Nachlese

 

Der 33. Evangelische Kirchentag in Dresden unter dem Thema „…da ist auch dein Herz“ ist mit einem wunderschönen Gottesdienst am Elb-ufer der Altstadt zu Ende gegangen. Es wird gesagt, dass 120.000 Frauen und Männer, Jugendliche und Kinder als so genannte Dauergäste den Kirchentag mitgefeiert haben. Dazu kamen unzählige Menschen als Tagesgäste. Christen wie Nichtchristen. Von einigen wird der Einwand erhoben, dass die Kosten des Kirchentages, nämlich 14 Millionen Euro, nicht zu rechtfertigen seien. Wie dem auch sei, mir persönlich stellen sich die Fragen: Was bleibt, nach dem Kirchentag, vom Kirchentag, in meinen Erinnerungen? Welche Impulse gehen von diesem Kirchentag für das Leben unserer Gemeinden aus? Haben wir uns als alt-katholische Kirche im Kontext der Ökumene genug eingemischt, Präsenz und damit Gesicht gezeigt?

Was mir persönlich in Erinnerung bleiben wird, sind vor allen Dingen zwei Erfahrungen. Am Mittwochabend sitzen wir nach der offiziellen Eröffnung und dem Abend der Begegnung mit verschiedenen Alt-Katholiken bei einem Bier auf der Neustädter Altstadtseite zusammen. Spät machen meine Frau und ich uns zu Fuß auf den Weg in Richtung Altstadt über die Elbe. Schon vor der Albertbrücke kommen uns Menschen entgegen mit Kerzen in den Händen. Je näher wir der Brücke und damit der Elbe kommen, desto mehr Menschen werden es. Sie alle haben Kerzen in den Händen. Meine Frau und ich wurden still, als wir von der Albertbrücke auf die Elbwiesen schauen. Ein einziges Lichtermeer, das hin und her wogte wie Wellen. Es war still und wir hören leise Gesänge. Ich bekomme eine Gänsehaut und Tränen rollen mir aus den Augen, weil ich an die friedliche Revolution des Jahres 1989 denken muss.

Seit 1984 fahre ich regelmäßig nach Dresden. Hier habe ich Freunde gefunden und gerade in den Herbsttagen des Jahres 1989 war ich oft in Gedanken bei ihnen. Bei ihnen, die auf die Straße gingen mit dem Wunsch nach Veränderungen, mit Kerzen in den Händen und den Worten „Wir sind das Volk“ auf den Lippen. In diesen Tagen soll ein hoher Stasi-Offizier gesagt haben: „Wir haben mit allem gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten“. Daran denke ich, als ich das Lichtermeer und die Gesichter der Menschen mit den Kerzen in den Händen sehe.

Was vom Kirchentag bleibt, ist meine Hoffnung und meine Überzeugung, dass auch heute noch Veränderung möglich ist, wenn Menschen gemeinsam mit einer Hoffnung unterwegs sind. Veränderung im gesellschaftlichen, kirchlichen und persönlichen Leben. Summend gehe ich mit meiner Frau über die Albertbrücke. Summend mit dem Liedvers „Sende aus deinen Geist und das Antlitz der Erde wird neu.“ Zufrieden und gestärkt von diesem Abend kehren wir nach Hause zurück.

Es ist Donnerstagabend, Christi Himmelfahrt. In unserer Diakonissenhaus-Kirche, in der wir als alt-katholische Gemeinde seit über 30 Jahren unseren Sonntagsgottesdienst feiern, wird die so genannte Lima-Liturgie gefeiert. Die 400 Sitzplätze reichen nicht aus. Menschen stehen in den Gängen und auf dem Vorplatz. Die Sehnsucht nach Einheit in Verschiedenheit wird deutlich. Ich fühle mich an eine Aussage erinnert, die ich in diesen Tagen zu hören bekam. Sie lautet: „Alle sagten: Das geht nicht. Dann kam einer, der wusste das nicht, und hat es gemacht.“ Durch diese Eucharistiefeier in ökumenischer Verbundenheit wurde deutlich, dass manches schon möglich ist, wenn man es nur wirklich möchte.

Wieder spürte ich die Gänsehaut, als unser Organist Matthias Bertuleit zusammen mit dem Posaunenchor der evangelischen Christus-Gemeinde aus Dresden-Strehlen das Lied „Pilger sind wir Menschen“ anstimmte. Von Strophe zu Strophe wurde der Gesang kräftiger, und aus vollen Kehlen klang der Schlusssatz „Er will mit uns bauen eine neue Welt“. Für mich ein hoffnungsvoller, krönender Abschluss des Festes Christi Himmelfahrt. Zwei Erinnerungen, die bleiben werden im Herzen und in der Seele.

Doch nun frage ich mich, was bleibt pastoral und seelsorglich vom Kirchentag übrig? Was nehmen wir mit für den Gemeindeaufbau in Dresden? Schon Monate vorher wurde darüber gesprochen, wie wir uns als alt-katholische Gemeinde in diesen Kirchentag einbringen können. Unterschiedliche Meinungen stießen aufeinander, gerade bei den Überlegungen, ob wir uns als Gemeinde bei der Feier der Tagzeitenliturgie und dem Nachtcafé beteiligen. Letzten Endes haben wir uns beteiligt und sind dankbar für die Begegnungen und Gespräche mit den Menschen, die zur Feier der Tagzeitenliturgie in unsere Kapelle und zum Nachtcafé in unser Gemeindezentrum kamen.

Beides zeigt mir jedoch, wie unbekannt unsere alt-katholische Gemeinde noch immer in Dresden ist und dass wir als Gemeinde jede Chance und Möglichkeit nutzen sollten, um uns in der Öffentlichkeit bekannter, präsenter zu machen. Wie dies geschehen kann, wird sicherlich eine Hauptaufgabe des Kirchenvorstandes werden, der Ende August neu gewählt wird.

Im Großen und Ganzen fand ich den Kirchentag gelungen. Sicher, das Eine oder Andere hätte noch besser sein können, aber die Erfahrung macht man auch immer wieder. So freue ich mich jetzt schon auf den Katholikentag in Mannheim im kommenden Jahr und auf das Jahr 2013, wo der Evangelische Kirchentag in Hamburg stattfinden wird.

Jens Schmidt