Gut sein lassen

 

„Lass es gut sein,“ besänftigte mich neulich eine Freundin, als ich mich über etwas geärgert hatte und krampfhaft nach einer Lösung des Konfliktes suchte. „Lass es gut sein“ – das ist ein wunderbarer Rat für erhitzte Gemüter, für notorische Rechthaber und für Perfektionisten, aber auch für alle diejenigen, die nicht gerne in der Schuld eines anderen stehen und für ihre Rechnung selbst einstehen wollen.

 

Eines der ältesten Vorurteile über Frauen ist wohl, dass sie alles ausdiskutieren müssen. Aber auch unter den Männern sind solche, die aus falschem Stolz stur auf ihrem Recht beharren. Es gibt Menschen, denen fällt es einfach schwer, etwas „gut sein“ zu lassen. Sie finden immer noch das Haar in der Suppe und haben das Gedächtnis eines Elefanten, wenn es um die Fehler der anderen geht. Dabei merken sie gar nicht mehr, wie ungerecht sie selbst sich dabei verhalten.

 

Der bekannte Beatles-Song „Let it be, let it be  ist nicht ohne Grund seit 40 Jahren ein echter Schlager. Nicht Resignation ist es, die einen da mit summen lässt, sondern wohl mehr der Trost dieser Worte, die Mut machen, ge-lassen zu sein und darauf zu vertrauen, dass es schließlich schon gut werden wird. Wer diesen Rat beherzigt, gewinnt wieder Distanz zu sich selbst, zum Konfliktpartner oder zum unlösbar erscheinenden Problem. Dann tun sich auf einmal Wege der Versöhnung, der Liebe und der Gerechtigkeit auf. Es gibt einfach Konflikte, die sind so vertrackt, dass nur der legendäre Strich unter der Rechnung und ein Neuanfang zu Gerechtigkeit und Frieden führen können.

 

„Lass es gut sein“ ist ein Rat, der eine sehr tiefe Weisheit in sich birgt, die im wahrsten Sinne des Wortes schöpferisch ist. Wer etwas „gut sein“ lassen kann, macht sich nämlich den Blick Gottes zu eigen, der auf seine Schöpfung schaute, nachdem er Himmel und Erde, Tag und Nacht, die Pflanzen, die Tiere und schließlich die Menschen ins Dasein gerufen hatte, und zufrieden sprach: „Siehe, es ist alles sehr gut.“ Das macht den tiefen Frieden des siebten Schöpfungstages aus, an dem Gott ruhte – inmitten seiner Geschöpfe. Auch wenn wir in einer Welt leben, in der es Streit, Gewalt und Unrecht gibt und eben nicht alles gut ist, sollen wir diesen Blick für das Gute nicht verlieren, sondern es suchen und aufspüren: im anderen und in uns selbst. Wer es so „gut sein“ lassen kann, der findet dann auch die richtige Worte und Wege, für Gerechtigkeit und Frieden aufzustehen, wo die Werte mit Füßen getreten werden.

 

Sicher. Es gibt immer wieder Zeiten, in denen wir einfach nicht mehr dazu fähig sind, etwas „gut sein“ und ruhen zu lassen, weil wir unter Strom stehen und rotieren; häufig selbst zu tief verletzt und getroffen oder einfach rundum erschöpft sind. Es fehlen dann schlicht die Kraft zur Gelassenheit und der Mut, Abstand zu gewinnen. Dann tut es gut, in uns hinein zu hören. Denn in all unsere Schwäche und Unruhe spricht Gott zu uns: „Lass es gut sein. Lass Dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ (so Paulus in seinem zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth 12,9). „Lass es gut sein“, spricht Gott in unsere Überlastung und Mutlosigkeit, in unseren Ärger und Unfrieden, in unsere Angst und Sorge. „Lass mich nur machen!“

 

Sommermonate und insbesondere die Ferienwochen laden dazu ein, diesem Rat zu folgen und einmal alles gut sein zu lassen, zur Ruhe zu kommen und dann vielleicht leise mit zu summen: „Let it be, let it be, Whisper words of wisdom, let it be.“

 

Henriette Crüwell