„Ein Ergebnis, das man anfassen und anschauen kann“

 

„Wann hat man das als Pfarrer schon?“, meint Gerhard Ruisch auf die Frage, was ihm als Chefredakteur von „Christen heute“ besonders Freude macht. Nach der Wahl seines Vorgängers Matthias Ring zum Bischof im Jahr 2009 übernahm der Freiburger Pfarrer diese Aufgabe, die einen guten Teil seiner Arbeitszeit und seiner Aufmerksamkeit beansprucht. Bei ihm laufen die Fäden zusammen und er trägt die Gesamtverantwortung für die Kirchenzeitung. Stephan Neuhaus-Kiefel wollte von ihm wissen, wie es ihm mit seiner Aufgabe geht und wie er sie und die Kirchenzeitung sieht.

 

Die „Eingewöhnungsphase“ als Chefredakteur ist vorbei. Was macht Ihnen an dieser Aufgabe Freude?

 

In der Phase, als Bischof Matthias die Verantwortung für die Kirchenzeitung abgegeben hat, hat er einmal gesagt, das sei eine der schönsten Aufgaben, die es in unserem Bistum gibt. Einige der Umstehenden mussten daraufhin lachen. Begründet hat er die Aussage damit, dass man am Ende ein fertiges Heft in Händen hält, ein Ergebnis, das man anfassen und anschauen kann. Wann hat man das als Pfarrer sonst schon? Ich kann Bischof Matthias nur zustimmen. Es ist jedes Mal eine Herausforderung, es ist jedes Mal spannend, ob denn genügend gute Artikel kommen, ob ich selbst Ideen genug habe, ob es ein harmonisches Ganzes wird. Aber es ist einfach schön, so eine Zeitschrift gestalten zu dürfen.

 

Welche Fähigkeiten haben Sie für diese Aufgabe mitgebracht?

 

Ganz einfach: Ich habe schon immer gerne geschrieben und bringe in dem Bereich auch genügend Selbstbewusstsein mit, um es mir zuzutrauen.

 

Wie würden Sie das Anliegen der Kirchenzeitung beschreiben? Wen soll Christen heute ansprechen?

 

Nun, am liebsten soll die Zeitung alle ansprechen. Aber das ist natürlich Illusion. Trotzdem hat sie verschiedene Zielgruppen. Sie soll ein Medium sein, das in unserem weit verstreuten Bistum Alt-Katholiken von Nordstrand bis nach Passau und von Berlin bis Bad Säckingen mit einander verbindet und über einander informiert. Auch von Vorgängen in der eigenen Kirche und in der Ökumene sollen die Kirchenmitglieder durch Christen heute erfahren können. Schließlich sollen sie auch von kompetenten Autoren Beiträge über gesellschaftlich und politisch relevante Fragen – ich denke beispielsweise an die Artikel zur Präimplantationsdiagnostik und zur Kernenergie – lesen können.

Ich freue mich aber besonders, wenn ich erfahre, dass auch Menschen außerhalb unserer Kirche die Kirchenzeitung lesen und schätzen. Dass kürzlich ein Verlag angefragt hat, ob er einen Artikel in eine Arbeitshilfe für den katholischen Religionsunterricht übernehmen darf, fand ich zum Beispiel klasse. Ich denke, Christen heute wird nicht nur für unsere Kirchenmitglieder geschrieben, sondern ist auch ein Aushängeschild, das Menschen auf unsere Kirche aufmerksam machen und über sie informieren kann und hoffentlich in manchen Beiträgen sogar Leute interessiert, die mit unserer Kirche gar nichts am Hut haben.

 

Ihr Vorgänger hat einmal gesagt, die Kirchenzeitung dürfe nicht zum Sprachrohr des Bischofs werden. Vom Bischof oder von Mitgliedern der Synodalvertretung ist gar nicht so viel zu lesen.

 

Nach dem Erscheinen des April-Heftes über Tschernobyl und die Kernenergie gab es einen Mailwechsel mit einem Leser, der sich entrüstete, dass das, was da steht, doch wohl kaum die offizielle Haltung der Alt-katholischen Kirche und ihrer Leitung sein kann. Ich habe ihm geantwortet, dass Christen heute keineswegs die offizielle Linie unserer Kirche wiedergibt. Ich kenne Kirchenzeitungen genug, die sich wie Hofberichterstattung des jeweiligen Bischofs lesen, und bin sehr froh darum, dass das von uns keiner verlangt, ja ich finde, Bischof und Synodalvertretung dürften sich manchmal ruhig lauter in der Kirchenzeitung zu Wort melden.

Der Leser antwortete mir damals, dass zumindest der Leitartikel wohl doch wenigstens innerhalb der Redaktion abgestimmt sein müsste. Wahrscheinlich hat nicht nur er falsche Vorstellungen davon, wie unsere redaktionelle Arbeit notgedrungen aussieht. Wir sind ja nicht ein Team Hauptamtlicher, die unter einem Dach zusammen arbeiten und einmal am Tag eine Redaktionssitzung machen können. Stattdessen leben wir über das ganze Bundesgebiet verstreut, und es gibt im Jahr ganze zwei Redaktionssitzungen, eine davon als Telefonkonferenz. Alles Andere müssen wir per Mail abstimmen, und das gewöhnlich unter Zeitdruck. Das heißt, dass auch die Leitartikel vom jeweiligen Verfasser oder der Verfasserin verantwortet werden, wobei ich als leitender Redakteur schon Rückmeldung gebe, wenn mir etwas fragwürdig scheint.  

 

Eine Schwierigkeit ist also, dass Christen heute von Menschen gemacht wird, die diese Arbeit zusätzlich zu ihrer Haupttätigkeit leisten müssen und sich nicht so leicht vernetzen können, wie das bei Redaktionen großer Zeitschriften geschieht. Gibt es weitere Schwierigkeiten?

 

Ich sehe es schon als Schwierigkeit, dass die Erwartungen an die Kirchenzeitung so verschieden sind. Es kommt vor, dass wir für denselben Beitrag heftigen Tadel und hohes Lob erhalten. Die Einen wollen mehr von dem, die Anderen mehr vom Anderen lesen. Da können Enttäuschungen nicht ausbleiben. Dazu kommt, dass wir natürlich Fehler machen. Erst kürzlich wurde ich kritisiert – von „unprofessionellem Vorgehen“ war da die Rede - weil durch mein Versehen ein falscher Name unter einem Beitrag stand. Ich versuche sorgfältig zu arbeiten. Aber mir ist klar, dass der nächste Fehler, der jemanden ärgert, schon lauert, und wahrscheinlich wird es nicht lange dauern, bis er passiert. Vor allem, weil fast immer um den Redaktionsschluss herum Hektik entsteht. Da kann ich nur auf Nachsicht von Seiten der Leserinnen und Leser und der Mitarbeitenden hoffen.

 

Man liest immer wieder, dass das Internet und die anderen modernen Medien die Lese- und Schreibgewohnheiten der Menschen verändern. Spüren Sie das auch?

 

Ich finde schon, dass zu merken ist, dass die wenigsten Menschen heute noch gewohnt sind, persönliche Briefe zu schreiben. Briefe schreiben sie noch ans Finanzamt oder die Versicherung, ansonsten sind es kurze Mails oder SMS oder sie „bloggen“. Entsprechend lesen sich vor allem Gemeindeberichte zum Teil wie Protokolle: Erst wurden wir begrüßt, dann gab es Kaffee, dann bezogen wir die Zimmer und hörten den ersten Referenten. Viel interessanter wäre für die Leser zu erfahren, was die Autoren fasziniert, begeistert oder geärgert hat, was die Höhepunkte waren, warum sie froh sind, dort gewesen zu sein. Eine gute Hilfe kann dazu unser Leitfaden für das Verfassen von Beiträgen sein, den ich gerne per Mail zusende.

 

 

Noch einmal zurück zum Selbstverständnis. Wie sehr dürfen sich Ihrer Meinung nach die Autorinnen und Autoren positionieren? Darf in der Kirchenzeitung auch etwas Kritisches stehen?

 

Ja! Es darf und soll auch Kritisches in Christen heute stehen. Es entspricht meiner Meinung nach dem alt-katholischen Selbstverständnis, dass die Kirchenzeitung eben nicht Sprachrohr der Kirchenleitung ist. Dazu gehört, dass wir als Kirchenmitglieder unsere Meinung sagen dürfen und sie auch in unserer Zeitschrift publik machen. Natürlich gibt es auch eine Grenze; fremdenfeindliches Gedankengut werden wir so wenig drucken wie schmutzige Witze. Auch für Beschimpfungen und Beleidigungen bieten wir keine Plattform. Ich wünsche mir, dass unser Blatt noch mehr zu einem Forum wird, in dem verschiedene Anschauungen zur Diskussion gestellt werden. Wir sind eine Kirche mit sehr verschiedenen Menschen und Meinungen, und das darf sich auch in Christen heute spiegeln.

 

Christen heute erscheint monatlich. Wie wählen Sie aus der Fülle von Beiträgen, die bei Ihnen eingehen, aus?

 

Das ist eine optimistische Einschätzung. Es erreichen uns in letzter Zeit vermehrt Leserbriefe, und das sehe ich als wirklich gutes Zeichen. Ich schließe daraus, dass unsere Artikel zur Auseinandersetzung anregen. Bei der Anzahl der Briefe kann es durchaus vorkommen, dass ein Leserbrief nicht erscheint oder gekürzt wird. Andere Beiträge gibt es in den meisten Monaten noch nicht so viele, dass ich die große Auswahl hätte. Das wäre ein Wunsch von mir, dass es so viele Beiträge gäbe, dass ich nur die interessantesten und am besten geschriebenen auswählen könnte. Allerdings wird das auch zu Konflikten führen, wenn jemand sich die Arbeit gemacht hat und der Artikel dann doch nicht gedruckt wird.

 

Hat die Kirchenzeitung also möglicherweise noch nicht genügend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?

 

Ja, ich glaube tatsächlich, dass wir noch mehr Menschen bräuchten, die regelmäßig oder zumindest immer wieder für uns schreiben. Derzeit besteht die komplette Redaktion aus Theologen; zum Glück sind im Kreis der weiteren Mitarbeitenden auch Fachleute aus anderen Richtungen. Der Vielfalt der Artikel käme es zu Gute, wenn sich noch mehr Menschen zum Schreiben bereit fänden. Auch wenn jemand sich in genau einer Sache gut auskennt und dazu gerne einmal etwas schreiben möchte, ist das willkommen; niemand verpflichtet sich dadurch zu regelmäßiger Mitarbeit.

 

Glauben Sie, dass es im Vatikan ein Exemplar von Christen heute gibt?

 

Zumindest steht der Vatikan nicht auf unserer Abonnentenliste. Aber ausschließen möchte ich es auch nicht, denn ich konnte schon mehrfach zu meiner Überraschung feststellen, dass hohe Stellen in der römisch-katholischen Schwesterkirche sehr genau über uns und unsere Entwicklungen informiert sind. Offensichtlich sind wir also trotz unserer Kleinheit interessant für sie. Sollte ich einmal erfahren, dass Christen heute tatsächlich im Vatikan gelesen wird, dann wird mich das freuen, denn ich denke mir, es kann nur gut sein, wenn auch unsere Sichtweise dort zur Kenntnis genommen wird. Vom Papst weiß ich es also nicht, aber ein evangelisch-reformierter Pfarrer, den ich sehr schätze, ist seit Jahren Abonnent von Christen heute, also nicht erst seitdem ich Chefredakteur bin mir zuliebe. Er sagt, er liest unsere Kirchenzeitung, weil er sie so gut findet. Das ist ein Kompliment, das mich wirklich freut.

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft von Christen heute?

 

Eigentlich genau das, dass immer mehr Menschen Christen heute lesen, nicht nur, weil sie unserer Kirche verbunden sind oder sich gar als gute Alt-Katholiken verpflichtet fühlen, sondern weil sie das Blatt gut finden und wissen wollen, was darin steht.

 

Interview: Stephan Neuhaus-Kiefel