Den letzten Weg würdig gestalten

Erfahrungen eines freien Trauerredners

 

Als freier Trauerredner erlebe ich fast jeden Tag den Konflikt, unter dem Menschen stehen, wenn es darum geht, einem Verstorbenen oder einer Verstorbenen einen würdigen und auch für die Trauernden passenden Rahmen zu geben, wenn eine kirchliche Trauerfeier nicht möglich ist. Dies ist häufig, wenn der Verstorbene aus der Kirche ausgetreten ist oder wenn ein Geistlicher zum gewünschten Zeitpunkt nicht zur Verfügung steht (kommt öfter vor, als man glauben mag!). Auch dass ein Geistlicher oder eine Geistliche ausdrücklich nicht gewünscht werden, ist beileibe keine Seltenheit. Über die letzten beiden Punkte soll hier nicht geschrieben werden, sie würden aber auch eine ganze Seite und mehr problemlos füllen.

 

Ich stehe als freier Trauerredner hier nicht in Konkurrenz zu den Kirchen, sondern werde angefordert, wenn dies gewünscht wird, weil es aus den oben genannten Gründen keine Alternative gibt. Auch bei überhaupt nicht getauften Menschen ist es gut, dass es die freien Trauerredner gibt, denn ansonsten wäre nur noch eine anonyme Bestattung möglich. Dies kann aber niemand wollen!

 

Wichtig ist ein hohes Einfühlungsvermögen, um zu Beginn eines Gespräches mit den Hinterbliebenen die Wünsche und den - eventuellen christlichen - Hintergrund zu erfragen. Zunehmend erfahre ich in diesen Situationen von manchmal unglaublichen Enttäuschungen und Verletzungen, die Menschen durch die Institution Kirche erleiden, zu meinem eigenen Erschrecken unverhältnismäßig oft aus dem römisch-katholischen Bereich, wo ich ja ursprünglich meine geistige Heimat hatte.

 

Das wichtigste Anliegen einer Trauerfeier sollte immer sein, den Trauergästen eine gute Zeit im Rahmen des Beerdigungstages zu ermöglichen, in der der Redner oder die Rednerin auf die verstorbene Person, so weit gewünscht, in einer individuellen Ansprache eingeht. Auch die passende Musik, begleitende Texte und passende Zitate gehören zur stimmigen Trauerfeier dazu. Dies sollte im Rahmen des Vorbereitungsgespräches herausgehört werden. Wenn die Trauerfeier und die anschließende Bestattung sich zu diesem Zeitpunkt als nicht theatralisch oder zu kopflastig erweist, den Anwesenden als angemessen erscheint, wird sich dies als positives Ereignis festsetzen. So kann aus jeder Beerdigung eine wirkliche Trauerfeier werden, da man eine positive ehrliche Rückschau auf den Verstorbenen oder die Verstorbene erhalten hat.

 

Natürlich ist man im Gespräch auf die subjektiven Aussagen der jeweiligen Ansprechpartner angewiesen. Daher ist es auch von Vorteil, wenn mehrere beim Gespräch anwesend sind. Letztendlich liegt es an der Auffassungsgabe und auch an ein wenig Menschenkenntnis der Rednerin oder des Redners, das wirklich Wahre heraus zu hören. Im Regelfall sind die Menschen bei diesen Gesprächen aber immer bemüht, den Verstorbenen nicht zu „verklittern“, sondern authentisch darzustellen.

 

Der wichtigste Faktor, so habe ich erfahren, ist die Zeit. Die Tage zwischen Tod und Bestattung sind geprägt von Hektik, Terminen, dem bloß ja nichts und niemanden Vergessen, der Haltung nach außen, die so oft der inneren Haltung und Gefühlslage in Gänze widerspricht. Die Trauerfeier hat daher den Anspruch in Ruhe vonstatten gehen zu können. Daher ist die vorgegebene Zeitspanne von 20 bis höchstens 25 Minuten in einer Kapelle eigentlich zu knapp, auch wenn ich natürlich verstehe, dass eine nachfolgende Bestattung auch ihre Vorbereitungszeit braucht. Also liegt es an mir, diese Zeitspanne ohne Hektik zu gestalten und der Trauergemeinde eine Zeitoase des Abschiedsnehmens zu ermöglichen. Dabei helfen übrigens meistens ein paar freundliche Worte mit dem Kapellenwart und eine klare Absprache mit dem Musiker oder der Musikerin.

 

Mit Empathie und indem ich mir immer wieder klar mache, dass es vielleicht meine 351. Bestattung, für die jeweils verstorbene Person und die anwesende Gesellschaft aber eben dieses Einmalige ist, ist es wichtig eine persönliche Ansprache zu gestalten und auch eine persönliche Beziehung zu den direkten Hinterbliebenen und auch den anwesenden Trauergästen aufzubauen, immer natürlich nur in dem Rahmen, wie dies gewünscht wird. Die meisten möchten aber eben dies und sind froh, wenn es bei mir kein enges Korsett gibt, auch dann, wenn ich eine christlich geprägte Trauerfeier halten soll.

 

In Konkurrenz zu den Kirchen sehe ich mich nicht, denn auch jede Pfarrerin, jeder Pfarrer oder Diakon kann eine persönliche Trauerfeier gestalten. Die Menschen möchten dies, weil es wichtig für sie ist, nicht irgend jemanden zu beerdigen sondern diese Frau, diesen Mann, die Tochter, den Onkel, den Kollegen oder die Nachbarin, und denjenigen möchten sie in dieser Ansprache auch wieder erkennen. Wenn wir den Tod aus der Anonymisierung und Verdrängung der Gesellschaft herausholen wollen, bedarf es eben einer sehr persönlichen Trauerfeier, um klar zu machen, dass der Tod zum Leben gehört.

 

In diesem Zusammenhang sage ich immer, wenn eine Trauerfeier einen christlichen Bezug haben soll, dass das Christentum eine Religion des Lebens und nicht des Todes ist. Christus hat uns das Leben verheißen, nicht den Tod, auch wenn das Sterben oftmals schwierig ist. Am Ende steht immer das gelebte Leben in den Erinnerungen der Hinterbliebenen. Bei Jesus Christus die Verheißung: „Ihr werdet leben, selbst dann, wenn ihr sterbt, denn ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Trauern wir und feiern wir, es gibt viel Gutes zu bedenken in der Erinnerung, ohne das Negative dabei zu verdrängen. Es lohnt, den Tod in Würde zu bedenken, weil der Verstorbene oder die Verstorbene es verdient, dass man ihm oder ihr zur Ehre die Beerdigung festlich und feierlich begeht. Auch dann, wenn nur kurze christliche Inhalte gewünscht sind oder eine Beerdigung ganz ohne christliche Akzentuierung erbeten wird. Geistliche wie freie Rednerinnen und Redner stehen in der Pflicht, mit dem Verstorbenen und der Trauergesellschaft den letzten irdischen Weg so würdig und angemessen wie möglich mitzugehen. Und das sollte jeder ganz genau und wortwörtlich nehmen. Jeder Mensch hat dies verdient.

 

Dirk Hemmerich