Ex und hopp

 

„Lasst die Toten ihre Toten begraben“ (Matthäus 8,22 und Parallelstellen) – manchmal beschleicht mich das Gefühl, diese Aufforderung Jesu wird von vielen so missverstanden, als solle man sich am besten gar nicht mehr mit den Themen Sterben, Tod und Trauer auseinandersetzen. Zumindest drängt sich mir dieser Eindruck auf, wenn ich wahrnehme, wie sehr das Thema verdrängt, wie einsam häufig gestorben und mit welcher Routine in friedhöflichen Trauerhallen oftmals eine 20- oder 30-Minuten-Abfertigung durchgeführt wird.

Es fängt schon beim Sterben an. Auch wenn ich keine offiziellen Statistiken dazu gefunden habe, vermute ich, dass in einer sehr großen Zahl der Fälle wohl mittlerweile in Krankenhäusern gestorben wird und nicht mehr zu Hause. Und der Tod im Krankenhaus findet meist ohne Angehörige statt. Zumindest trafen meine Geschwister und ich auf sehr großes – positives! – Erstaunen beim Pflegepersonal, als wir um die Möglichkeit baten, unsere Mutter in ihren letzten Tagen im Wechsel rund um die Uhr zu begleiten – was dann auch relativ problemlos möglich war. Und ich kann mich auch noch gut an das erinnern, was mir von einem viel zu früh verstorbenen guten Freund berichtet wurde, bei dem sich ein großer Teil unseres gemeinsames Freundeskreises bei ihm zu Hause an seinem Sterbebett versammelt hatte, als die letzte Stunde gekommen war: Er ging mit einem Lächeln und den Worten: „Wie schön, dass ihr alle da seid.“

Auch bei den Trauerfeiern und Beerdigungen, die ich entweder als Teil der Trauergemeinde oder als Geistlicher miterlebt habe, habe ich es bisher als überaus wohltuend empfunden, wenn man sich Zeit genommen hat. Die notwendige Trauer-Zeit, die sich nicht dem überaus knappen Trauerhallen-Takt unterworfen hat, bei dem bereits die nächste Trauergemeinde drängt, um ebenfalls durch die Trauerhalle geschleust zu werden.

Solche eingetakteten Trauerfeiern werden im Regelfall weder den Verstorbenen und ihren möglicherweise langen, ereignisreichen und engagierten Lebensläufen gerecht, noch der trauernden Gemeinde, den Freunden und den Verwandten.

Wie anders ist es bei einem Requiem in einer Kirche möglich. Im Requiem-Gottesdienst mit dem aufgebahrten Sarg oder der Urne kann man sich die Zeit nehmen, welche die Trauer braucht. Freunde und Angehörige können zu Wort kommen, ihrer Trauer Ausdruck verleihen oder an den verstorbenen Menschen und an Erlebnisse mit ihm erinnern.

Jeder einzelne Mensch ist ein Geschöpf Gottes, ein einzigartiges Individuum, welches seinen Lebensweg zu Ende gegangen ist. Das darf auch im Abschied zum Ausdruck kommen. Wir sollten uns die Zeit nehmen, mit ihm diesen Weg auch wirklich zu Ende zu gehen, statt uns von äußeren Zeitvorgaben hetzen zu lassen.

Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir wieder stärker so etwas wie eine Trauerkultur entwickeln, das Sterben und den Tod ins Leben zurückholen. Denn das Sterben und der Tod gehören zum Leben eines jeden Menschen – früher oder später.

Ich möchte uns dazu ermutigen, dass wir unsere Sterbenden begleiten und sie nicht alleine lassen. Im Krankenhaus, im Altenheim, im Hospiz oder zu Hause. Ihnen beistehen auf ihrem letzten Weg. An ihrer Seite sein, sie nicht einsam sterben lassen. Ihnen die Hand halten, die Wange streicheln, ein gutes Wort sagen. Bis zuletzt.

Ich möchte uns dazu ermutigen, uns dem Zeit-Takt der Trauerhallen zu entziehen und gemeinsam mit den Toten und den Trauergemeinden Requiem-Gottesdienste zu feiern, die nicht notwendigerweise nach Schema F ablaufen, sondern welche die Einzigartigkeit der Toten deutlich werden lassen und in denen Freunde sowie Angehörige zu Wort kommen können.

Warum sollten wir in solchen Gottesdiensten nicht auch von lustigen Begebenheiten berichten? Warum sollte inmitten der Trauer dann nicht auch gelacht werden dürfen, wenn so manche Anekdote über den oder die Verstorbene erinnert wird? Warum muss die Orgel im Trauergottesdienst so oft in Moll und Trauermarsch-Geschwindigkeit gestimmt sein, statt der Freude darüber Ausdruck zu geben, dass ein lieber Mitmensch unter uns gelebt hat und wir viele schöne und vergnügte Stunden, Tage, Wochen und Jahre, viel Spaß und Freude miteinander hatten?

Unser alt-katholisches Trauer-Rituale, unsere ‚Ordnung der Feier der Bestattung’, schlägt beispielsweise abweichend von der allgemein üblichen Tradition auch vor, nicht unbedingt die liturgische Farbe violett oder schwarz zu verwenden, sondern gegebenenfalls durch die Nutzung der liturgischen Farbe weiß den auch österlichen Charakter einer Bestattungsfeier hervorzuheben. Dadurch werde der Hoffnung auf die Auferstehung von den Toten und das ewige Leben Ausdruck verliehen. Auch ein Lichtritus ähnlich der Osternachtsfeier kann dazu in die Trauerliturgie integriert werden. Aber selbstverständlich darf und soll dies nicht dazu führen, die Trauer und den Schmerz zuzudecken oder klein zu reden, die immer mit dem Tod eines lieben Mitmenschen verbunden sind. 

Ich denke, wenn wir darüber nachdenken, wird uns unsere Fantasie viele Ideen schenken, wie wir eines verstorbenen Menschen und seines Lebens in solch einem Gottesdienst dankbar und lebendig gedenken können. Vielleicht weicht ein solcher Gottesdienst dann an so manchen Stellen von unserer Trauerliturgie, unserem Rituale ab. Aber ich fände das nicht tragisch. Denn das Rituale ist für die Menschen da, nicht die Menschen für das Rituale.

 

Walter Jungbauer