Moderne Mercedarier

Freiheit den Gefangenen und Freilassung den Unterdrückten: 50 Jahre Amnesty International

 

Selbst große Ideen geraten bisweilen in Vergessenheit, ehe sie nach Jahrhunderten wieder auftauchen und zu neuer Blüte kommen. Anfang des 13. Jahrhunderts wurde in Spanien von Petrus Nolascus (heiliggesprochen 1655) unter anderen der Ritterorden der Mercedarier gegründet. Neben den drei üblichen Ordensgelübden gab es noch ein viertes: die Ordensmitglieder verpflichteten sich zur Befreiung von Gefangenen und Sklaven aus der Gewalt der Sarazenen und maurischen Sklavenjäger. Diese bedrohten damals im ganzen Mittelmeerraum die christlichen Siedlungen und auch die Pilgerwege ins Heilige Land. Den Orden gibt es noch; in den deutschsprachigen Ländern widmet er sich heute nach eigenem Bekunden besonders der Gefangenenseelsorge.

750 Jahre später, 1960, kommt dem damals 39jährigen Anwalt Peter Benenson ausgerechnet in einer Londoner Kirche, St. Martin in the Fields, der Gedanke: „Wenn eine einzelne Person protestiert, bewirkt das nur wenig, aber wenn es viele Leute gleichzeitig tun würden, könnte es einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen“. Protestieren nämlich gegen die Verhaftung, Folterung, Hinrichtung von Menschen, die Regierungen wegen ihrer politischen oder religiösen Überzeugungen missliebig sind. Am 28. Mai 1961 veröffentlicht die Zeitung „The Observer“ seinen Artikel „The Forgotten Prisoners“ (Die vergessenen Gefangenen), in dem er die Leser auffordert, mit schriftlichen Appellen Druck auf die Regierungen zu machen, um so die Freilassung politischer Gefangener zu erreichen.

 

Dieser Artikel hat ein großes Echo, viele namhafte Blätter in verschiedenen Ländern drucken ihn ab, und schon bald melden sich Tausende Menschen, die Benensons Idee unterstützen und bereit sind, sich persönlich mit Appellen und Bittbriefen an Regierungen für politische Häftlinge einzusetzen. Schon einen Monat nach dem Erscheinen des Artikels gibt es in Deutschland eine Gründungsversammlung der Unterstützer. Was ursprünglich als eine befristete Kampagne gedacht war, entwickelt sich binnen kurzem zu einer ständigen Organisation, die heute in Deutschland 110.000 Unterstützer zählt. So wird der Zeitungsartikel Peter Benensons gewissermaßen zur Gründungsurkunde von Amnesty International. Diesen Namen erhält die Bewegung endgültig im Jahr 1962. „ai“ ist heute in 150 Ländern vertreten. Im Lauf der 50 Jahre ihres Bestehens ist es ihr durch unablässige Appelle, Proteste und andere fantasievolle Aktionen gelungen, die Freilassung vieler Tausender Gefangener zu erwirken. Deren politische oder religiöse Überzeugung oder Herkunft, Rasse oder Geschlecht waren und sind dabei ohne Belang.

 

Die Arbeit von Amnesty International beruht ausdrücklich nicht auf religiösen Grundsätzen, sondern beruft sich auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die 1948 von den Vereinten Nationen verkündet wurden. Nicht wenige meinen indes, dass die Idee unveräußerlicher Menschenrechte nur auf dem Boden christlicher Ethik gedeihen konnte. Wie dem auch sei – Christen haben allen Grund, sich für die Ziele von Amnesty International zu engagieren, und sie tun das auch von Anfang an; im Kreis um den Gründer Benenson waren beispielsweise einige Quäker. Gewiss gibt es auch unter den Mitgliedern unserer Kirche nicht wenige ai-Unterstützerinnen und Unterstützer.

Ein Orden ist Amnesty International nicht, ein Ritterorden schon gar nicht, obwohl nicht selten Mut dazu gehört, sich im Namen von „ai“ einzusetzen. Verhaftungen von Aktiven und andere Repressalien gegen Unterstützer kommen durchaus vor. Mitglieder der „säkularen Mercedarier“, erklären sich bereit, Menschen aus der Haft zu befreien, die Anwendung der Folter zu beenden, politischen Flüchtlingen Schutz zu gewähren, Menschenrechtsverteidiger zu schützen, Menschenrechtsverletzungen durch Armut anzuprangern.

Wer sich für die Arbeit von Amnesty International interessiert, schaut sich am besten einmal auf deren Webseite um: amnesty.de.

 

Wir Christen können der weltweiten Arbeit von „ai“ nur mit Wohlwollen begegnen. Jesus selbst hat die Befreiung der Gefangenen und Unterdrückten als Teil seines Auftrags verstanden, nachzulesen im Lukasevangelium 4,18 ff. Freilich ist das in den Kirchen wohl immer zuerst als eine Befreiung der Menschen von Sünde und Schuld verstanden worden. Dennoch kann kein Zweifel daran bestehen, dass Jesus durchaus auch die reale Sorge um die Gefangenen und ihre Befreiung im Blick hatte; anders lässt sich die Gerichtsszene bei Matthäus 25,36 („Ich lag im Gefängnis und ihr habt mich besucht…“) nicht deuten, aus der die so genannten Sieben Werke der Barmherzigkeit hergeleitet werden. Christsein bedeutet immer, an der Befreiung des Menschen mitzuarbeiten, an der Befreiung aus inneren wie äußeren Gefängnissen.

 

Veit Schäfer