Die Apostel-Stelen

 

Im vergangenen Jahr wurde die alt-katholische Kirche in Bad Säckingen den beiden Aposteln Petrus und Paulus geweiht. Ein Jahr später feierte die Gemeinde ihr erstes Patrozinium mit einer Besonderheit: Die Apostel-Stelen des alt-katholischen Künstlers und Priesters Peter Klein wurden feierlich enthüllt und eingeweiht. Hier finden Sie die Betrachtung zu den Stelen, die an Stelle der Predigt gehalten wurde.

 

Petrus-Stele

 

Petrus geht über das Wasser auf Jesus zu

„Darauf erwiderte ihm Petrus: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme. Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und ging über das Wasser auf Jesus zu.“ (Mt 14, 28)

 

In dieser ersten Szene wird ein typischer Charakterzug des Petrus deutlich: Er ist ein Mensch, der sich ansprechen, bewegen, begeistern lässt. So gehört er zu den ersten Jüngern, die Jesus folgen. Als Jesus später die herausfordernde Frage stellt, „für wen haltet ihr mich?“ antwortet Petrus: „Du bist der Messias, der Sohn Gottes“. Oder in der dargestellten Szene im mittleren Feld der Stele sehen wir Petrus, wie er über das Wasser auf Jesus zugeht. Das Evangelium zeigt Petrus keineswegs als vollendeten Menschen, wohl aber als einen offenen, den Aufbruch immer neu wagenden.

Das Unglaubliche tun. Naturgesetze nicht fürchten. Glauben wollen, trotz aller Zweifel. Tatsächlich aussteigen und im Untergehen seine Hand annehmen. Es geht nicht darum, alle Sicherheiten zu haben, es geht darum, dass wir die eine Hand sehen, die uns hält. Den Mut auszusteigen, und den Glauben, gehalten zu sein, brauchen wir auch heute!

 

Die Verleugnung des Petrus

„Petrus erinnerte sich an das, was Jesus gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich.“ (Mt 26, 75)

 

So begeisterungsfähig und mutig Petrus auf der einen Seite ist, so schnell gewinnt auch die Angst die Oberhand. Als Jesus zum ersten Mal von seinem bevorstehenden Leiden spricht, ist es Petrus, der das nicht wahrhaben und Jesus diesen Gedanken ausreden will. Beim Gang über den See verlässt ihn der Mut, als Wind und Wellen aufkommen und mit ihnen die Angst. Und in der Nacht der Gefangennahme Jesu ist Petrus alles andere als ein Fels. Um sein Leben zu retten, leugnet er dreimal, Jesus zu kennen. Aber auch noch an diesem tiefsten Punkt bleibt Petrus offen für eine größere Wirklichkeit: Das Krähen des Hahns weckt sein Gewissen und seine Bindung an Jesus.

Wie oft verleugne auch ich, dass ich zu ihm gehöre. Wenn ich im Zug sitze und mein Gebetbuch geschickt verdecke, dass bloß keiner sieht, was ich da lese; wenn ich mich nicht traue, meine Stimme gegen das Mobbing zu erheben, das meinen Kollegen kaputt macht; wenn ich im ökumenischen Dialog den Mund halte, weil wir ja als kleine Kirche eh nix erreichen; wenn ich für mich Rücksicht und Verständnis erbitte, die ich anderen gegenüber aber fehlen lasse, weil sie ja selbst schuld sind; und so weiter. Manchmal sollten auch wir besser auf den Hahnenschrei achten und uns erschüttern lassen…

 

Der Auferstandene ruft und sendet Petrus neu

„Zum dritten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal gefragt hatte: Hast du mich lieb? Er gab ihm zu Antwort: Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich lieb habe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe!“ (Joh 21,17)

 

Die Begegnung des Auferstandenen mit Petrus am See von Tiberias erinnert diesen an sein Versagen, bleibt aber nicht dabei stehen. Dreimal fragt Jesus den Simon, ob er ihn liebe; und Petrus spürt, dass sein „Ja“ nicht ungebrochen ist. Doch unter seiner Angst und seinem Versagen klingt jenes unbedingte Ja der Liebe an, für das Gott selber bürgt. An diesem Punkt ist Petrus das, was sein Name sagt: Fels. Nicht aus eigener Kraft, sondern aus Gott. Und so sendet Jesus ihn neu: „Weide meine Schafe“.

Traurig werden, weil wir immer und immer wieder gefragt werden, ob wir lieben - das ist eine Erfahrung, die Menschen heute auch machen können.

Spürt mein Gegenüber das denn nicht? Bin ich nicht klar genug in meiner Liebe?

Diese Perikope spricht auch zwischen den Zeilen: Drei mal fragt Jesus. Vollkommenheit, Dreifaltigkeit, Einheit Gottes, eins sein in Gott.

Auch wir werden gefragt, ob wir lieben, aber nicht nur das. Wir sollen bekennen, dass wir eins sind in und mit Gott, damit wir einander weiden können, also stärken und nähren und schützen.

 

Paulus-Stele

 

Das Damaskuserlebnis des Paulus

 „Unterwegs aber, als er sich bereits Damaskus näherte, geschah es, dass ihn plötzlich ein Licht vom Himmel umstrahlte. Er stürzte zu Boden und hörte, wie eine Stimme zu ihm sagte: Saul, Saul, warum verfolgst du mich? Er antwortete: Wer bist du, Herr? Dieser sagte: Ich bin Jesus, den du verfolgst.“ (Apg 9,3-5)

 

Bevor Paulus dem Auferstandenen begegnet, hat er diesen und seine Jünger mit Leidenschaft bekämpft. Sein strenger pharisäischer Glaube hat ihn blind gemacht für die neue Lehre derer, die Jesus als den Messias Israels verehrten. Vor Damaskus aber stürzt er und mit ihm seine Sicht der Dinge ein. Er hört eine Stimme, die zu ihm spricht: „Ich bin Jesus, den du verfolgst“. Von da an bekommt sein Leben eine andere Richtung. Er lässt sich taufen, zieht sich in die Wüste zurück, um diesem Jesus noch tiefer zu begegnen, und beginnt dann, die Frohe Botschaft aller Welt zu verkündigen.

Es ist nicht immer das Dunkle, das uns zu Boden wirft. Auch das Licht kann massiv in unser Leben eingreifen, oder besser: hineinstrahlen. Wenn es das Licht Gottes ist, dem wir begegnen, dann kann uns auf einzigartige Weise bewusst werden, wer wir sind, was wir tun und wo Gott darin zu finden ist.

Die Begegnung des Saulus mit dem, den er eifrig verfolgte und vernichten wollte, wurde nicht zum Vorwurf, endete nicht in Zerrüttung, sondern brachte Erkenntnis, Erleuchtung für Saulus. Der Schlüssel dazu liegt wohl darin, dass wir nicht weglaufen und uns nicht einmal abwenden können. Wer zu Boden gegangen ist, ist dem Boden, dem Humus ganz nahe. Das Wort Demut wird daraus gebildet. Im Lateinischen heißt es „humilitas“, in der Bedeutung: dem Boden nahe, also im weitesten Sinne verwurzelt.

Wer dies erkennt, kämpft nicht gegen den, der mich zu Boden geworfen hat, sondern beginnt genau an diesem Punkt seines Lebens mit der Umkehr. Wie Saulus, der zum Paulus wurde.

 

Paulus auf Missionsreise

„Vom Heiligen Geist ausgesandt, zogen sie nach Seleuzia hinab und segelten von da nach Zypern. Als sie in Salamis angekommen waren, verkündeten sie das Wort Gottes in den Synagogen der Juden.“ (Apg 13,4-5)

 

Vor seiner Bekehrung suchte Paulus die Kirche zu vernichten. Nach seiner Bekehrung macht er sich auf den Weg, segelt übers Meer, durchwandert die damals bekannte Welt, um überall die Botschaft von Jesus, dem Gekreuzigten, zu verkündigen. Mit Leidenschaft versucht er seine jüdischen Glaubensbrüder und -schwestern zu gewinnen für den neuen Weg. Widerstand und Ablehnung lassen ihn nicht aufgeben. Vielmehr findet er gerade dadurch den Weg zu den Heiden, all jenen, die nicht dem jüdischen Glauben anhängen, aber von der Botschaft Jesu getroffen werden, so wie es ihm einst ergangen ist. Aus dem einstigen Feind der Kirche ist der große Völkerapostel geworden.

Was hat Paulus nicht alles auf sich genommen, um das Wort Gottes und die Botschaft Jesu bis in die letzten Winkel der Welt zu bringen! Und wie hoch war der Preis, den er letztlich zahlen musste. Aber er fuhr. Er vertraute nicht auf die Robustheit der Schiffe. Die gingen teilweise sogar unter. Er vertraute auf den Wind in den Segeln des Lebensbootes, den Heiligen Geist, und auf den sicheren Mast, das Kreuz Jesu, das durch die Wunden hindurch zum Lebensbaum wurde – für jeden und alle Welt!

 

Paulus als Gefangener

„Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Schäme dich also nicht, dich zu unserem Herrn zu bekennen; schäme dich auch meiner nicht, der ich seinetwegen im Gefängnis bin, sondern leide mit mir für das Evangelium. Gott gibt dazu die Kraft.“ (2 Tim 1,7)

 

Das Leben des weit gereisten Paulus endet im Gefängnis. Aber er ist nicht nur bereit, Unrecht und Gewalt zu erleiden für das Evangelium, sondern als in Ketten Gefesselter macht er sich auf den Weg zu den jungen christlichen Gemeinden: aus dem Gefängnis in Rom schreibt er Briefe, beantwortet Fragen, empfängt Menschen, die seiner Weisung bedürfen. Zwar weist er wiederholt auf seine Autorität als Apostel hin, um den Glauben der Jünger zu festigen, doch sehen wir ihn als einen Glaubenszeugen, der „mit keinem Wort sein Leben wichtig nimmt“, wie er selber sagt, sondern ganz Jünger Jesu ist.

Wer heute sagt, er sei bereit, für Christus zu leiden, wird leicht belächelt und als Dummkopf stehen gelassen. Frommes Gerede, das jeder Realität entbehrt. Wir wollen doch nicht leiden, sondern es uns gut gehen lassen. Paulus zeigt, dass selbst Gefangenschaft und Ketten keine Einschränkung der Freiheit der Kinder Gottes bedeutet, die ja eine Freiheit des Glaubens und durch den Glauben ist.

 

Schlussgedanke

 

Beide Männer, Petrus und Paulus, haben zuletzt ihren Glauben an Jesus Christus mit dem Tode bezeugt. Die Kirche verehrt sie als Märtyrer und Säulen der Kirche.

Die beiden Apostelstelen rufen anhand einzelner Bilder das Leben beider Jünger in Erinnerung. Gestaltet sind die Stelen aus zwei Eichenbohlen, die aus einem alten Türsturz herausgeschnitten sind. Das Holz war nicht fehlerfrei und die Balken sind nicht schnurgerade. Zusammengestellt aber ergeben sie ein geschlossenes Ganzes: keine der Stelen steht für sich allein, jede ruft nach der anderen als Ergänzung, wie auch das Leben der beiden Apostel nicht für sich alleine steht. So unterschiedlich Petrus und Paulus sind, so bilden sie doch ein großes Ganzes, ein weithin leuchtendes Zeugnis für Jesus Christus.

Die Rückseite der Stelen ist auffallend bunt und lebendig. Die Vielfalt der Farben leuchtet dem entgegen, der die Kirche betritt. Wer sich auf den Weg des Glaubens einlässt, wie es Petrus und Paulus getan haben, und diesen in der Gemeinschaft des Volkes Gottes zu leben versucht, tritt ein reiches Erbe an und darf sich ermutigt fühlen, in Jesus Christus die Fülle des Lebens zu finden.

 

Pfr. Christian Edringer,

Kurat Peter Klein