Schmuckstücke auf dem Weg von Himmelfahrt zur Kreuzerhöhung

Die Kaufbeurer Gemeinde erwidert Besuch in Gablonz an der Neiße

 

„Von Himmelfahrt zur Kreuzerhöhung“ hätte auf unserem Reisebus stehen können, als wir mit 26 Menschen aus Kaufbeuren nach Tschechien aufbrachen. Stattdessen stand da lapidar: „Der Ski-Reise-Papst im Allgäu“… Das wir uns als Alt-Katholiken ausgerechnet mit einem Papst auf den Weg machten, das amüsierte uns nun doch und erhöhte die freudige Spannung.

Unsere Reisegruppe trat auf Gegenbesuch an. Vor einem Jahr hatten wir eine kleine Gruppe der alt-katholischen Gemeinde „Kreuzerhöhung“ aus Gablonz an der Neiße empfangen (Christen heute berichtete). Angeregt von den zwei jungen Pfarrern der jeweiligen Gemeinden hatten neun junge Menschen damals mutig das geschichtlich begründete Schweigen zwischen Gablonz und Neugablonz gebrochen. Bewegt von diesem Ereignis lag es nun an den Menschen unserer sudetendeutsch geprägten Gemeinde, den Brückenschlag zu erwidern.

So brachen wir also auf: Menschen, die in Tschechien geboren sind, dort gelebt und gearbeitet haben und nach der Vertreibung der Deutschen aus dem Sudetenland in Neugablonz neu anfangen mussten; Menschen, die sich als „waschechte Kaufbeurer“ bezeichnen und die die Heimat ihrer Eltern nun zum ersten Mal besuchen wollen; Menschen, die neu sind in unserer Gemeinde und sich ein eigenes Bild machen wollen von den Wurzeln unseres Gemeindekerns; Menschen, die unserer Gemeinde freundschaftlich verbunden und geschichtlich interessiert sind; Menschen, deren Vorfahren aus anderen Orten in Tschechien und Umgebung stammen und auf ihre ganz persönliche Geschichte von Entwurzelung und Neuanfang zurück blicken können. Die Hintergründe also unterschiedlich. Das Hauptziel jedoch gleich: Begegnung und (Wieder-)Sehen.

 

Glasschmuck

 

Das offizielle Programm sah gleich zu Anfang einen Besuch im Gablonzer Schmuck- und Bijoux-Museum vor. Und von Schmuckstücken verstehen die Gablonzer was, ob Alt- oder Neugablonz. Die Glas- und Schmuckherstellung hatte in Nordböhmen Tradition. Kein Wunder also, dass auch Menschen unserer Gemeinde noch typische Berufe wie Glasdrücker, Perlenwickler oder Gürtler gelernt haben. Ihr Können nahmen sie mit in die neue Heimat, wo sie die Schmuckindustrie neu aufbauten – so trägt der Stadtteil Neugablonz den Beinamen „Schmuckstadt“, wo es auch heute noch eine Staatliche Berufsfachschule für Glas und Schmuck gibt. Mit Kennern also waren wir in diesem Museum unterwegs. Exponate wurden lebendig, sie wurden zu Impulsen einer Zeitreise durch Handwerks- und persönliche Geschichte.

 

Doch es blieb nicht nur beim Betrachten und Bewundern. Wir besuchten auch eine Glasdrückerhütte, eine „Drikette“, wo wir hautnah nachvollziehen konnten, wie und unter welchen Bedingungen die Glasdrücker früher gearbeitet haben. Und wo wir selber Hand anlegen konnten: Die Männer beim eigentlichen Drücken einer Perle aus einem erwärmten Glasstab, was Hitzebeständigkeit und Muskelkraft verlangt; die Frauen bei der filigranen wenn auch „brandgefährlichen“ Arbeit des Perlenformens an offener Flamme. Der Vorführer, Herr Liboš Štryncl, hatte sichtlichen Spaß an uns und lobte unsere unvollkommenen Perlen. Solche Reisen bringen auch kleine Anekdoten am Wegesrand mit: So war das Hallo des Herrn Štryncl sehr groß, als er erfuhr, dass derjenige, der sich gerade am Perlendrücken abmühte auf den Namen Strenzl hört. Da wurde doch gleich die Frage einer möglichen Verwandtschaft gestellt, die so abwegig gar nicht ist, da der Vater des Herrn Strenzl aus dem Böhmerwald stammt. Die Frage konnten wir in der Kürze der Zeit natürlich nicht klären, was der vergnüglichen Begegnung des Herrn Štryncl mit Herrn Strenzl jedoch keinen Abbruch tat.

 

Dessendorf

 

Ernster und nachdenklicher ging es bei einer anderen Begegnung mit der Vergangenheit zu. Etwa 20 Kilometer von Gablonz entfernt liegt Dessendorf/Desná, einst mit etwa 3.500 Alt-Katholiken eine der größten Gemeinden des Alt-Katholischen Bistums Warnsdorf vor dem Krieg. Entsprechend steht hier ein Schmuckstück anderer Art, eine große, imposante Kirche, die ganz eindeutig bessere Zeiten gesehen hat. „Kuck mal, Doris, am Kirchturm wachsen Bäume!“ bemerkte jemand, und das sagt so gut wie alles.

Dennoch hat dieser Ort im Gablonzer Pfarrer Kolaček einen Bewahrer gefunden, der sich unermüdlich um Gelder für die Instandhaltung der Kirche bemüht und auch selbst mit Hand anlegt. Je länger man in dieser Kirche verweilt, umso tiefer kann man in die Geschichte hinein spüren, sie mit Händen greifen. Es liegt ein Hauch von Nostalgie in der Luft, der einem die Seele schwer macht. Ein kleiner Trost ist der Blick auf das Bildnis der fast schelmisch und überirdisch leicht blickenden Taube im Altarraum. Der Heilige Geist ist auch hier, ist dennoch hier. In einer kleinen Andacht beteten wir für diesen Ort und für die Menschen, die sich für sein Überleben einsetzen. Wir beteten für unsere jeweiligen Kirchen und Gemeinden, dass sie den Weg des Friedens und der Versöhnung stetig weiter gehen mögen. Eine innere Verbindung gibt es für uns ganz konkret: Unsere Gemeinde in Neugablonz ist in Anlehnung an die Gemeinde Dessendorf „Christi Himmelfahrt“ benannt worden.

Nach dem Besuch des Dessendorfer Friedhofs, auf dem man unter anderem Namen wie Swarovsky begegnen kann, ging es zu einem kulinarischen Höhepunkt weiter, Essen bei Verwandten von Teilnehmern unserer Gruppe. In der urigen Stube gab es Schweinebraten mit Knödel und Rotkraut, ein Genuss. Auch da jedoch diese leiseren Erlebnisse, die unter die Haut gingen. So kam ein älteres Mitglied unserer Reisegruppe etwas verspätet herein, außer Atem, sichtlich bewegt und mit Tränen in den Augen. In unmittelbarer Nähe hatte einst sein Elternhaus gestanden. Es hatte einem Parkplatz weichen müssen. Die Wirtschaft, in der wir gerade saßen, war damals das Stammlokal der Nachbarschaft gewesen. Emotionale Minenfelder auf Schritt und Tritt.

 

In Jugenderinnerungen schwelgen konnten dann einige beim Besuch in Reichenberg/Liberec und auf dem Hausberg Jeschken/Ještěd, wohinauf es mit der Seilbahn ging. Und wer nach dem geschichtsträchtigen Tag noch Muße hatte, konnte sich dem Gablonz von heute widmen. Die erste Nacht der Kirchen wurde dort veranstaltet. Gelegenheit, Kirchengebäude zu besichtigen, die sonst nur zu Gottesdiensten geöffnet sind.

 

Gablonz heute

 

Zum Thema „Gablonz heute“ passte auch der offizielle Empfang unserer Gruppe im Rathaus der Stadt Gablonz durch den Bürgermeister Tulpa. Und der herrliche Rundblick über die Stadt vom Rathausturm aus. Seit Herbst 2009 gibt es eine Städtepartnerschaft zwischen Kaufbeuren und Gablonz an der Neiße, eine Partnerschaft, die langsam auch im öffentlichen Leben spürbar wird, und die nicht ganz einfach zu bewerkstelligen war. „Letztlich wird es darauf ankommen, ob die Menschen in Kaufbeuren und Jabloneč/Gablonz a. d. Neiße bereit sind, geduldiges Papier zum Leben zu erwecken“, hatte der Vorsitzende des Städtepartnerschaftsvereins gesagt. Als ein lebendiges Bemühen um Frieden und Toleranz wurde unser Besuch auch auf Stadtebene anerkannt und im Rahmen des Empfangs gewürdigt.

Unser Besuch sollte seinen Abschluss und seinen Höhepunkt in der gemeinsamen Eucharistiefeier mit den Mitgliedern der Gablonzer Gemeinde „Kreuzerhöhung“ finden. Spätestens hier Gelegenheit, die bekannten Gesichter wieder zu sehen! Sogar eine kleine Abordnung aus Prag hatte sich auf den Weg gemacht. Diakon Petr Brzobohaty, der Sekretär des tschechischen Bischofs, zelebrierte zusammen mit dem Ortspfarrer Dr. Karel Kolaček und Pfarrer Armin Strenzl einen zweisprachigen Gottesdienst in der sehr gut besuchten Jugendstilkirche. Im Anschluss wurden wir regelrecht verwöhnt mit gutem Strudel und allerlei Leckereien und konnten uns beim Kirchenkaffee trotz sprachlicher Hindernisse begegnen.

Neben bewegenden Erlebnissen und Gesprächen bringen wir auch eine Anregung und gleichzeitig eine Aufgabe mit nach Hause: Die Arbeiten an der Renovierung unserer Kirche in Neugablonz und der Umgestaltung des Altarraums werden im kommenden Jahr beginnen. Dabei werden wir auch neue Fenster einbauen müssen. Genau dazu haben wir einen Entwurf der jungen Künstlerin Jitka Navratilova mitgebracht: „Christi Himmelfahrt“ gestaltet als dreiteiliges Fenster. Mit Zustimmung der Gemeinde und der nötigen Finanzierung wäre die Realisierung dieses Fensters ein starkes und dauerhaftes Symbol der Versöhnung zwischen Gablonz an der Neiße und Neugablonz, symbolische neue Wurzeln für eine zukunftsfähige Freundschaft!

Und so nebenbei haben wir übrigens auch den Papst umgestimmt, zumindest den aus dem Allgäu… Schorsch und Lisa, unser Reisebusteam, waren ihre anfänglichen Bedenken bei dem Wort „alt-katholisch“ nach diesen vier Tagen freimütig und endgültig los.

Die Moral von der Geschicht: Ob historische Narben oder moderne Vorurteile, was uns wirklich verändert und weiter bringt, ist Begegnung.

Corina Strenzl