Hohe Emotionen und minutiöse Inszenierung

Der Papstbesuch in Freiburg

 

Der letzte und bisher einzige Papst, der Freiburg vor Benedikt besuchte, wurde hier verhaftet. Es war Johannes XXIII., ein Gegenpapst, den das Konzil von Konstanz im Jahr 1415 absetzte und dessen Pontifikat es für ungültig erklärte, so dass es Jahrhunderte später noch einmal einen Johannes XXIII. geben konnte. So feindlich begegnete die Stadt Benedikt XVI. nicht, ganz im Gegenteil, sie zeigte sich als sehr gastfreundlich, auch der grüne Oberbürgermeister Dieter Salomon, der ansonsten schon einmal in ein Grußwort zu kirchlichen Anlässen einfließen lässt, dass er aus der Kirche ausgetreten ist. Aber Aufregung genug hat auch dieser zweite Besuch eines Papstes verursacht.

 

Es knirscht im Vorfeld

 

Zwei Wochen davor war ein Artikel in der hiesigen Tageszeitung, der der Frage nachging, wie der Papst in Freiburg untergebracht sein wird. Abgebildet war ein Ausschnitt aus einem schlichten Zimmer; man sah ein schma-les, schlichtes Bett, einen einfachen Schreibtisch, einen Stuhl, mehr nicht. Aus dem Text erfuhr der Leser, dass der Papst in solch einem bescheidenen Studentenzimmer im Priesterseminar nächtigen würde.

Da dämmerte in mir eine Erinnerung hoch: Als ich in eben diesem Priesterseminar lebte, und das immerhin fünf Jahre lang, da gab es doch nur zwanzig Meter von meinem Zimmer entfernt, das dem auf dem Foto wirklich sehr ähnlich sah, ein Gästezimmer für hochrangige Gäste; Bischöfe, die zu Besuch waren, wurden da gewöhnlich untergebracht. Wir nannten es, wenn ich mich recht erinnere, das Fürstenzimmer wegen der barocken Möbel, die darin standen. Einmal machten wir Seminaristen dieses Stocks in nachgemachtem Barockdeutsch eine Eingabe an den damaligen Direktor Robert Zollitsch mit dem Ersuchen „die Nutzung der barocken Meubles zum Zwecke einer festlichen Café-Runde huldvoll gewähren zu wollen“ oder so ähnlich – ich weiß das noch recht gut, weil ich damals die Eingabe verfasst habe. Der Direktor zeigte Humor und genehmigte huldvoll in einem ähnlich geschwollenen Schreiben und nahm auch an dem Kaffeetrinken teil. Danach trugen wir die wertvollen Stühle wieder in das Gästezimmer zurück zu den anderen Antiquitäten.

Gut, das ist 30 Jahre her. Vielleicht wurden die Möbel ja bei einem finanziellen Engpass der Erzdiözese verkauft. Aber sollen wir wirklich glauben, dass es in dem ganzen riesigen Priesterseminar kein Gästezimmer für besondere Gäste mehr gibt, so dass der Papst in einem gewöhnlichen Studentenzimmer wohnen muss? Dazu kommt, dass ich durch einen Zufall erfahren habe, dass eine Schreinerei in Elzach im Schwarzwald für die eine Nacht, in der der Papst im Seminar übernachtet hat, ein Bett in massivem Nussbaumholz zu fertigen hatte.

 

Falls Sie sich fragen, ob es vom Papstbesuch in Freiburg nichts Wichtigeres zu berichten gibt: Ich schreibe das, weil es etwas veranschaulicht. Nicht, dass ich dem Papst nicht ein gutes Bett gönnen würde. Ich finde es ganz normal, dass man einen Gast diesen Ranges angemessen unterbringt. Und wenn das Bett im Gästezimmer etwa durchgelegen oder schaukelig geworden war, kann man das zum Anlass nehmen, ein neues anzuschaffen. Wenn unser Bischof unsere Gemeinde besucht, bringen wir ihn ja auch nicht in einer billigen Absteige unter, sondern zeigen ihm unsere Wertschätzung auch durch die Auswahl der Unterkunft. Was mich stört, ist die Inszenierung: Es wird so getan, als sei Papst Benedikt so ein bescheidener Mensch, dass man ihn nur in einer spartanischen Zelle unterbringen kann. Solche Inszenierungen im Vorfeld haben mich unangenehm berührt, und zumindest gespürt haben sie auch andere.

 

Ein anderes Beispiel ist das Faltblatt, das ich drei Tage vor dem Besuch im Briefkasten fand: Ein großes Bild mit einer unscharf fotografierten Menschenmenge, über der groß die bekannte Bildzeitungsschlagzeile prangte: „Wir sind Papst“. In die Menge schlecht hineinmontiert der Papst als einzige scharf abgelichtete Person, darüber eine Sprechblase, in der steht: „Ich bin Benedikt“. Das wirkte so lächerlich und der Papst war so unvorteilhaft fotografiert, dass ich in dem Faltblatt eine Karikatur der papstkritischen Gruppe „Freiburg ohne Papst“ vermutete. Genaues Hinschauen belehrte mich eines Besseren: Herausgeber war die Erzdiözese, und das Blatt warb für einen Benedikt-Fonds, der Mittel für die Hungerhilfe in Ostafrika beschaffen wollte.

Auf mich wirkte das so plump, dass ich nur den Kopf schütteln konnte. Viele Leserbriefe in der Zeitung hatten in den Wochen zuvor gefordert, der Papst solle zu Hause bleiben und das eingesparte Geld für die Hungernden zur Verfügung stellen. Ich konnte den Fonds nur als Antwort auf diese Kritik deuten; er sollte signalisieren, dass Papst Benedikt sehr wohl ein Herz für die Hungernden in Afrika hat. Der Versuch hatte nur den Haken, dass die Kirche ja eben kein Geld für die Hungerhilfe zur Verfügung stellte, sondern es mit dem Faltblatt erst einwerben wollte.

 

Ein Sog entsteht

 

So gab es vieles in den langen Wochen vor dem Papstbesuch, was genervt hat, lächerlich war, zu aufdringlich oder einfach unprofessionell wirkte, nicht nur von Seiten der Kirche, sondern auch in manchem, was in den Blättern stand. Wenn ich nur an die Schlagzeile in einem der Wochenblättchen denke: „Nur noch dreimal schlafen …“. Und dann meine faszinierte Beobachtung, dass trotz all dem die Bombardierung mit Werbung und die ständig wiederholte Feststellung der Medien, dass so ein Papstbesuch ein Jahrtausendereignis sei, Wirkung zeigte. Lief die Kartenbestellung für die „Auftritte“ des Papstes lange sehr schleppend, so wurden die Erwartungen schließlich sogar übertroffen. Es gelang, eine Stimmung zu erzeugen, dass alle, die nicht dabei sind, etwas verpassen. Immer wieder traf ich gegen Ende auf Menschen, selbst evangelische, die eigentlich wenig mit Kirche am Hut hatten, aber doch sagten: Das gibt es nur einmal, da muss ich hin. Es entstand eine Spannung, der sich selbst papstkritische Leute nur schwer entziehen konnten.

 

So kam es zu einer Spaltung der Bevölkerung in diejenigen auf der einen Seite, die gegen den Besuch protestierten, die vor dem Besuch entnervt aus der Stadt geflohen sind oder sich zwei Tage lang zu Hause eingeigelt haben, weil man sich kaum noch in der Stadt bewegen durfte, und auf der anderen Seite in diejenigen, die sich anstecken und begeistern ließen. Und das waren viele! Bei strahlendem Wetter entstand ausgelassene Kirchentagsstimmung. Am Samstag hatten sie die Stadt für sich, denn die Freiburger, die sonst die Altstadt zum Einkaufen bevölkern, waren zu Hause geblieben. Der Handel beklagte Umsatzeinbußen bis zu 90 Prozent. So kam es, dass trotz der vielen Gäste weniger Leute unterwegs waren als an einem normalen Samstag und eine ganz frohe, gelöste Atmosphäre entstand. Enttäuschung hörte ich nur darüber, dass Menschen, die Stunden lang auf das Papamobil gewartet hatten, dann den Papst kaum zu Gesicht bekamen, weil das Auto so schnell fuhr.

Unsere Vorstellung, wir könnten den vielen Gästen, die nach langem Warten erschöpft durch die Straßen strömen, etwas Gutes tun, indem wir Kirche und Gemeinderaum öffnen, einen Sitzplatz und Kaffee anbieten, hat sich übrigens nicht erfüllt, denn es fand nur hin und wieder jemand den Weg zu uns herein. Für die zahlreichen Anwesenden aus der Gemeinde war es trotzdem schön.

 

Freude und Jubel

 

Froh und gelöst, so lässt sich die Stimmung bei der abendlichen Jugend-Vigil beschreiben. Die Polizei wird im Rückblick loben können, wie entspannt und problemlos es trotz der Menschenmassen sowohl bei der Lichtvesper am Abend wie beim großen Gottesdienst mit 100.000 Mitfeiernden am Sonntag zuging, und das, obwohl es wieder für die Meisten Stunden langes Warten bedeutete. Freude und Jubel prägten vor allem die Jugendvigil mit immerhin auch 25.000 Teilnehmenden.

 

Nachdenklich machte mich allerdings die Frage, was denn die Jugendlichen jubeln ließ. Naheliegend wäre die Antwort „die mitreißende Botschaft von Papst Benedikt“. So, wie ich es wahrgenommen habe, kann es das aber kaum gewesen sein. Im Vorprogramm hatten die Moderatoren versucht, die Meinung der Jugendlichen zu erforschen; sie stellten ihnen Fragen, und mit Hilfe von roten und grünen aufblasbaren Stäben konnten sie Zustimmung oder Ablehnung signalisieren. Zentrale päpstliche Positionen wie Sex vor der Ehe, Empfängnisverhütung oder Homosexualität stießen da auf 90 Prozent Ablehnung. Als Beispiel dafür, wie oberflächlich die Begeisterung für den Papst war, mag das – sicherlich singuläre – große Transparent stehen, das eine Gruppe hochhielt: „Du bist unser Lieblingsopi!“

Denkbar wäre auch, dass die mitreißende Persönlichkeit des Papstes den Papsthype auslöste. Doch was war zu sehen und zu hören? Ein alter Mann, dem bei der Vigil die Erschöpfung so ins Gesicht geschrieben stand, dass meine Frau, die mit mir vor dem Fernseher saß, bei der ersten Großaufnahme spontan ausrief: „O je, lasst doch den Mann ins Bett!“ Ein Mann, der trotzdem in seinem ersten Satz behauptete, er habe sich den ganzen Tag auf die Begegnung mit den Jugendlichen gefreut, wie er überhaupt fast jede seiner Reden mit der Aussage begann, er freue sich, da zu sein. Ist das glaubwürdig?Zu sehen war ein Mann, der fast ohne Gestik und Mimik eine Predigt ablas, die so mitreißend war, dass Kardinal Koch, der Leiter des Einheitssekretariats, im Fernsehen deutlich sichtbar einnickte. „Ob der stille Professor Ratzinger wohl manchmal fremdelt mit der Rolle als Popstar-Guru, in die die Fans ihn drängen?“ fragte die Badische Zeitung. Jedenfalls jubelten die Jugendlichen immer wieder, allerdings eigenartigerweise meist nicht an passenden Stellen. Ich brauchte einige Zeit, um das System zu durchschauen: Sie brachen immer dann in Jubel aus, wenn sie merkten, dass eine Fernsehkamera auf sie gerichtet war.

 

Trotz alldem glaube ich den Menschen, die vor Ort waren, die mir erzählt haben, dass die Vigil wie der große Sonntagsgottesdienst sie zutiefst berührt haben. 25.000 oder gar 100.000 Menschen, die gemeinsam beten und singen, das hat schon eine Wucht. Da entsteht eine gegenseitige Bestärkung, ein Zusammengehörigkeitsgefühl, ein Bewusstsein, zu einer großen Gemeinschaft zu gehören, die in einen beglückenden Rausch versetzen können – um den wir, sind wir ehrlich, die Mitchristen aus der großen Schwesterkirche manchmal beneiden möchten. Wie die „Badische Zeitung“ schrieb: „Es ist diese inszenatorische Kraft der Katholischen Kirche, die auch außerhalb von Kirchenmauern wirkt und die ihr keiner nachmacht.“ Der Papst ist für diese Dynamik eigentlich nur Katalysator; seine Persönlichkeit und seine Bortschaft sind dabei nahezu gleichgültig. Das Bewusstsein, hier dem Obersten einer über eine Milliarde Menschen umfassenden Kirche zu begegnen, genügt – und die Frage, ob das denn richtig ist, wenn ein Einzelner so vielen Menschen die Richtung vorgeben und Reformen blockieren darf und ob nicht gerade das ein Problem und gefährlich ist, bleibt an dem Tag außen vor.

 

Eine Begegnung?

 

Was bleibt? Im Vorfeld ist immer wieder gesagt worden, der Papst komme, um der deutschen Kirche zu begegnen. Hat Begegnung stattgefunden? Benedikt hat über 30 Ansprachen gehalten, die Freundlichkeiten, Allgemeinplätze, philosophische Höhenflüge, aber auch Sympathie bringende humorvolle Einwürfe und kritische Worte enthielten, bis hin zum Lob der Armut der Kirche, die ihrer „Entweltlichung“ diene. Dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat er in Freiburg deutlich gesagt, was er von ihm hält: ein überorganisierter Hohlkörper: „In Deutschland ist die Kirche bestens organisiert. Aber steht hinter den Strukturen auch die entsprechende geistige Kraft – Kraft des Glaubens an einen lebendigen Gott? Ehrlicherweise müssen wir doch sagen, dass es bei uns einen Überhang der Strukturen gegenüber dem Geist gibt.“

Aber Begegnung heißt ja auch hören – Benedikt selbst hat die Politiker im Berliner Reichstag an König Salomo erinnert, der Gott um ein hörendes Herz gebeten hat. Hat er mehr zu hören bekommen als freundliche Grußworte? Doch wohl nur in Andeutungen, denn für mehr war keine Zeit. Die Reformkräfte in seiner Kirche kamen wie zu erwarten überhaupt nicht zu Wort – von ihren Gegenveranstaltungen in der Stadt dürfte er kaum erfahren haben. Die vorsichtig angedeuteten Wünsche der evangelischen Kirchen wurden klar abschlägig beschieden.

 

Alles, was sonst an Kritik an den Papst herangetragen worden sein mag, hat zumindest keine sichtbare Reaktion hervor gerufen. Nach dem, was ich wahrnehmen konnte, hat keine Begegnung stattgefunden. Die katholischen Massen haben sich gefeiert – ich gönne ihnen den Jubel. Ob es mehr war? Ob es den gigantischen Aufwand gelohnt hat? Ich bin froh, dass ich das nicht entscheiden muss.

 

Gerhard Ruisch