Babylon in Amersfoort

Alt-Katholische Bischöfe absolvierten umfangreiches Programm

 

Im ersten Moment war ich selbst etwas erstaunt, aber ich wusste es wirklich nicht. Bei der Gesamtpastoralkonferenz hatte mich ein Pfarrer gefragt, was wir, die Bischöfe, zu einem bestimmten Problem bei unserer Jahrestagung eine Woche vorher beschlossen hätten. Ich hatte zwar eine dunkle Ahnung, wollte mich aber auf Details nicht festlegen, ehe ich das Protokoll in Händen hielt.

Diese Episode scheint mir geradezu typisch für die Sitzungen der Internationalen Alt-Katholischen Bischofskonferenz (IBK) zu sein. Von Sonntagabend bis Freitagabend wird im Rahmen einer straffen Zeitplanung eine umfangreiche Tagesordnung abgearbeitet, die diesmal allein 26 Tagesordnungspunkte umfasste, welche freilich meistens noch fein gegliedert sind. Am Ende braucht man das Protokoll, um bei der Fülle noch genau zu wissen, was alles beschlossen wurde. Aber wirklich mühsam werden die Konferenzen nicht durch die vielen Themen, sondern durch die „babylonische Sprachverwirrung“, die dabei herrscht. Stellen Sie sich vor: 15 bis 20 Personen sitzen in einem Raum. Wenn einer zu reden beginnt, reden mindestens drei weitere Personen ebenfalls, nämlich die Übersetzer, die in der Regel neben den der Übersetzung Bedürftigen sitzen. Diese ständige Geräuschkulisse führt dazu, dass jeder, der das Wort hat, versucht, langsam und laut zu sprechen – als ob man es mit lauter Schwerhörigen zu tun hätte. Wird dann noch Englisch gesprochen, wird es noch mühsamer, vor allem, wenn jene zur Weltsprache greifen, die Englisch nicht zu ihrer Muttersprache zählen. Obwohl ich meine, das Meiste zu verstehen, musste ich in diesen Fällen hin und wieder den Übersetzer bemühen.

Das hört sich jetzt an, als sei die Bischofskonferenz eine anstrengende Veranstaltung. Das ist sie auch, aber sie ist auch eine große Bereicherung – nach drei Sitzungen glaube ich das sagen zu können. Das Klima unter uns Bischöfen ist gut, Probleme werden offen und schnörkellos angesprochen, gemeinsam wird nach praktikablen Lösungen gesucht. Stimmt dann auch noch das Ambiente wie diesmal in der Hotelfachschule im niederländischen Amersfoort, wo wir untergebracht waren, dann bleibt die Tagung in guter Erinnerung.

Die Konferenz besteht aus den sieben amtierenden alt-katholischen Bischöfen, die einzig Stimmrecht haben. Dazu kommen theologische Berater, je ein Vertreter der Episcopal Church der USA und der Anglican Communion sowie die Bischöfe der spanischen und portugiesischen Kirche. Außerdem genießen die Mariaviten aus Polen Gastrecht, die mit einem Bischof vertreten waren. Mit den Übersetzern kommen dann die erwähnten 15 bis 20 Personen zusammen.

Worüber haben wir gesprochen? Ich kann an dieser Stelle natürlich nicht das ganze Protokoll abdrucken, sondern will ein paar Punkte herausgreifen. Andere werde ich im August im Rundschreiben vermelden.

 

Beschränkte Ressourcen und die Ökumene

 

Ein wichtiger Punkt waren die Finanzen der IBK. In der Vergangenheit haben die Bischöfe beziehungsweise ihre Kirchen verschiedene Kosten, zum Beispiel für die Delegatsgebiete, stillschweigend übernommen. Nun haben wir alle Ausgaben in einen Haushaltsplan hineingenommen und – mit Schrecken – festgestellt, dass sich bei rund 50.000 Euro Einnahmen ein Defizit von 25.000 Euro auftut. Verschiedene Sparmaßnahmen wurden daraufhin beschlossen, aber auch eine Grundsatzdebatte geführt, welches Engagement in der weltweiten Ökumene wir uns finanziell leisten können. Künftig wird es feste Budgets geben, die im laufenden Haushaltjahr nicht überschritten werden dürfen. Aber wir kommen auch nicht darum herum, die Landeskirchen um einen höheren Mitgliedsbeitrag zu bitten. Die deutsche Synodalvertretung hat bereits 3.000 Euro zusätzlich beschlossen, allerdings zeitlich befristet, um zu sehen, inwieweit die Sparmaßnahmen Früchte tragen.

Die Konferenz wurde über die laufenden ökumenischen Dialoge informiert. Auch in dieser Hinsicht haben wir uns Sparmaßnahmen verordnet, aber nicht nur finanzieller Natur, denn auch unsere personellen Ressourcen sind beschränkt. Auf wie vielen Hochzeiten können wir tanzen? Wir sind uns einig, keine neuen Dialoge zu beginnen, sondern zunächst einige der laufenden abzuschließen, darunter den mit der Schwedischen Kirche. In diesem Zusammenhang wurde auch über ein Grundsatzpapier über den ökumenischen Auftrag der Utrechter Union diskutiert, das von Erzbischof Vercammen erarbeitet wurde und nun – wie es im Protokoll heißt – in die Vernehmlassung geschickt wird. Ich werde das Papier Interessierten zur Verfügung stellen, sobald es mir in der Endfassung vorliegt.

Im Hinblick auf den römisch-katholisch/alt-katholischen Dialog haben wir uns darauf geeignet, als Bischofskonferenz die Stellungnahme des Vatikans zum Papier „Kirche und Kirchengemeinschaft“ abzuwarten, ehe wir uns äußern.

 

VELKD

 

Durchaus kontrovers wurde das Papier diskutiert, das eine deutsche bilaterale Kommission mit der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) erstellt und im vergangenen Jahr veröffentlicht hat. Ich konnte es der Bischofskonferenz in Amersfoort vorstellen. Kritisch wurde ich in diesem Kontext wegen der Lima-Liturgie in München beim Ökumenischen Kirchentag angefragt. Ich habe da zwar nichts Neues gemacht, aber erstmals berichtete auch das Fernsehen über diesen Gottesdienst, an dem vermutlich über 800 Personen teilgenommen haben. Meine zugegeben schlichte Eröffnungsansprache („Man kann viel über die gemeinsame Feier des Abendmahls sagen, viel dafür und viel dagegen. Ich denke, es ist alles, was man sagen kann, schon gesagt worden. Wir tun es heute einfach.“) hat es verkürzt in die Zitatensammlung des Evangelischen Pressedienstes geschafft und noch stärker verkürzt in den Osservatore Romano.

In Amersfoort bat man mich, von Interzelebrationen abzusehen. Ich habe erklärt, dass meines Erachtens die Interzelebration eine theologische Anomalie darstellt, zum einen weil Interzelebration wie Konzelebration an sich theologisch wenig sinnvoll ist (es gibt immer nur einen Vorsteher beziehungsweise eine Vorsteherin), zum anderen weil sie durch bilaterale Dokumente nicht abgesegnet ist. Aber ich bin auch der Meinung, dass man in der Ökumene ohne solche Anomalien, die nicht der Normalzustand werden dürfen, wahrscheinlich nicht vorwärts kommt. Konkret werde ich künftig stärker auf das Prinzip des einen Vorstehers achten, allerdings möchte ich nicht geradezu kasuistisch fragen, wie weit vom Altar entfernt ich stehen muss, um nicht zu konzelebrieren oder was ich mitbeten oder vorbeten darf und was nicht.

Ich frage mich nach der Sitzung, wo das eigentliche Problem liegt: Ist es ein grundsätzlich theologisches oder eher eine Frage der ökumenischen Taktik? Kann es sein, dass in der IBK beziehungsweise in den Kirchen der Utrechter Union die konkrete ökumenische Praxis zwischen Alt-Katholiken und Protestanten in Deutschland weithin unbekannt ist? Für angebracht halte ich die Frage nach unserer ökumenischen Strategie. Ich denke, darüber müssen wir als Kirche und als Kirchen und Bischöfe ins Gespräch kommen, denn ich glaube, die bisherige Strategie hat ihre Probleme, wie der Dialog mit der Orthodoxie zeigt.

 

Ernüchternde Einsichten

 

Die Entwicklung in den verschiedenen Delegatsgebieten wurde ausführlich diskutiert, besonders im Hinblick auf Italien. Die positiven Ansätze, die es dort gab, sind in sich zusammengebrochen. Der Versuch, eine alt-katholische Kirche in Italien zu gründen, muss als gescheitert betrachtet werden. Wir waren uns einig, dass wir uns über die sicherlich ernüchternde Einsicht nicht herummogeln dürfen. Die Konferenz gab deshalb dem Schweizer Bischof Harald Rein, der für Italien zuständig ist, freie Hand, das Engagement der Utrechter Union in diesem Land zu beenden, was mittlerweile geschehen ist. Es soll versucht werden, eine Betreuung der verbleibenden Alt-Katholiken durch die dortigen anglikanischen Gemeinden zu vermitteln.

Italien zeigt – wieder einmal – wie begrenzt unsere Möglichkeiten sind. Es ist schwer möglich, auf große Distanz die bischöfliche Aufsicht auszuüben und korrigierend einzugreifen. Auf jeden Fall muss früher interveniert werden, wenn deutlich wird, dass ein Kirchenaufbauexperiment in die falsche Richtung läuft.

 

Ehrengast

 

Einen Höhepunkt bildete der letzte Teil der Konferenz, an dem auch die für die europäischen Gemeinden zuständigen anglikanischen Bischöfe teilnehmen. Diesmal durften wir einen besonderen Gast begrüßen, die Leitende Bischöfin der Episcopal Church, Dr. Katharine Jefferts Schori. Sie gab uns einen interessanten Einblick in die religiöse Situation der USA, die doch anders ist, als man landläufig meint. So liegt mittlerweile auch dort der sonntägliche Kirchenbesuch bei etwa 20 Prozent und nicht – wie ich es oft gelesen habe – bei 50. Während in den deutschen kirchlichen Medien der Eindruck vermittelt wird, die anglikanische Gemeinschaft sei vor allem eine Gemeinschaft von streitenden Kirchen (Frauenordination, Homosexualität), betrachtete Bischöfin Schori die Lage doch wesentlich gelassener.

So viel von einer wirklich hochinteressanten Konferenz. Nebenbei habe ich übrigens auch gelernt, wie man sich am besten hinstellt, um jemanden die Suppe einzuschenken. Auch das ist eine Frage der Körperhaltung, damit die Suppe im Teller und nicht auf dem Jackett landet. Das Personal, das uns bei den Mahlzeiten bediente, bestand ja aus Schülerinnen und Schülern der Hotelschule. Wir, die Bischöfe, waren quasi Teil ihres Unterrichts. Einer bekam die Suppe dann doch aufs Jackett. Also immer auf die Körperhaltung achten!

 

Matthias Ring