Ein Fest auf dem Friedhof

 

In einer Ecke des Friedhofs spielt gerade die Blaskapelle. Ein kleiner Junge sitzt an einem Grab und verdrückt genussvoll ein Eis. Ein paar Gräber weiter öffnet der Eisverkäufer erneut die Kühlbox, um den nächsten Kunden zu bedienen. Zwei Männer rücken mit einer Kiste Bier an, andere tragen Bänke zu den Gräbern. Frauen schleppen Körbe voll Brot herbei. Ganze Großfamilien kampieren auf den Friedhof. Es wird zusammen gegessen und getrunken, gefeiert und gelacht: Allerheiligen und Allerseelen auf einem Friedhof in Bolivien. Für die Menschen, die dort hinkommen, sind die Verstorbenen so präsent, dass sie mit ihnen an diesen Tagen essen und trinken wollen.

 

In unseren Augen mag ein solcher Brauch befremdlich sein - und auch ein bisschen abergläubisch. Wer auf einem Friedhof hier in Deutschland so ein Volksfest veranstalten würde, hätte schnell Probleme nicht nur mit der Polizei, sondern auch mit den anderen Friedhofsbesuchern. Bei uns sind die Orte Stätten der Ruhe und Einsamkeit. Hier kann man allenfalls Einzelne treffen, die mit Gießkanne, Eimer und Schaufel bewaffnet das Grab ihrer Angehörigen in Ordnung halten. Friedhöfe, so scheint es, sind etwas für alte Leute, Kinder haben dort nichts verloren. Manche meinen sogar, man könne den Kleinen einen Gang über den Friedhof gar nicht erst zumuten. Und so befinden sich Friedhöfe, die früher um die Kirche herum angelegt waren, längst nicht mehr in der Mitte eines Dorfes oder einer Stadt, sondern sind an den Rand gedrängt. Die Verstorbenen liegen dort fernab der Lebenden in Reih und Glied. Der Tod hat seine Ordnung. Steril und geradezu hygienisch muss es sein. Da darf kein Moos aus dem Grabstein wachsen, alles ist blank poliert, kein Kraut darf dort sein, wo es nicht hingehört, und erst recht keine lauten großen und kleinen Leute.

Und da hat es durchaus eine gewisse Logik, wenn sich immer mehr Menschen anonym bestatten lassen, weil sie ihren Kindern und Kindeskindern nicht zumuten wollen, ihr Grab besuchen und pflegen zu müssen. Wir verlernen so aber immer mehr den Umgang mit den Toten und damit auch den Umgang mit unserer eigenen Sterblichkeit. Die Toten sind tot. Viele denken so. Und nach diesem Leben kommt eh nichts mehr. Was bleibt, ist die blanke Angst vor diesem Nichts. Da entsteht eine Gesellschaft, wie es sie vielleicht noch nie in der Geschichte der Menschheit gab: eine Gesellschaft, die in der radikalen Diesseitigkeit lebt und ihre Todesangst betäubt mit allen Mitteln, die man kaufen und besitzen kann.

 

Schon deshalb haben wir die Tage Allerheiligen und Allerseelen bitter nötig. Sie sind der Ernstfall unseres Glaubens. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Denn Gott hat in Christus den Tod überwunden. Wir können uns da bei den Gläubigen in Südamerika etwas abschauen, aber auch bei den Christen der ersten Stunde, die sich an den Gräbern der Märtyrer und Märtyrinnen trafen, um dort vereint mit ihnen zu feiern, zu beten und Mahl zu halten. Allerheiligen und Allerseelen begehen wir also in dem Bewusstsein, dass die Toten nicht einfach tot, sondern in Gottes Hand geborgen sind. Wir bleiben mit ihnen verbunden, weil sie und wir in Christus für immer miteinander vereint sind. Wir, die Lebenden, bilden mit den Verstorbenen zusammen eine große Gemeinschaft aller jener, die zu Gott gehören. Dann können wir mit Groß und Klein den Friedhof als Ort des Lebens zurückerobern, wo nicht nur die Trauer ihren Platz hat, sondern auch die Dankbarkeit, das Lachen und die Lebensfreude.

 

Allerheiligen ist ein katholisches Fest, das für die bunten Facetten unseres Glaubens an „die Gemeinschaft der Heiligen“ steht, zu der wir uns ja alle im Apostolischen Glaubensbekenntnis bekennen: Protestanten und Katholiken, Orthodoxe und viele, viele Christen mit uns. Wir sind eine einzige große Gemeinschaft und die überspannt Raum und Zeit.

 

Wir alle sind durch die Taufe zu dieser Gemeinschaft der Heiligen berufen. Und wir werden immer mehr Teil davon, wenn wir ernst nehmen, was uns Jesus in seinen Seligpreisungen sagen wollte. All die Armen, Trauernden, Friedensstifter, Gewaltlosen und Barmherzigen, die Jesus da selig nennt, haben eins gemeinsam: Sie geben sich nicht zufrieden mit einem Glück, das man machen, verfügen, erkämpfen oder kaufen kann. Es sind Menschen, die auch in all ihrer Not, in aller Angefochtenheit und Angst nach dem Himmel fragen.

 

Wenn wir uns zu dieser Gemeinschaft bekennen, dann spüren wir, was es bedeutet, am Ende des Weges den Himmel offen zu finden. Und dann können wir darauf vertrauen, dass diejenigen, die uns vorangegangen sind und bereits jetzt bei Gott leben, noch immer das gleiche tun, was ihnen schon in ihrem irdischen Leben so wichtig war: an andere zu denken, für sie da zu sein und für sie zu beten. Und wir wissen doch, wie gut es tut, wenn uns Menschen sagen: „Du, ich denk an dich!“ Diese Verbundenheit hört auch im Tod nicht auf. Wir gehören alle zur Gemeinschaft der Heiligen: Die Lebenden und die Toten.

 

Henriette Crüwell