Liturgische Quadratur

 

Es ist schon ein paar Monate her, da kamen zwei adrett gekleidet junge Männer in unsere Kirche und suchten das Gespräch mit mir. Sie haben mir erzählt, dass es Probleme gibt mit dem Gottesdienstort, an dem sie jetzt ihre Gottesdienste feiern, mit der Adelshauserkirche. Diese nämlich ist eine schöne, zentral gelegene Barockkirche, die zweite, die es neben unserer in Freiburg gibt. Es ist die Kirche, in der die Gottesdienste nach dem „außerordentlichen“, dem tridentinischen Ritus in Freiburg stattfinden, also die alten, lateinischen Messen, die auf Wunsch von Papst Benedikt XVI. wieder angeboten werden müssen.

Das Problem sei, dass der Erzbischof von Freiburg diese Gottesdienste eigentlich nicht wolle und deshalb ungünstige Bedingungen schaffe. Dazu gehöre besonders, dass er nur sehr betagte Priester zur Verfügung stelle, die auf jüngere Leute nicht ansprechend wirken könnten. Und das, obwohl sie sehr wohl junge Priester hätten, die gerne bereit wären, die Gottesdienste zu zelebrieren, aber dies dürften nicht.

 

Nun war ich schon etwas verblüfft, als ich erfuhr, warum sie mir das alles erzählten. Sie fragten, ob sie ihre Gottesdienste nicht in unserer Kirche feiern könnten, denn diese sei doch eine sehr schöne Barockkirche, und da wären sie außerhalb des Einflusses des Erzbischofs. Ich war erstaunt, dass sie eine simultane Nutzung überhaupt in Betracht zogen; ich hätte erwartet, dass sie eher das Bedürfnis verspüren würden, die durch uns entweihte Kirche erst einmal neu zu konsekrieren.

 

Ich musste nicht erst lange überlegen, um zu wissen, dass eine solche Kooperation nicht gut gehen könnte. Zu verschieden sind die Vorstellungen und Bedürfnisse der beiden Gemeinden; es würde ständige Diskussionen und Ärger geben. Deshalb habe ich gleich abgewiegelt. Aber nachdenklich gemacht hat mich das Gespräch schon. Ich habe mir überlegt, wie es sein kann, dass Menschen zu diesen Gottesdiensten gehen. Was bringt junge Menschen dazu, einen Gottesdienst regelmäßig zu besuchen, dessen Sprache sie nicht verstehen und dessen Riten in unserer Zeit völlig fremd geworden sind? Was bringt junge Priester dazu, solchen Gottesdiensten vorstehen zu wollen? Sie haben sie ja vermutlich nicht in ihrer Kindheit kennen gelernt und lieb gewonnen.

 

Zwei Antworten fallen mir darauf ein: Die Priester und anderen Gläubigen, die diese Gottesdienste besuchen, meinen es ernst. Die große Ernsthaftigkeit macht das, was da geschieht, glaubwürdig. Das Andere: Gerade die fremde Sprache, die Weihrauchschwaden, der archaische Ritus lassen mehr Raum für die Erfahrung des Geheimnisses, das Gott ist und für uns Menschen immer bleibt. Die einfache Liturgie und der Gebrauch der Muttersprache stellen auch eine Entzauberung dar, die die Illusion stärkt, alles verstehen zu können, selbst Gott. Das aber ist unglaubwürdig und spricht nur den Verstand an, nicht aber das Herz.

 

Die allermeisten Alt-Katholiken, die ich kenne, sind nicht empfänglich für diese Art von Liturgie. Für sie ist wichtig, den Verstand auch in der Kirche nutzen zu dürfen. Deshalb glaube ich, dass sich in unseren Gemeinden Liturgie nur weiter, nicht aber zurück entwickeln wird. Und das Verlangen nach verständlichen, rationalen und theologisch verantwortlichen Predigten wird auch in Zukunft zentral bleiben. Das heißt aber nicht, dass nicht auch in uns das Bedürfnis lebte, im Gottesdienst auch das Geheimnis der Gegenwart Gottes erspüren zu können. Auch wir möchten, dass nicht nur der Verstand, sondern auch das Herz angesprochen wird.

 

Allerdings stellt das unsere Kirche und insbesondere die Geistlichen in ihr vor eine anspruchsvolle Aufgabe. Denn gewöhnlich erreichen Gottesdienste bevorzugt den einen oder den anderen Pol. Der tridentinische Gottesdienst spricht ebenso wie der orthodoxe, aber auch viele freikirchliche Gottesdienste auf sehr unterschiedliche Weise stark das Gefühl an. Evangelische, besonders in der reformierten Ausprägung, richten sich stark an den Verstand mit ihrer liturgischen Schlichtheit und der Betonung des Wortes. Und dann kommen wir daher und wollen beides. Kann das gut gehen?

 

Ich glaube, es kann. Aber einfach ist es nicht. Ich glaube, es ist für uns ebenso notwendig wie für reformierte Christen, dass lebensnah und theologisch klar gepredigt wird und dass die Prediger sowohl fachlich wie lebenspraktisch auf dem Laufenden sind. Und es ist ebenso für uns notwendig wie für die Anhänger der Alten Messe, dass in unseren Gottesdiensten das Geheimnis Gottes gefeiert wird. Aber nicht mit diesen Mitteln. Wir wollen das Geheimnis feiern, ohne entmündigt zu werden.

 

Gelingen kann es nur, wenn wir uns der Mühe unterziehen, in der Kirche und in der Gemeinde zu ringen um die Gestalt der Liturgie, die uns entspricht. Das ist mühsam, weil das, was den Einen anspricht, der Anderen infantil vorkommen kann, während das, was dem Dritten heilig ist, in der Vierten unangenehme Kindheitserinnerungen weckt. Es ist mühsam, weil unsere Gemeinden so verschieden sind. Aber so gelungene neuere Ansätze wie die Lichtvesper zeigen, dass es nicht nur entweder verkopfte, aber seelenlose oder gefühlsselige, aber geistlose Liturgie geben muss.

 

Erheben wir da den Anspruch, den Kreis zu quadrieren? Wohlan, so lasst uns quadrieren! Das hat noch niemand geschafft? Wie wahr, aber schon die Ansätze dazu sind die Mühe wert.

 

Gerhard Ruisch