In Stuttgart lebt die „Full Communion

Anglikaner schenken Alt-Katholiken eine Orgel

 

Ein großzügiges Geschenk konnten die Stuttgarter Alt-Katholiken am Pfingstsonntag entgegennehmen: Die dort ansässige anglikanische Gemeinde übergab ihnen in Gegenwart der Bischöfe David Hamid (London) und Joachim Vobbe (emeritierter Bischof der Alt-Katholiken in Deutschland) eine Pfeifenorgel, die ursprünglich aus England stammt und nun in Stuttgarts Kirche St. Katharina Dienst tun soll. Doch damit nicht genug: Auch das Geld für eine Orgelempore steuerten die Anglikaner bei – alles in allem 80.000 Euro. Begründung: Mehr als fünfzig Jahre dürfen die Anglikaner nun schon die Gastfreundschaft der Alt-Katholiken genießen – Grund genug, ein Zeichen des Dankes zu setzen, wie Reverend Kenneth Dimmick bemerkte.

 

Dabei währt die Geschichte der beiden Gemeinden eigentlich doppelt so lang, nur dass bis zum Zweiten Weltkrieg die Anglikaner Eigentümer des schmucken Gotteshauses am Rande des Stuttgarter Bohnenviertels waren. Diese hatten 1860 von der Tochter einer britischen Reedersfamilie eine Stiftung für den Bau einer Kirche erhalten. 1864 wurde mit dem Bau begonnen, 1865 wurde er fertig gestellt, 1868 erhielt er die kirchliche Weihe. Als dann 1907 – übrigens im zweiten Anlauf – die alt-katholische Gemeinde wiedergegründet wurde, fand der aus diesem Anlass gefeierte Gottesdienst in St. Catherine’s statt. Nach der anfänglichen Nutzung eines Gemeinderaums konnte dann zwei Jahre später, 1909, mit regelmäßigen alt-katholischen Gottesdiensten in St. Catherine’s begonnen werden – ein Umstand, der zur Stabilisierung der jungen Gemeinde beitrug, wie der Chronik zu entnehmen ist. Denn seitdem fanden sich bei den Alt-Katholiken immer wieder Gäste ein, die nach den Gottesdiensten ihren Beitritt erklärten. So haben also auch die Alt-Katholiken allen Grund, ihren anglikanischen Glaubensgeschwistern Dank zu sagen.

 

Eine englische Orgel für die englische Kirche

 

Dies kam dann nach dem Zweiten Weltkrieg zum Ausdruck, als die Alt-Katholiken, die 1951 das total zerstörte Kirchengebäude erwarben und in den Folgejahren wieder aufbauten, den Anglikanern ein ständiges Nutzungsrecht einräumten. Außerdem zeigten die Anglikaner sich glücklich darüber, dass durch den Einsatz der Stuttgarter Alt-Katholiken die Geschichte von St. Catherine’s nicht einfach zu Ende war. Allerdings: Ganz so groß, wie sie ursprünglich einmal war, konnte die Kirche nicht mehr errichtet werden, und eine Pfeifenorgel, die es von Anfang an gegeben hatte, konnte auch nicht mehr eingebaut werden. Stattdessen mussten andere Instrumente zur Gestaltung der Gottesdienste herhalten, zuletzt eine elektronische Orgel, die 2008 ihren Geist aufgab, und ein dreiregistriges Orgelpositiv, das die benachbarte evangelische Leonhardsgemeinde zur Verfügung stellte. 2002 kamen die Anglikaner erstmals auf den Kirchenvorstand der alt-katholischen Gemeinde zu, um ihn für den Erwerb einer „englischen Orgel für die englische Kirche“ zu gewinnen. Doch damals fürchtete man die Folgekosten – schließlich benötigt eine Pfeifenorgel, anders als elektronische Instrumente, eine regelmäßige und nicht ganz billige Wartung. 2007 wiederholte sich die Anfrage – vergebens.

 

Erst als sich auf Vermittlung Reverend Dimmicks ein Orgelsachverständiger und ein Orgelbaumeister ins britische Bridport aufgemacht hatten und diese mit der Nachricht zurückkehrten, es handle sich bei der englischen Orgel um ein wertvolles historisches Instrument, bei dem sich eine Restaurierung auf jeden Fall lohnt und das noch dazu den Bestand historischer Orgeln im Großraum Stuttgart bereichern würde, kam Bewegung in die Sache. Reverend Dimmick schlug vor, das Orgelprojekt als Beitrag der anglikanischen Gemeinde zur seit 2005 laufenden Kirchensanierung zu betrachten. Konkret: Die Anglikaner würden Geld sammeln zum Erwerb des 1902 erbauten Instruments, zu seinem Transport nach Deutschland, zur Restaurierung und zur Errichtung einer Orgelempore in der Katharinenkirche. Im Dezember 2009 stimmte der alt-katholische Kirchenvorstand diesem Angebot zu. Und dann ging es Schlag auf Schlag: Ein runder Tisch mit Vertretern aus beiden Gemeinden, dem Orgelsachverständigen und dem Architekten wurde eingerichtet, ein Vertrag wurde ausgehandelt, das Sanierungsprogramm umgestellt, indem die Bodensanierung vorgezogen wurde, die Anglikaner starteten im Juni 2010 das Orgelprojekt öffentlich und hatten zu diesem Zeitpunkt schon 17.000 Euro gesammelt. Benefizveranstaltungen jeglicher Couleur fanden statt, Ken Dimmick begab sich mehrere Mal auf Amerikatour und kam jeweils mit beeindruckenden Spendensummen wieder zurück, die Orgel wurde von Bridport nach Schwäbisch Hall überführt, wo sie umfassend restauriert wurde, die Orgelempore wurde im Rahmen der Bodensanierung errichtet, und im Mai 2011 konnte Orgelbaumeister Mauch aus Schwäbisch Hall das nun wie neu aussehende Instrument liefern und aufbauen.

 

Über Jahre gewachsenes Vertrauen

 

Viel gegenseitiges Vertrauen war bei diesem mehrjährigen Projekt nötig. Das jedoch konnte vor allem in den letzten Jahren wachsen, als die beiden Gemeinden damit begannen, mehr Gemeinsames zu machen. Das war zum Beispiel 2001 die 70-Jahr-Feier des Bonn Agreements. Es war 2005 die gemeinsame Gründung des Fördervereins „Rettet die Katharinenkirche“. Es war die deutliche Verstärkung gemeinsamer Sonntagsgottesdienste: Seit 2006 finden sie regelmäßig immer dann statt, wenn es im Monat einen fünften Sonntag gibt. Und es war schon immer die gemeinsame Feier des Katharinenfestes. Nun wird die neue alte Orgel ein weiteres Kapitel gemeinsamen Engagements aufschlagen, denn es stehen Orgelkonzerte an sowie die Sorge um einen Orgelerhaltungsfonds, aus dem die anstehenden Wartungskosten bezahlt werden können.

 

Joachim Pfützner