A scheene Leich

Impressionen von der Wiener Bestattungsfront

 

Da leben und arbeiten, wo andere Urlaub machen – gar nicht so schlecht. Mein Blick fällt auf die Touristen um mich herum und ich nicke. Entspannt lehne ich mich zurück und lasse das kühle Aroma eines Eismarrillenknödels – die heimliche Spezialität der österreichischen Bundeshauptstadt – auf der Zunge zergehen. Doch die Feierabendstimmung findet ein jähes Ende.

„Time to say goodbye“, die Stimme Andrea Bocellis ertönt aus den Lautsprechern des Eissalons und vor meinem geistigen Auge erscheinen die Konturen einer tränenreichen Trauergemeinde. Es ist in Wien mit Abstand das beliebteste Lied bei Trauerfeiern – ein Popsong mutiert zur Grabeselegie.

 

Trauerkultur, Naherholung & Tourismus

 

In kaum einer anderen Stadt wird die Liebe zum Tod so gepflegt wie in Wien. Hunderte Touristen zieht es hin zu den dunklen Seiten der Donau-Stadt, in die Michaelisgruft, ins Wiener Bestattungsmuseum, auf den Friedhof der Namenlosen oder den gewaltigen Zentralfriedhof. Für mich als alt-katholischer Pfarrer in Wien gehören einige dieser morbiden Ausflugsziele zum wöchentlichen Arbeitspensum. Manchmal kann ich es selbst nicht glauben: Ich bin nun knapp zwei Jahre in der Donaumetropole tätig und habe weit über 200 Beerdigungen hinter mir. Und von den über fünfzig Friedhöfen Wiens ist mir nun wirklich keiner mehr unbekannt. Besonders im Frühling besuchen die Lebenden gern die Toten und zwischen all den Japanern mit ihren tönenden Kameras und den Amerikanern in ihren grellen Hawaiishirts komme ich mir in meinem Aussegnungstalar fast deplatziert vor. Tränenreiche Trauerkultur und Tourismus koexistieren hier Wand an Wand.

Vor allem zieht es Touristen und auch Einheimische auf den Zentralfriedhof, auf dem seit 1874 mehr als drei Millionen Menschen aller Religionen begraben wurden. Einem geflügelten Wort zufolge ist er nur halb so groß wie Zürich, aber doppelt so lustig. Der „Witwenexpress“, so heißt im Volksmund die Straßenbahnlinie 71, bringt sie zu dem beliebten Ausflugsziel. Während die Touristen vor allem zu den Grabstätten der Promis wie Brahms, der Familie Strauß oder dem Philosophen Wittgenstein pilgern, spazieren die Einheimischen gern durch die weitläufigen Parkanlagen. Dann beobachten sie ein wenig schwermütig, wie sich die Sonne in poliertem Marmor spiegelt, ein Fasan regungslos auf einem steinernen Engel sitzt oder ein paar Philharmoniker am offenen Grab musizieren. Nicht selten begegnen einem Rehe oder zutrauliche Eichkatzerl.

 

Man muss nur aufpassen, dass man sich nicht verläuft. Die Orientierung zu verlieren ist besonders fatal, wenn man als Geistlicher gleich mehrere Beerdigungen hintereinander zu absolvieren hat. Drei große Trauerhallen gibt es auf dem Zentralfriedhof, fast zwanzig Trauerfeiern können dort parallel stattfinden. Immerhin sterben in Wien, der europäischen Hauptstadt mit der höchsten Lebensqualität, täglich durchschnittlich 145 Menschen. Auch Falco, die ehemalige Galionsfigur der österreichischen Popszene, liegt hier begraben. Die Fans erinnern sich noch, wie ihr Popidol zu Grabe getragen wurde. Rocker des Motorradklubs „Outsider Austria“ haben den mit einem Hermelinmantel geschmückten Sarg getragen. Heute stapeln sich noch immer rund um Falcos letzte Ruhestätte die Blumengrüße, Liebesbriefe und Kuscheltiere. Sogar Pumps oder Turnschuhe stehen hin und wieder vor dem Grab – eine Pilgerstätte für Falco-Fans aus aller Welt.

 

Doch auch auf den anderen Friedhöfen lohnt sich ein Besuch: Der St. Marxer etwa, Wiens einzig erhaltener Biedermeierfriedhof, ist, obwohl von Stadtautobahnen umtost, ein Paradies für Melancholiker. Ein Frühlingsspaziergang durch die parkähnliche Gedenkstätte mit ihren duftenden Fliederbuschgewölben gleicht einer Zeitreise in das frühe 19. Jahrhundert. An Wolfgang Amadeus Mozart erinnert ein Grabdenkmal. Wo genau sein Leichnam verscharrt wurde, ließ sich freilich bis heute nicht klären.

 

Auch der jüdische Friedhof in Währing mit seinen efeuumwucherten Grabsteinen hat einen fast märchenhaften Zauber. Und sogar zum Alberner Hafen kommen die Spaziergänger und flanieren an der Donau entlang zum sonst so still vor sich hindämmernden „Friedhof der Namenlosen“. Auf dem wohl skurrilsten Gottesacker der Stadt wurden bis 1940 Mittellose, Selbstmörder und Wasserleichen bestattet. Ihre letzte Ruhestätte sind einfache, schmucklose Erdhügel ohne Umrandung, ohne Grabstein, verziert durch ein einfaches schmiedeeisernes Kreuz. Es ist ein krasses Gegenstück zu jenen Friedhöfen, wo auf wuchtigen Grabsteinen und in goldenen Buchstaben Wohlstand und Prestige der Verstorbenen gepriesen und Eitelkeiten gepflegt werden. Dort die Inschrift aus dem 19. Jahrhundert, die vom Tode einer „Hausbesitzersgattin“ kündet, hier der postmoderne Marmormonolith, auf dem nicht nur der lachende Verstorbene sondern auch sein 500er Mercedes-Benz eingraviert wurde. Bei aller Pietät lässt sich ein Lächeln kaum vermeiden. Eine Kuriosität findet sich auch im 22. Wiener Bezirk: ein Schein- bzw. Musterfriedhof als Übungsfläche für angehende Friedhofsgärtner, aber auch eine Inspirationsquelle für eine moderne Grabgestaltung.

 

Es is Feierobend

 

Man stirbt nicht in Wien, man gibt den Löffl ab, um anschließend bei einem möglichst prunkvollen Begräbnis als schöne Leich bestattet zu werden. Die Wiener haben ein spezielles Verhältnis zum Tod. Er lädt sie ein zum letzten großen Theater, zur `Operette noir´ am offenen Grab. Und es ist in der Tat ein inszeniertes Kunstwerk, bei dem die Trauergäste unbeteiligtes Publikum bleiben. Chöre, Solosänger, kleine Orchester, Blaskapellen oder einfach nur der CD-Player, vom Arrangeur persönlich bedient, massieren die Tränendrüsen. Denn ohne Weinen keine scheene Leich. Szenen aus dem Leben der Verstorbenen und die passende Musik müssen das Herz berühren und den Damm der Tränen öffnen. Ungeschlagene Highlights sind dabei Bocellis „Time so say goodbye“, Sinatras „It´s my way“ sowie die allseits beliebten „Ave Marias“. Doch hin und wieder sagt man auch auf Wienerisch „beim Abschied leise Servus“ oder „es is Feierobend“. Es gibt kaum einen Wunsch, der nicht erfüllt wird, und letzten Dienstag in Ottakring wurde der liebe Verschiedene zu Rhythmen von DJ Ötzi hinausgetragen.

 

Mancherlei Skurriles

 

Manches ist anders in Österreich. So werden die wenigsten Beerdigungen und Trauerfeiern von privaten Bestattern arrangiert. Dies wird in der Regel der Stadt Wien überlassen, die hierzu ein riesiges Heer von Mitarbeitern, wie in einem Schachspiel, von Friedhof zu Friedhof dirigiert. Pompfineberer heißen jene, die, eingehüllt in pietätvolles Anthrazit, die Schirmmützen in die Stirn gezogen, den Leichnam zum Grab eskortieren. Wird dieser in Deutschland mittels Seilen hinuntergelassen, so hat man in Österreich ein besonderes Patent: Ein Gerüst aus Streben und Bändern, das einem Leonardo da Vinci alle Ehre machen würde. Drehorgelgleich wird dann der Verstorbene mit Hilfe einer Kurbel in das Erdreich hinab gelassen. Einen eigenen Namen für dieses Utensil gibt es nicht. Bei einem Besuch im Bestattungsmuseum in der Goldeggasse konnte man mir hierzu keine Auskunft geben.

 

Dafür erfährt man dort eine Menge Skurriles. Die Angst, lebendig begraben zu werden, ging damals bei Reich und Arm wie ein Schreckgespenst um. So erdachte man einen so genannten Totenwecker, durch den erwachte Scheintote auf sich aufmerksam machen konnten. Bevor der Sarg verschlossen wurde, bekam der Verstorbene einen Faden ums Handgelenk, der ihn noch eine Weile mit der oberirdischen Welt verband. Man erzählt sich auch die Gruselgeschichte, dass für ein gewisses Entgelt ein Arzt mit einem gezielten Herzstich für relative Sicherheit sorgte. Der doppelseitige, 15 Zentimeter lange Dolch soll noch heute drei- bis viermal pro Jahr in Wien zum Einsatz kommen. Für immerhin 300 Euro – todsicher. Dolch und Totenwecker, ein wieder verwendbarer Sarg mit Kippvorrichtung und ein Miniaturfriedhof zum Selberbasteln gehören zu den 600 Exponaten, die das Bestattungsmuseum zu bieten hat. Es zeigt in schaurig schönen Bildern, was in Wien bis Anfang des 20. Jahrhunderts pompöses Ritual war und nicht selten die Dramaturgie eines Theaters hatte: Zog der Trauerzug abends durch die Innenstadt, tauchten flackernde Kerzen die Lampionträger in ein gelb-orangefarbenes Licht. Für prominente Beerdigungen wurden am Graben Zimmer mit Aussicht vermietet. Sogar Trauerweiber wurden für die Zeremonie gemietet.

 

Der Wiener Kabarettist Helmut Qualtinger sagte einmal: „In Wien muasst erst sterben, damit´s di hochleben lassen, aber dann lebst lang“. Als das Bestattungsmuseum vor kurzem unter dem Motto „Bei uns liegen sie richtig“ zum Probeliegen eingeladen hat, kletterten mehr als 1500 Menschen zum Testen in die Kiste. „So verlieren die Menschen ihre Berührungsängste“, betont Museumskurator Wittigo Keller, der seine Gäste gern mit den Worten „Kommen sie wieder, aber lassen´s sich Zeit!“ verabschiedet.

Trauerarbeit

 

Eine innige Bindung zum Bestattungswesen hat auch die alt-katholische Kirche Österreichs. Im Alpenland kennt man die alt-katholische Kirche vom Friedhof her. Seit 140 Jahren beerdigt sie Menschen ohne Bekenntnis, zumeist aus der römischen Kirche Ausgetretene. Es ist auch heute ein unverzichtbares finanzielles Standbein, ohne das die Gemeinden nicht überleben könnten. Für Geistliche und Lektoren bedeutet das zwischen zwei und sechs Beerdigungen pro Woche. Und jeder drückt insgeheim die Daumen, dass die Wege zu den Friedhöfen und die Wartezeiten zwischen den Trauerfeiern nicht zu lang sein mögen. Hinzu kommt das wöchentliche Angebot eines Gedächtnisgottesdienstes in der eigenen Pfarrkirche.

Die „Fremdaussegnungen“ sind für das alt-katholische Bistum Segen und Fluch zugleich. Zum einen bieten sie finanzielle Ressourcen und die Chance, den Alt-Katholizismus publik zu machen. Denn eine gut gemachte Beerdigung kann auch zum Anlass werden für einen Beitritt. So kam einmal ein Herr zu mir, der von mir getraut werden wollte, „weil die Aussegnung vom Vati doch soo schee war“. Zum anderen laufen die Gemeinden Gefahr, unter den zeitaufwendigen Fremdbeerdigungen in ihren pastoralen Bedürfnissen zurückstecken zu müssen. Die Österreicher machen aus der Not eine Tugend. Blickt man auf fast anderthalb Jahrhunderte Beerdigungspraxis zurück, so soll in Zukunft auch pastorale Trauerarbeit auf dem Programm stehen und zu positivem Image und Wachstum beitragen – ein längst überfälliger Schritt.

 

Eine Liebesbeziehung zum Tod attestiert man den Wienern. Und es mag kein Wunder sein, dass Sigmund Freud den „Todestrieb“ in Wien entdeckte, einer Stadt mit einer bemerkenswert hohen Selbstmordrate. Doch eine scheene Leich, die diesen Namen auch verdient, ist für den Wiener unabdingbar. Bereits dort beginnt sie, die Trauerarbeit. „Denn“, so betont die Wiener Friedhofs-Fibel, „wie man seine Toten ehrt, so regiert man die Lebenden“.

 

André Golob