Wie im Himmel leben!…

 

Unter diesem Motto fand 2010 die Jahrestagung des baf statt und auch die Frauengottesdienste in diesem Jahr waren zu diesem Thema gestaltet. Wer spürt nicht diese Sehnsucht, „himmlische Zustände“ in unserem Leben zu erfahren, den „Himmel auf Erden“ wenigstens in klitzekleinen Augenblicken zu erleben? Das sind die Augenblicke, in denen wir uns wahrhaftig, authentisch fühlen, im Einklang mit unseren tiefsten Wünschen und Bedürfnissen und in guter Verbindung mit uns, Gott und unseren Mitmenschen.Doch wie schwer fällt es uns immer wieder, diesen Einklang zu erleben! Wie oft erleben wir, dass wir eben nicht in guter Verbindung zu uns selbst und unseren Mitmenschen sind?

 

Worte sind Fenster - oder sie sind Mauern

 

So sagt Marshall B. Rosenberg. Eine wichtige Vermittlerin zwischen uns Menschen ist die Sprache – sie kann trennen oder verbinden, je nachdem, welche Worte wir wählen und vor allem in welchem Geist wir sie gebrauchen. Allerdings genügt es nicht, nur die „richtigen“ (verbindenden) Worte zu benutzen; wenn sie nicht übereinstimmen mit dem, was in uns ist und wie es uns geht, werden sie kaum zu einem echten Kontakt führen.

Das setzt voraus, dass wir selbst um unsere eigenen Gefühle, Wünsche und Sehnsüchte wissen. Nur dann können wir Worte finden, die von Herzen kommen, die ausdrücken, um was es uns wirklich geht und was unsere tiefste innere Wahrheit ist.

Wege zu finden, diese echte Verbindung zu ermöglichen, ist ein Hauptanliegen der gewaltfreien Kommunikation. Sie setzt die Verbindung an die erste Stelle und will helfen, zuerst herauszufinden, was in mir ist. Sobald ich mir darüber klar bin, kann ich mich entspannen und ohne Anklage mitteilen, was mich gerade bewegt und/oder neugierig auf mein Gegenüber zugehen, um herauszufinden, was für sie oder ihn im Moment wichtig ist.

 

Bedürfnisse

 

Hinter der von Marshall Rosenberg entwickelten „Gewaltfreien Kommunikation“ steht die Überzeugung, dass

- es in der Natur eines jeden Menschen liegt, aus Freude heraus zu geben

- alle Menschen die gleichen Bedürfnisse haben, nur unterschiedliche Wege wählen, diese zu erfüllen

- jedes Bedürfnis wertgeschätzt werden darf und dem Leben dient

- alle unsere Handlungen ein bewusster oder unbewusster Ausdruck unserer Bedürfnisse sind.

 

Für mich bedeutet das, dass wir alle unsere Gefühle und Bedürfnisse als von Gott kommend sehen dürfen, dass sie Ausdruck unserer Lebendigkeit und der in uns lebendigen Sehnsucht nach dem „Leben in Fülle“ sind, das uns verheißen ist. Das macht es leichter, uns selbst anzunehmen und zur Selbstliebe zu kommen. Dadurch wird es uns erst möglich, auch anderen gegenüber friedvoller und liebevoller zu werden. Nur dann können wir das Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ verwirklichen.

 

Vier Schritte

 

Doch wie sieht das in unserem konkreten Leben aus? Wie kann ich diese Grundhaltung in einer ganz alltäglichen Situation leben? Ich treffe sowohl in der Gemeinde als auch außerhalb ab und zu auf Menschen, die so unter Druck stehen und regelrecht von ihren Sorgen und Problemen überwältigt sind, dass sie ihre Situation immer wieder neu beschreiben und davon viel und lange sprechen.

Oft fühle ich mich ziemlich hilflos und machtlos. Gleichzeitig verstumme ich meistens, weil ich nicht die richtigen Worte finde und die Person ohne Punkt und Komma weiter spricht. Dann wünsche ich mir eine Möglichkeit, mit diesem Menschen wirklich in Kontakt zu kommen und gleichzeitig ehrlich und echt zu sein, ohne zu verletzen.

In solchen Situationen nutze ich dann die von Rosenberg entwickelten vier Schritte und frage ich mich:

Was ist meine Beobachtung? (1. Schritt): Mein Gegenüber spricht länger als ich zuhören kann.

Was sind meine Gefühle? (2. Schritt): Ich fühle mich hilflos und ratlos.

Was sind meine Bedürfnisse? (3. Schritt): Ich möchte gerne Verbindung haben zu mir und zu meinem und seinem/ihren Wohlergehen beitragen, ich hätte gerne Klarheit darüber, was mein Gegenüber von mir möchte und wie ich ihn /sie unterstützen kann.

Was ist meine Bitte? (4. Schritt): Ich bitte mich selbst darum, ehrlich zu sein und mein Gefühl zu äußern und für Klarheit zu sorgen.

 

Dann könnte ich zum Beispiel sagen, wiederum unter zu Hilfenahme der vier Schritte: „Wenn ich dir zuhöre, wie du deine Lage schilderst, fühle ich mich hilflos und ratlos und würde gerne wissen, wie ich dich unterstützen kann. Kannst du mir bitte sagen, was ich für dich tun kann?“

Wenn ich es gewagt habe, mich so ehrlich auszudrücken, war es zwar ungewohnt, hat aber bei meinem Gegenüber meist zu einem Aufhorchen geführt, sodass sich daraus ein tiefgehender und auf Gegenseitigkeit beruhender Austausch ergeben hat, den wir beide sehr genossen haben.

 

Die vier Schritte helfen mir, in eine bessere Verbindung mit mir und meinen Mitmenschen zu kommen. Auch wenn es gerade in herausfordernden Situationen immer noch viel Arbeit ist, es mir bei weitem nicht immer gelingt und es ganz schön viel Übung braucht, bis ich mich in dieser neuen Art zu sprechen heimisch fühle, bin ich froh, auf diesem Weg zu sein und jeden Tag zu lernen und zu wachsen.

 

Was hat das alles nun mit unserer Kirche zu tun?

 

Mein Traum von Kirche ist, dass wir immer mehr zu einem Ort werden, an dem

- Menschen miteinander reden, nicht um Recht zu haben und einander zu überzeugen, sondern um miteinander in einen wirklichen, echten, tiefen Kontakt zu kommen,

- jeder und jede wertgeschätzt, angenommen wird und dazugehören darf, einfach weil er/sie ein Mensch ist und damit nichts mehr braucht, als sich angenommen, zugehörig und wertgeschätzt zu wissen,

- wir einerseits ehrlich und authentisch sein können, indem wir unsere Erfahrungen und unsere Wahrheit aussprechen dürfen und gleichzeitig liebevoll und wertschätzend voller Respekt vor den Gefühlen anderer sein können,

- wir üben, miteinander in Verbindung zu kommen, die Methode dabei ist dann zweitrangig.

Was ist nun meine Bitte an Sie, liebe Leserin, lieber Leser? Ich hoffe, dass ich bei Ihnen Neugier und Interesse an dieser Möglichkeit wecken konnte und würde mich sehr freuen, wenn Sie sich näher mit den Ideen und Möglichkeiten der Gewaltfreien Kommunikation befassen. Dies würde meine Hoffnung und Zuversicht bestärken, dass wir gemeinsam auf einem Weg zu mehr Frieden, Verbindung und Offenheit sind. Für weitere Informationen: www.gewaltfrei.de.

Lydia Ruisch