„Religion ist eine heilbare Krankheit“

Persönliche Eindrücke vom Evangelischen Kirchentag in Dresden

 

Gerd Kleber, Gemeindemitglied in Dresden, erzählt mir von einer Frau, die selbstsicher erklärt, dass sie nicht an Gott glaube, dass sie Atheistin sei. Noch im selben Gespräch antwortet sie – angesprochen auf die Katastrophe in Japan: „Da können wir nur noch beten!“

40 Jahre real existierender Sozialismus haben ganze Arbeit geleistet. Noch heute lernen junge Menschen bei der Jugendweihe, dass Religion dem Menschen schadet. In der Straßenbahn begegne ich einem jungen Mann, auf dessen T-Shirt aufgedruckt ist: „Religion ist eine heilbare Krankheit.“

Ich bin davon überzeugt, den Einwohnerinnen und Einwohnern von Dresden tut der Kirchentag gut. Sie können sich davon überzeugen, dass gläubige Menschen keineswegs einen kranken, vielmehr einen glücklichen, engagierten und einstweilen einen begeisterten Eindruck machen. Für die Christinnen und Christen in Dresden, die sich als Minderheit erleben, bieten diese Tage die Chance, sich in der großen Gemeinschaft aufgehoben zu fühlen.

Bundespräsident Christian Wulff mahnt bei der Eröffnungsfeier die Einheit der Kirchen an. Der römisch-katholische Bischof Joachim Reinelt von Dresden-Meißen möchte am liebsten die Kirchtürme der römisch-katholischen Schlosskirche und der evangelischen Kreuzkirche mit einem Banner verbinden, auf dem steht: „Wir sind eins!“ Menschen aus der anglikanischen, der evangelischen und der alt-katholischen Kirche wünschen sich nicht nur Einheit, sondern feiern sie in der gemeinsamen Lima-Liturgie.

 

Bischof Matthias lädt in seiner Predigt ein, die Großherzigkeit Gottes zu verkünden und zu leben. In Jesus Christus sind wir mit Gott versöhnt, durch Jesus Christus sind wir miteinander versöhnt. „Versöhnung“, so unser Bischof, „ist mehr als Vergebung.“ Unter Menschen ist die Bitte um Vergebung Voraussetzung für Versöhnung. Durch die Vergebung aber ist Einheit noch nicht hergestellt, weil Brüche und Verletzungen erst heilen und Schmerzen erst abklingen müssen. Gott gegenüber braucht es in erster Linie das Vertrauen, dass er die Einheit schenkt, die Einheit mit ihm und die Einheit untereinander, Einheit von Menschen ebenso wie von real existierenden Kirchen.

 

Wenn Menschen in der ehemaligen DDR gelehrt wurde, dass Religion krank macht, dann gibt es dafür reale Beispiele. Religion wurde missbraucht als Opium, als Vertröstung auf eine bessere Zeit. Mit Religion wurde Vertrauen erschlichen, Menschen wurden ausgenutzt und missbraucht.

Versöhnte Einheit ist von Gott geschenkt. Versöhnte Einheit schenkt Gott bedingungslos. Versöhnte Einheit will gelebt werden in unserer Gemeinde, in unserer Kirche, in allen real existierenden Kirchen, von Mensch zu Mensch, von Kirche zu Kirche und schließlich auch mit anderen Religionen.

Die Frau, die nicht glaubt und doch betet, die Frau, die sich als Atheistin bezeichnet und keine Rettung weiß außer im Gespräch mit Gott, diese Frau ist eine Suchende, wie es in einem Sinnvakuum wie der ehemaligen DDR wahrscheinlich unzählige gibt. Diese Frau wird Vertrauen zu uns gewinnen, wenn wir nicht kleinkariert Erbsen zählen, sondern wenn wir – angesteckt durch die Großherzigkeit Gottes – versöhnlich und versöhnend miteinander umgehen. Das Vertrauen in Gott hat sie bereits erlangt, ob sie sich seinem sogenannten Bodenpersonal anvertraut, wird von uns abhängen.

In Zelt F2 spricht in unmittelbarer Nähe zu unserem alt-katholischen Stand Heiner Geißler, eingeladen von der „KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche“. Der ehemalige Jesuit und CDU-Politiker mahnt die Gleichberechtigung der Frau in seiner Kirche an. Er kritisiert den Pflichtzölibat und ruft zum gemeinsamen Abendmahl auf. Er erhält begeisternden Beifall. Während ich an unserem Stand mit Menschen im Gespräch bin, höre ich mit halbem Ohr immer wieder die Vokabel „katholisch“. Irgendwann ist meine Unruhe so groß, dass ich unseren Stand verlasse und mich unter die Zuhörerinnen und Zuhörer mische, die zahlreich erschienen sind. Es gelingt mir, das Mikrofon für einen Redebeitrag zu bekommen. Sowohl die Bewegung „Wir sind Kirche“ als auch Heiner Geißler versuchen, die römisch-katholische Kirche zu reformieren. Auch, wenn wir eine kleine katholische Kirche sind, bei uns sind die Wünsche Heiner Geißlers bereits Wirklichkeit. Heiner Geißler lässt meinen Redebeitrag unkommentiert. Zuhörerinnen und Zuhörer aber lassen sich von mir einladen zur ökumenischen Eucharistiefeier am selben Abend. Im Anschluss an die Lima-Liturgie sind es nicht wenige, die sich bei mir bedanken. Sie freuen sich über die gelebte Geschwisterlichkeit, von der sie bisher nichts wussten. Sie sind begeistert von der Predigt unseres Bischofs. Einmal mehr bin ich glücklich und auch stolz, Teil unserer Kirche zu sein.

 

Thomas Schüppen