„Was geht?“

Hofberichterstattung oder kritisches Forum?

 

„Gegnerschaft schärft die Gedanken“, meint SPIEGEL-Autor Matthias Matussek, der das Blatt seines Arbeitgebers als „antikirchliches Kampfblatt“ bezeichnet und seine Kirche verteidigt. Stephan Neuhaus-Kiefel, Vikar in Wiesbaden, macht sich Gedanken, wie kritisch eine Kirchenzeitung sein darf, und fragt sich, ob mehr Diskurs diese Zeitung lebendiger machen würde.

 

Es ist Sonntag Abend. Ich schaue mir die Talk-Sendung „Anne Will“ an und bewundere Margot Käßmann, wie sie ihre persönliche Haltung zu aktuellen Themen gegen die Angriffe ihrer Diskussionspartner verteidigt. Sie muss sich einiges anhören und gefallen lassen. Ich sympathisiere mit der Frau, die gemeinsam mit dem grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann ihre Hoffnungen und Visionen über den Pragmatismus des FDP-Politikers stellt, der neben ihr sitzt. Der Theologin wird vorgeworfen, sie nutze ihre Position und ihr Amt, um ihre privaten Ansichten zu äußern. Einer ihrer Diskussionsgegner plädiert dafür, sie dürfe alles sagen, solange es hinter Kirchenmauern bliebe. Ich denke mir: Jeder, der sich als Christ mit seinen Ansichten auf das Evangelium bezieht, sollte dies auch kund tun dürfen. Denn das Evangelium ist immer auch politisch.

 

Außenwirkung

 

Jenseits des Fernsehens, in den Printmedien und im Internet, wird der SPIEGEL-Autor Matthias Matussek verrissen: Er äußert sich aufgrund seiner persönlichen Überzeugung positiv gegenüber der römisch-katholischen Kirche. Geht das überhaupt? Kann man sich als Autor bei einem „antikirchlichen Kampfblatt“ so positionieren? Ist es möglich, seinem Arbeitgeber gegenüber eine andere Stellung zu beziehen? Bedeutet Widerspruch nicht sofort, nicht loyal zu sein?

Ich stelle mir die Frage: Wie kritisch darf eine Kirchenzeitung sein? Inwieweit dürfen sich ihre Autoren positionieren? Diese Ausgabe von „Christen heute“ beschäftigt sich mit sich selbst, stellt die Frage nach Bedeutung und Inhalten von kirchlichem Journalismus, schielt aber nicht nach den Schwächen und Fehlern ihrer ökumenischen Partner. Es geht um Selbstreflexion, und damit auch um Selbstkritik. Unser Bischof, einst Chefredakteur dieses Blattes, nahm dazu bereits eindeutig Stellung und sagte, in der Kirchenzeitung dürfte auch etwas geschrieben werden, was dem Bischof nicht gefalle. 

 

Wenn wir betonen, dass wir eine fehlbare Kirche sind, wenn wir die Zeichen der Zeit ernst nehmen wollen und bereit sind, uns immer wieder zu erneuern, dann darf es auch sichtbar  Auseinandersetzungen und Diskussionen geben. Die synodale Struktur unserer Kirche bietet dazu viele Möglichkeiten. Es gibt Synoden auf verschiedenen Ebenen, es gibt Werkstattgespräche und eine Zukunftswerkstatt, in Gemeinden treffen sich die Mitglieder zum Gespräch und zum Austausch, und auch so manche Artikel in „Christen heute“ möchten dazu einen Beitrag leisten, indem sie Impulse geben, auch wenn sie nicht immer Zustimmung finden. Ich denke, die Kirchenzeitung ist ein wichtiges Organ, das nicht nur im Sinne eines „Halleluja-Journalismus“ (Bischof Ring) Bericht erstatten sollte, sondern auch zur Meinungsbildung und zur kritischen Auseinandersetzung beitragen sollte. Mich persönlich hat es deshalb besonders gefreut, dass die Ansichtssachen von Georg Reynders und mir zur Praxis des Friedensgrußes (Christen heute Februar 2011) in der Gemeinde Düsseldorf zu einem Dialogprozess geführt haben, wie denn dieses liturgische Zeichen künftig gestaltet werden sollte. Das ist ein gutes Beispiel.

 

„Ich wünsche mir, dass in unserer Kirchenzeitung Fragen nach Macht, Positionierung und Eigenverantwortung gestellt werden, da diese sehr elementar für die Glaubwürdigkeit von Kirche sind“, meint Christiane Paar aus Bornheim. Sie betrachtet ihre eigene Kirche stets auch mit einem kritischen Auge und äußert das auch. „Die Ökumene würde vor Neid erblassen, wenn solche selbstkritischen Themen zur Sprache kämen“, findet sie, und hält solche Themen für wichtiger als beispielsweise die Friedensgrußvarianten.

 

Eine klare Meinung dazu hat auch Ulf-Martin Schmidt, Pfarrvikar in Kommingen: „Ich mag es gerne, wenn Klartext gesprochen wird und Positionen auch manchmal zugespitzt dargestellt werden. Das auch, weil ansonsten Common Sense-Stimmung ‚herrscht‘ und gerade Artikel dann einfach langweilig sind.“ Das gelte auch für die Auftritte bei Kirchentagen, so Schmidt. So habe er sich im letzten Jahr nach dem Ökumenischen Kirchentag in München als Mitverantwortlicher „Prügel“ zugezogen, weil manche die Darstellung des Standes nicht mochten.

 

Sachlich, persönlich oder

Schaden für die Kirche?

 

Es ist wichtig, bei kircheninternen Diskussionen zu unterscheiden, ob es um die Sache geht oder ob jemand persönlich angegriffen wird. Ich bin davon überzeugt, dass es in den seltensten Fällen um einen persönlichen Angriff geht, auch wenn ich mir bewusst bin, das dies passieren kann. Manchmal wird auch bei innerkirchlichen Konflikten das Argument angeführt, bestimmte Äußerungen würden der Kirche schaden. Es kommt auch vor, dass sich jemand am jungen Alter oder an der kurzen Dauer der Kirchenzugehörigkeit stört. Da kommt doch tatsächlich jemand daher, der noch nicht lange zur Kirche oder zu einer Gemeinde gehört, und kritisiert etwas, für das sich andere schon seit Jahrzehnten mit Herzblut einsetzen.

 

„Ich bin froh, wenn sich Mitglieder unserer Kirche kritisch einbringen, merke aber auch, dass mir derzeit bei uns Alt-Katholiken in für mich wichtigen Bereichen zu wenig geht“, so Ulf-Martin Schmidt. „Zum Beispiel in unserem Engagement für die Schwachen in unserer Gesellschaft. Dafür tun wir sehr viel für Repräsentatives und Liturgie“, meint der junge Geistliche. Das sei für ihn „Kuschelkirche pur“, weil sie sich eben gerade aus den heißen Eisen in der Gesellschaft heraushält.

 

Abhängig?

 

Doch was geschieht, wenn sich jemand kritisch äußert? Wie abhängig sind die Autoren? Was darf geschrieben werden? Und was nicht? Wann werden Grenzen überschritten? Ich habe den Eindruck, wir müssen in unserer kleinen Kirche noch mehr den Diskurs wagen und lernen. Für mich als Autor bedeutet dies dann auch, mit den entsprechenden Rückmeldungen umgehen zu können. Das ist nicht immer „kuschelig“. Ich gebe zu, dass ich nach einem Artikel, der von mir veröffentlicht wurde, in unserer Kirchenzeitung sofort die Leserbriefe lese und auch manchmal den Chefredakteur frage, ob es irgendwelche Reaktionen gab. Auch ich möchte nicht persönlich angegriffen werden. Aber ich tue mich auch schwer, wenn ich den Eindruck gewinne, es gehe nur darum, wir hätten uns alle nur lieb.

 

Natürlich habe ich dabei die Apostelgeschichte vor Augen, die uns berichtet, wie in der Urgemeinde alle alles gemeinsam hatten, und wie darauf verwiesen wird, wie alle einander liebten. Die Gemeinde in Jerusalem stand allerdings ganz unter dem Eindruck der Parusie, der Erwartung, dass Christus in nächster Zeit wiederkehrt. Ich denke, wir müssen darauf noch eine Weile warten und uns solange noch ein wenig streiten. Wer sich wirklich lieb hat, der kann auch miteinander streiten. Ansonsten ist man sich eher gleichgültig. Ich möchte die Autorinnen und Autoren dazu ermutigen, unsere Kirchenzeitung noch lebendiger zu machen, indem wir den Mut haben, die Leserinnen und Leser in einem guten Sinne zu provozieren und den Diskurs zu schärfen. Das ist etwas anderes als Gegnerschaft.

 

Stephan Neuhaus-Kiefel