interessanterweise haben die Menschen in unserer Gesellschaft, die mit der Kirche und den christlichen Glaubensaussagen nicht mehr viel anfangen können, diesen Blickwechsel schon längst vollzogen: das Weihnachtsfest ist da zu dem Christfest schlechthin geworden. Vielleicht wäre es an der Zeit, diesen „Trend“ vom Stanniolpapier und Glitter, vom Kommerz und der Dudelmusik zu befreien und als Anfrage an unseren Glauben ernst zu nehmen. In diesem Kind im Stall ist Gott für uns Mensch geworden, damit wir nicht mehr getrennt von ihm leben, sondern mit ihm zusammen sind, in ihm und seinem Geist leben. Das ist von der ersten Seite der Bibel an das, was „Shalom“ genannt wird, Friede, Erlösung aus Angst und Schuld, und nach dem sich die Menschen aller Zeit sehnen. Und diese Menschwerdung Gottes ist nicht nur ein historisches Ereignis von vor 2000 Jahren. Es ereignet sich auch heute – in einem jedem von uns. Dann nämlich, wenn wir im Geist Gottes leben und Gott auch in uns Mensch wird. Wie aber kann das gelingen?

 

Der zentrale und vermutlich älteste Text, der in besonderer Dichte das Geheimnis der Menschwerdung Gottes bis in die letzte Konsequenz durchdringt, ist der so genannte Philipper-Hymnus. „Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht“, mit diesen Worten leitet der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Philippi den Lobpreis ein und benennt darin sogleich auch die Konturen eines geistlichen Lebens als Christ.

 

1. Kontur: Gott entäußert sich

 

In diesem Geist leben heißt dann gerade nicht, ganz bei sich zu sein, sondern „außer sich“ zu sein. In der Liebe, im Humor, im Staunen ist der Mensch in diesem Sinne ganz außer sich - beim Anderen, ohne sich doch zu verlieren. Es ist ein Finden im Anderen. Nicht ohne Grund ist daher die Gastfreundschaft neben der Geschwister- und Feindesliebe ein wesentliches Merkmal altkirchlicher Spiritualität. Sie war von Anfang an ein besonderes Charakteristikum christlichen Lebensstils. Die Offenheit füreinander und für Fremde ist hier ein wesentlicher Aspekt der eigenen Identität, den es zu leben und zu vertiefen gilt.

 

Hier lässt sich übrigens gut anschließen auch an etwas, das heute irgendwie in der Luft zu liegen scheint. Es ist die Haltung der Achtsamkeit. Also von sich abzusehen, ganz im Hier und Jetzt zu leben und zu handeln und sich selbst wieder als Teil eines Ganzen zu begreifen, das wir in jüdisch-christlicher Tradition „Gottes Schöpfung“ nennen. Vermutlich ist diese Wiederentdeckung der Achtsamkeit eine Antwort auf eine Not unsere Zeit. Weil ja immer alles schon da ist, haben wir die innere Beziehung zu allem Geschaffenen verloren und damit das Bewusstsein von Wachsen und Werden, vom Entstehen und getragen Werden. Es geht also darum, ein neues Sehen einzuüben. Ein Sehen, das die englische Dichterin Barret-Browning in einem ihrer Gedichte treffend beschreibt: „Die Erde ist randvoll mit Himmel, und in jedem gewöhnlichen Dornbusch brennt Gott. Aber nur jene, die sehen können, ziehen ihre Schuhe aus. Die anderen sitzen drum herum und pflücken Brombeeren.“

 

2. Kontur: Gott wird Mensch

 

Geistlich leben heißt, die eigene Endlichkeit anzunehmen. Wenn wir die Endlichkeit unseres Lebens und unserer Welt annehmen, leben wir end-gültig und damit wirklich frei. Frei vom Zwang, die unendlichen Lebensmöglichkeiten, die sich uns bieten, ausschöpfen zu müssen. Frei damit auch zur Liebe und zum aufrechten Gang, der uns zu den anderen führt und solidarisch sein lässt (Galaterbrief 5). Geistlich leben bedeutet nicht nur Hymnen zu singen, sondern auch zu klagen. Wo wir unserem Tod nicht ausweichen, können wir auch dem Tödlichen und Lebenszerstörerischen in unserer Welt begegnen und gegen die Ausbeutung von Mensch und Natur, gegen Gewalt und Unrecht aufstehen.

 

Gott wird Mensch – in Christus und in uns. Durch das Wirken des Heiligen Geistes ver-körper-n wir Christus. Spiritualität und Glaube sind also nicht nur etwas, was den Geist angeht, sondern auch den Körper. Als Christen leben wir mit Leib und Seele. Hier müsste man noch mal im Sinne einer ganzheitlichen Spiritualität weiterdenken, insbesondere inwiefern wir auch die Dimension der Heilung als spirituelles Geschehen wieder in den Blick bekommen können und sollten.

 

3. Gehorsam bis zum Tod am Kreuz

 

Der Tod Jesu am Kreuz ist die letzte Konsequenz der Menschwerdung Gottes. Er macht sich bis ins Letzte mit uns gemein. Wenn wir das so sehen lernen, dann fangen wir an, uns selbst von unserer Verletzlichkeit her zu verstehen, sie also nicht ständig als Superman und –woman überspielen und über unsere Verhältnisse leben zu wollen, sondern sie gerade als Auszeichnung unseres Menschsein zu verstehen. „Vom Fenster der Verwundbarkeit“, spricht die Theologin Dorothee Sölle einmal. Bischof Joachim Vobbe formuliert es nicht weniger poetisch in einem seiner Lieder folgendermaßen: „An unseren Kreuzen bleibt die Sehnsucht heil.“ Es ist doch die Frage, ob wir uns nicht zu schnell vertrösten lassen, anstatt eine gewisse Untröstlichkeit auszuhalten, die Christen eigentlich gerade auszeichnen sollte.

 

Es gibt ein schlichtes, aber schönes Bild, das das zum Ausdruck bringt. Es stammt aus dem Umfeld des Nürnberger Speerfestes, wie es im Mittelalter gefeiert wurde. In Nürnberg befand sich seit dem 10. Jahrhundert angeblich die Lanze, mit der, wie im Johannes-Evangelium erzählt wird, nach Jesu Tod dessen Seite geöffnet wurde und Blut und Wasser daraus hervor flossen. Einmal im Jahr wurde die Lanze dem Volk gezeigt, und fromme Menschen fertigten zu Hause „Speerbildchen“ an, die sie dann an die Lanze hielten und zum Schutz bei sich trugen oder verschenkten. Dieses Bild ist ein solches Speerbildchen, sorgfältig angefertigt von einem uns Unbekannten. Mit der Schere hat er oder sie ins Papier hinein geschnitten. Das Papier selbst wird geöffnet. Es ist das Bild des geöffneten und verwundeten Herzens. Sorgfältig ist ein Stückchen aus dem Herzen herausgeschnitten. Die Schnittstelle lässt sich nun nicht mehr schließen. Man kann hindurch blicken. Durch das geöffnete Herz hindurch die Welt sehen. Es ist das Bild des geöffneten Herzens Jesu. Es ist das Bild eines sehnsuchtsvollen und verwundeten Herzens, das untröstlich bleibt. Ein Herz, das überall Gott vermisst: in den Slums, in den Todeszellen, in den trostlosen Hochhaussiedlungen der Großstädte, in den unzähligen Kriegen und im Leiden und Sterben auch der kleinsten Kreatur. Im Geist Gottes leben bedeutet dann vor allem, mit unruhigen Herzen zu leben, um dessen Notwendigkeit schon der Kirchenvater Augustinus wusste, wenn er schreibt: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir. Denn auf dich hin sind wir alle geschaffen!“

 

4. darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen.

 

Immanuel – Gott mit uns. Jesus – Gott rettet. Das ist der Name, der größer ist als alle Namen. Aber wie der bekannte katholische Theologe Jean Baptist Metz schon treffend bemerkte: „alle Gottes-prädikate (tragen) in den biblischen Traditionen – von der Selbstdefinition Gottes in der Exodusgeschichte bis zum johanneischen Wort „Gott ist Liebe“ – einen Verheißungsvermerk. In ihnen wird nicht „konstatiert“ und auch nichts über die Erfahrbarkeit göttlicher Liebe in dieser zerrissenen und leidvollen Welt ausgesagt. Sie sind vielmehr Hoffnungs- und Verheißungsworte im Widerstand gegen alles, was diese Liebe zu verneinen scheint. Im Geist Gottes leben heißt also „die Erlösung nicht im Rücken zu haben, sondern ermächtigt durch den Tod und die Auferstehung Jesu die Frage „Wo bleibt Gott?“ nach vorne hin offenzuhalten.“ Das bedeutet allen Machtansprüchen, die sich auf Gott berufen, eine Absage zu erteilen. Das bekannte Wort von Nietzsche „Gott ist tot“ bedeutet das Zerbrechen aller greifbaren und fixierbaren Gottesbilder. Es öffnet den Weg, Gott als den zu erfahren, der sich in uns ereignet. Im Leben und im Tod. Die Frage „für unsere Sünden gestorben?“ ist also eigentlich, mit Verlaub gesagt, ziemlich uninteressant. „Für uns geboren?“ – das wäre meines Erachtens die wirklich spannende Frage, auf die es heute ankommt.

 

Henriette Crüwell