Neu und katholisch

Alt-Katholische Kirche in Hannover geweiht

 

Hannover, 3. September 2011, Feier zur Weihe der alt-katholischen Kirche Marie-Angélique in Hannover-Kirchrode:

 

Etwa 250 Besucher haben sich gegen 14 Uhr vor der neuen Kirche der Alt-Katholiken in Hannover und Niedersachsen versammelt. Neben Gemeindemitgliedern und ihren Angehörigen auch etliche Menschen aus den verschiedenen Nachbargemeinden sowie zahlreiche Ehrengäste. Der Neubau hat bereits seit letztem Jahr reichlich Interesse auf sich gezogen. „Schon mehrere Monate lang halten wir in der Kirche Gottesdienst“, sagt Pfarrer Oliver Kaiser, „und seitdem entdecken wir dabei viel häufiger als zuvor neue Gesichter.“ Manche kämen auch zwischendurch einfach mal so herein, um sich die Kirche anzuschauen.

 

Allein nicht zu wuppen!

 

Aber soviel Andrang wie jetzt, das können die niedersächsischen Alt-Katholiken allein nicht wuppen. Zum Glück helfen die evangelisch-lutherischen Nachbarn aus. Ungefähr 80 Gäste müssen in der etwa 100 Meter entfernten Jakobi-Kirche Platz nehmen. Dort wird der von Bischof Matthias Ring geleitete Gottesdienst auf einer großen Leinwand übertragen. Obwohl die Bildqualität nicht optimal ist, herrscht eine gute und feierliche Stimmung. Es wird ja schließlich auch nicht alle Tage ein Kirchenneubau eingeweiht.

 

Eine neue Kirche zu bauen, das erscheine heutzutage vielen wohl als etwas Verschwenderisches, sagt der Bischof in seiner Predigt. Aber genau das solle es auch sein: Denn diese Verschwendung lasse etwas von der verschwenderischen Liebe Gottes ahnen.

 

Martyrium oder (über)sinnlich-meditatives Erlebnis?

 

Weihrauchduft durchzieht die Kirche. Chrisamöl, farbenfrohe Messgewänder, Kerzen und liturgische Gesänge prägen den feierlichen katholischen Gottesdienst in Hannover. Irgendwann gegen Ende verlassen die ersten vorzeitig die Feier. Unter ihnen auch ein evangelischer Gast. „Ich wünsche euch Gottes Segen“, simst er seinem alt-katholischen Bruder zu, „aber nach zweieinhalb Stunden hat mich die alt-katholische Kirche zum Märtyrer gemacht“. Wie er haben wohl auch andere Besucher die lange Weiheliturgie mit den sich anschließenden Grußworten als recht anstrengend erlebt. Doch was den einen als „Martyrium“ erscheint, bedeutet für andere ein ausnehmend spirituelles und sinnliches – vielleicht auch übersinnliches – Erlebnis.

 

Vom gemeinsamen Katholisch-Sein

 

Etliche Ehrengäste aus Ökumene, Kommunalpolitik und dem Stadtteil sind erschienen und beglückwünschen die Alt-Katholiken zu ihrem neuen Gotteshaus. Vom – gemeinsamen – Katholisch-Sein spricht der römisch-katholische Regionaldechant und Domkapitular Propst Martin Tenge in seinem ausgesprochen wohlwollenden Grußwort. Er betont die Verbundenheit von römisch-katholischen Gläubigen und Alt-Katholiken durch die katholischen Traditionen, die Liturgie und das apostolische Amt. Tenge resümiert die Gründe der Kirchenspaltung im 19. Jahrhundert. Ein hoffnungsvolles Zeichen sei jedoch der Bericht der Internationalen Römisch-Katholisch/Alt-Katholischen Dialogkommission aus dem Jahr 2009. Zwar gebe es noch keine Kirchengemeinschaft, betont Tenge, er hoffe jedoch auf eine Annäherung in nicht allzu ferner Zukunft.

 

Als Gastgeschenk hat Martin Tenge einen Osterkerzenleuchter mitgebracht. „Der ist alt und katholisch“, sagt er, und habe bis vor kurzem in der Kapelle des hannoverschen Benediktinerklosters gestanden, die gerade renoviert wurde.  

 

Klönschnack bei strahlendem Sonnenschein

 

Nach Liturgie und Grußworten bleiben viele Gottesdienstbesucher noch da, um mit verschiedenen Leckereien sowie kühlen und heißen Drinks bei Klönschnack und Gesprächen die Kirchweihe zu feiern. Schon seit dem Morgen herrscht strahlender Sonnenschein. „Das spricht deutlich für die hannoverschen Alt-Katholiken“, bemerkt jemand. Die sind auf jeden Fall dankbar, nun endlich einen eigenen Sakralbau zu haben. Ein richtiges Schmuckstück ist in Hannover entstanden. Innen beeindruckt die nach Osten ausgerichtete Kirche insbesondere durch die außergewöhnlichen Wechselwirkungen aus Licht- und Schattenspiel. Und etwas ganz Besonderes ist natürlich das große Taufbecken nach frühchristlichem Vorbild, in dem auch durch Untertauchen getauft werden kann. Natürlich nur, sofern die Taufkandidaten beziehungsweise deren Eltern sich auf diese ganzheitliche Form einlassen möchten.

 

Gegen halb acht leeren sich Kirche und Gemeindezentrum. Wenn dieser sonnige, festliche und fröhliche Tag ein Zukunftsversprechen ist, stehen der alt-katholischen Gemeinde Hannover-Niedersachsen schöne und gesegnete Zeiten bevor!

 

Achim Beinsen