Weniger als Nichts

Der Papst in Erfurt und die Ökumene

 

Mit Spannung war das ökumenische Treffen zwischen dem römisch-katholischen Papst Benedikt XVI. und der Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) erwartet worden. So sehr, dass in der gesamten medialen Berichterstattung der Eindruck entstehen musste, es gäbe in Deutschland eigentlich nur die evangelische und die (römisch-)katholische Kirche. Die restlichen Konfessionen, und die durchaus bestehenden engen ökumenischen Beziehungen zwischen diesen, wurden geflissentlich übersehen.

 

Und was gab es nicht alles für Hoffnungen, die hier im Vorfeld geäußert wurden: Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Ilse Junkermann, hatte erwartet, dass der Papst diesen Besuch zum Anlass nehmen könnte, die evangelischen Kirchen endlich auch als Kirchen anzusehen. Der Kurator des Augustinerklosters, Lothar Schmelz, hätte es begrüßt, wenn anlässlich dieses Besuches der Bann von Martin Luther genommen worden wäre. Und der römisch-katholische Erzbischof von Freiburg und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, hätte sich als Zeichen der Barmherzigkeit wenigstens die Zulassung konfessionsverbindender Ehepaare zum gemeinsamen Empfang der Eucharistie in römisch-katholischen Gottesdiensten gewünscht.

 

Die Ansage des Papstes beim ökumenischen Wortgottesdienst in der Augustinerkirche der Lutherstätte Augustinerkloster, in der Martin Luther noch römisch-katholischer Augustinermönch war, mussten dann auch den Letzten wie durch eine Dusche mit kaltem Wasser aus seinen Ökumene-Träumen reißen. Wörtlich sagte das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche in seiner Predigt in der Augustinerkirche: „Im Vorfeld des Papstbesuchs war verschiedentlich von einem ökumenischen Gastgeschenk die Rede, das man sich von diesem Besuch erwarte. Die Gaben, die dabei genannt wurden, brauche ich nicht einzeln anzuführen. Dazu möchte ich sagen, dass dies ein politisches Missverständnis des Glaubens und der Ökumene darstellt. Wenn ein Staatsoberhaupt ein befreundetes Land besucht, gehen im allgemeinen Kontakte zwischen den Instanzen voraus, die den Abschluss eines oder auch mehrerer Verträge zwischen den beiden Staaten vorbereiten: In der Abwägung von Vor- und Nachteilen entsteht der Kompromiss, der schließlich für beide Seiten vorteilhaft erscheint, so dass dann das Vertragswerk unterschrieben werden kann. Aber der Glaube der Christen beruht nicht auf einer Abwägung unserer Vor- und Nachteile. Ein selbst gemachter Glaube ist wertlos. Der Glaube ist nicht etwas, was wir ausdenken oder aushandeln. Er ist die Grundlage, auf der wir leben. Nicht durch Abwägung von Vor- und Nachteilen, sondern nur durch tieferes Hineindenken und Hineinleben in den Glauben wächst Einheit.“

 

Die Ergebnisse, die dann bekannt wurden, habe mich nicht überrascht: Die aktuellen ökumenische Streitfragen wurden vom Papst ganz einfach nicht angesprochen. Leider.

Aber es war zu erwarten, dass sich nichts bewegt: Der römisch-katholische Papst kann die evangelische Kirche aus Gründen der eigenen römisch-katholischen Lehre schlicht nicht als Kirche anerkennen. Denn für die römisch-katholische Lehre ist der Begriff ‚Kirche‘ eng mit der Frage des römisch-katholischen Verständnisses der so genannten ‚Apostolischen Sukzession‘ und damit mit der Frage des Amtes verknüpft.

 

Unter dieser ‚Apostolischen Sukzession‘ wird aus römisch-katholischer Sicht die ununterbrochene rechtmäßige Nachfolge der Apostel verstanden, die von den Aposteln durch die Bischöfe bis heute fortgeführt wird. Diese Nachfolge wird durch die gültig gespendete Bischofsweihe übertragen, die nur Männern gespendet werden kann – sozusagen als ununterbrochene Linie der Handauflegungen von der Urkirche bis heute.

 

Christliche Gemeinschaften, welche sich aus römisch-katholischer Sicht nicht in der ‚Apostolischen Sukzession‘ befinden – und zu diesen zählen alle evangelischen Kirchen – werden daher von römisch-katholischer Seite nicht als ‚Kirchen‘ betrachtet, da sich deren Geistliche nicht in der ‚Apostolischen Sukzession‘ befinden.

 

Und natürlich konnte auch keine Aufhebung des Banns auf Martin Luther erwartet werden. Denn dies wäre einem Eingeständnis gleichgekommen, dass Martin Luther und die vor allem durch ihn ausgelöste Reformation zu jener Zeit möglicherweise doch berechtigt Kritik geübt hätten. Und ein solcher Eindruck könnte römisch-katholische Reformgruppen ja auf die Idee bringen, dass sie in ihrer (heutigen) Zeit durchaus zu Recht Kritik üben – und diese Kritik eben dann irgendwann in der Kirchengeschichte doch noch als berechtigt anerkannt würde. Das würde umso mehr dazu führen, mit der Kritik nicht nachzulassen.

 

Der römisch-katholische Kirchenrechtler Norbert Lüdecke hat das mal sehr treffend so zusammengefasst: „Die Amtskirche ist hinsichtlich ihrer sakrosankten Kernstrukturen nicht nur reformunwillig. Sie ist ihren eigenen dogmatischen Festlegungen gegenüber machtlos und insoweit nicht vorwerfbar reformunfähig. Wo als unaufgebbar mit strafrechtlich gestützter Einforderung von Rechts- und Heilsgehorsam und so als Bestandteil des göttlichen Gründerwillens Gelehrtes geändert würde, geschähe nicht Relativierung oder Reformierung, sondern Selbstaufgabe. Dafür hat die kirchliche Autorität ein ausgeprägtes und realistisches Gespür.“

Letztlich sind der Papst und die ganze römisch-katholische Kirche Gefangene ihres eigenen Systems. Vom eigenen Selbstverständnis her muss der Papst als Papst überzeugt davon sein, die objektive Wahrheit zu vertreten. Konfessionelle Vielfalt kann es daher nur in Abweichung von der objektiven Wahrheit geben, als Häresie, die sich nur eine Teilwahrheit herauspickt und diese vertritt, oder als Schisma, bei dem sich Teile der Kirche von dem vorgeblichen Nachfolger Petri auf dem Bischofsstuhl von Rom trennen. Implizit wird das auch durch den zitierten Auszug aus der Predigt in der Augustinerkirche deutlich. Die objektive Wahrheit kann es nur in der Gemeinschaft, der Communio, mit dem Bischof von Rom geben. Sie ist nicht verhandelbar. – Grund genug, sich auch bei konfessionsverschiedenen Paaren in gar keinem Fall darauf einzulassen, den nicht-römisch-katholischen Partner zur Eucharistie zuzulassen. Denn der steht ja ex communio, ist exkommuniziert.

Der Vollständigkeit halber sei allerdings angemerkt, dass Kardinal Karl Lehmann (Bistum Mainz) im Vorfeld des Papstbesuches in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau gesagt hat: „Es ist doch schon eine kleine Sensation, dass der Papst die Schwelle des Klosters überschreitet, in dem Martin Luther viele Jahre gelebt hat. Wie weit Benedikt diesen Ort nutzt, etwa für eine positive Würdigung der Reformation – ich weiß es nicht. Andererseits ist dies vielleicht gar nicht zu erwarten, wenn der Papst sechs Jahre vor dem großen Reformationsjubiläum 2017 schon etwas vorwegnähme, was wir mit evangelischen und katholischen Theologen gerade intensiv zu erarbeiten versuchen. Bis wir damit fertig sind, wird es bestimmt noch einige Jahre dauern.“

Aber wer weiß. Vielleicht verbergen sich in dieser Ansage Lehmanns auch nur ähnlich illusorische Hoffnungen, wie sie schon im Vorfeld des Papstbesuches geäußert wurden.

 

Walter Jungbauer