Die Frage macht die Gemeinschaft

Internationale Anglikanisch/Alt-katholische Theologenkonferenz

 

Ungefähr fünfzig Theologinnen und Theologen vor allem aus den Alt-katholischen Kirchen der Utrechter Union und der weltweiten Anglikanischen Gemeinschaft versammelten sich vom 29. August bis zum 2. September im Herz-Jesu-Kloster in Neustadt an der Weinstraße zum gemeinsamen Gebet, zu Vorträgen und zur Diskussion über gemeinsame Anliegen.

 

Seit Abschluss des Bonner Abkommens 1931, das zwischen den beiden Kirchenfamilien Kirchengemeinschaft herstellte, hat es regelmäßige Treffen von Theologinnen und Theologen gegeben. Das Bedürfnis, über die gemeinsame Sendung der Kirchen der Anglikanischen Gemeinschaft und Utrechter Union vor allem auf dem europäischen Kontinent zu sprechen, trug die Konferenz.

Das Thema hieß „Ekklesiologie und Sendung im heutigen Europa“ und bezog sich auf ein Dokument, das der Anglikanisch/Alt-katholische Internationale Koordinierende Rat (AOCICC) erarbeitet hat. Es versucht, die Grundlagen, den Umfang und die Grenzen der Beziehungen zwischen beiden Kirchenfamilien zu erläutern. Der Rat nutzte die Gelegenheit, die Konferenz zum Inhalt des Dokuments zu konsultieren, um es im Licht dieser Kommentare bei seinem nächsten Treffen im November zu überarbeiten und dann zu veröffentlichen.

 

Die Konferenz wurde mit Grußworten von Dr. Joris Vercammen, Erzbischof von Utrecht, und Dr. Geoffrey Rowell, Bischof der Diözese von Europa (Kirche von England) eröffnet. Rednerinnen und Redner aus der alt-katholischen, anglikanischen, orthodoxen, römisch-katholischen und baptistischen Tradition befassten sich mit einer großen Bandbreite an Themen, unter anderem mit der Bedeutung des Bonner Abkommens, dem europäischen Kontext kirchlicher Sendung heute, der Säkularisierung, dem Beitrag des ökumenischen Dialogs zu Mission und Einheit sowie mit der theologischen Grundlegung von Mission und Einheit. Redner waren Paul Avis (London und Exeter, Grossbritannien), Angela Berlis (Bern, Schweiz), Keith Clements (Bristol, Grossbritannien), Michael Jackson (Dublin, Irland), Peter De Mey (Leuven, Belgien), Daniel Munteanu (Bamberg, Deutschland) und Matthias Ring (Bonn, Deutschland). Die Vorträge werden 2012 in der Internationalen Kirchlichen Zeitschrift veröffentlicht.

 

Während der Konferenz erlebten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein wachsendes Gefühl der Verbundenheit. Die Konferenz ermutigte den AOCICC, die Bischöfe sowie den Klerus und die Laien beider kirchlicher Gemeinschaften die im Bonner Abkommen hergestellte Gemeinschaft zu vertiefen und Bemühungen um Einheit und Mission im heutigen Europa zu unterstützen.

 

Nach dem „Report“ der Teilnehmerinnen und Teilnehmer vom 2. September 2011

 

Im Folgenden stellt Dr. Andreas Krebs, Bern, die in seinen Augen wesentlichen Punkte der Konferenz dar.

 

Die Frage macht die Gemeinschaft

 

Vor achtzig Jahren wurde mit dem Bonner Abkommen die volle Sakramentsgemeinschaft zwischen Anglikanern und Alt-Katholiken begründet. Jede Kirchengemeinschaft erkennt dabei die „Katholizität und Selbstständigkeit“ der anderen an. Lehrmeinungen und liturgische Formen müssten, so heißt es, einander keineswegs angeglichen werden; entscheidend sei vielmehr die Überzeugung, die jeweils andere Kirche halte alles Wesentliche des christlichen Glaubens fest.

Der Konsenstext des Bonner Abkommens ist mit drei Sätzen frappierend kurz. Tatsächlich konnte er aber zur Grundlage einer dauerhaften Kirchengemeinschaft werden. Vielleicht liegt das gerade daran, dass er Fragen offen lässt: Wie kann diese Gemeinschaft umgesetzt und sichtbar gemacht werden? Wie kann sie zu einem vertieften Miteinander führen? Was bedeutet sie für das Verhältnis zu anderen Kirchen? Das Bonner Abkommen legt die Antworten nicht fest, sondern überlässt sie dem gemeinschaftlichen Suchen, dem praktischen Ausprobieren, dem theologischen Gespräch.

 

Wichtige Anlässe zu solchem Gespräch bieten seit jeher die anglikanisch-alt-katholischen Theologenkonferenzen. In diesem Jahr bezogen sich die Vorträge und Diskussionen auf den Entwurf eines Dokumentes, das der Anglikanisch-Alt-katholische Internationale Koordinierende Rat (AOCICC) erarbeitet hat. Wie Angela Berlis in ihrem Eröffnungsvortrag erläuterte, betrachtet der Entwurf „innere“ Fragen der anglikanisch/alt-katholischen Gemeinschaft bewusst im Kontext „äußerer“ Veränderungen wie der Säkularisierung europäischer Gesellschaften. Entscheidend sei dabei, dass die „innere“ Einheit und „äußere“ Sendung der Kirche als zwei Seiten derselben Medaille begriffen würden.

Über diesen Zusammenhang – der unter anderem von Daniel Munteanu auch aus orthodoxer und Peter De Mey aus römisch-katholischer Sicht beleuchtet wurde – bestand weithin Konsens. Auseinander gingen die Auffassungen hingegen darüber, was „Einheit“ und „Sendung“ im Einzelnen beinhalten. In der Anglikanischen Gemeinschaft kommen vielfältige theologische und liturgische Strömungen zusammen, die nicht zuletzt mit verschiedenen Einheitsvorstellungen verbunden sind.

 

Auch die alt-katholische Seite ist womöglich nicht ganz homogen: So warf der deutsche Bischof Matthias Ring die Frage auf, ob Alt-Katholiken gegenüber Anglikanern wirklich auf dem Prinzip beharren müssten, in einer geeinten Kirche dürfe es auf einem Territorium nur eine Ortskirche geben. Könnten nicht dort, wo mehrere Kulturen auf demselben Territorium zusammenkommen, auch mehrere Kirchen ihre Berechtigung haben?

Unterschiedlich waren die Ansichten auch zur Sendung der Kirche in säkularen Gesellschaften, welche etwa vom anglikanischen Theologen Paul Avis recht kritisch bewertet wurden; er entwarf die Kirche folgerichtig als Alternativmodell. Andere, wie der Dubliner Erzbischof Michael Jackson, zeigten auch positive Aspekte der Säkularisierung auf. Diese werde in jedem Fall, so der baptistische Theologe und Ökumeniker Keith Clements, die Kirchen selbst zutiefst verändern – was als Auftrag und Chance zu begreifen sei.Die Vorträge und Gespräche fanden in einer ausgesprochen guten Atmosphäre statt. So machten sie die anglikanisch/alt-katholische Gemeinschaft, über die sie reflektierten, ihrerseits erfahrbar. Zu einer abschließenden inhaltlichen Stellungnahme kam es jedoch nicht. Der Eine oder die Andere mag das als unbefriedigend empfunden haben. Doch vielleicht bestätigen gerade Anglikaner und Alt-Katholiken eine Einsicht des christkatholischen Theologen Kurt Stalder: „Die Frage macht die Gemeinschaft und nicht die Antwort.“ Zumindest solange die Frage als gemeinsame Herausforderung begriffen wird.

 

Andreas Krebs