iÖkumene

80 Jahre versöhnte Verschiedenheit

 

Der Journalist Patrick Beuth analysiert in einem Beitrag für die Frankfurter Rundschau, dass der riesige Erfolg solcher Firmen wie der mit dem angebissenen Apfel als Logo sicherlich daran läge, dass sie früher als andere ahnen würden, welche technischen Entwicklungen zu kulturellen Entwicklungen führen werden. In übertragenem Sinne hat nach meinem Eindruck auch die Form der Kirchengemeinschaft, wie sie mit dem so genannten „Bonn Agreement“ vor 80 Jahren zwischen den anglikanischen und den alt-katholischen Kirchen eingegangen wurde, einen vergleichbaren Charakter: Früher als viele andere Kirchen haben die anglikanischen und die alt-katholischen Kirchen erkannt, dass Kirchengemeinschaft nicht bedeuten kann, dass alle uniform eins werden – was sie ohnehin nie waren – sondern dass die Gemeinschaft auch in Verschiedenheit erlangt werden kann und dass diese Erkenntnis die Zukunft für echte Ökumene ist.

 

Das „Bonn Agreement“: Gemeinschaft selbstständiger Kirchen

 

Kurz und knapp wurde am 2. Juli 1931 in Bonn von Vertretern der Anglikanischen Kirchengemeinschaft und der Alt-Katholischen Kirchen der Utrechter Union in drei kurzen Punkten die Kirchengemeinschaft vereinbart:

1. Jede Kirchengemeinschaft anerkennt die Katholizität und Selbstständigkeit der anderen und hält die eigene aufrecht.

2. Jede Kirchengemeinschaft stimmt der Zulassung von Mitgliedern der anderen an der Teilnahme an den Sakramenten zu.

3. Interkommunion verlangt von keiner Kirchengemeinschaft die Übernahme aller Lehrmeinungen, sakramentalen Frömmigkeit oder liturgischen Praxis, die der anderen eigentümlich ist, sondern schließt in sich, dass jede glaubt, die andere halte alles Wesentliche des christlichen Glaubens fest.

Die Dialogpapiere, die zwischen römisch-katholischer und alt-katholischer, zwischen evangelischer und römisch-katholischer sowie zwischen evangelischer und alt-katholischer Seite in den letzten Jahren veröffentlicht wurden, kommen alle zu dem Schluss, dass die Einheit der Kirche nur in der Herstellung einer Gemeinschaft selbstständiger Kirchen erreicht werden kann. Der Gedanke einer Rückkehr-Ökumene, bei der sich die eine Kirche in die andere zu integrieren habe, um eine Einheit zu erlangen, scheint erledigt.

Vor diesem Hintergrund war die Einigung von 1931, wie bereits eingangs angedeutet, ihrer Zeit weit voraus. Mit ihr wurde die volle kirchliche Gemeinschaft zwischen beiden Kirchen besiegelt. Nach dem gleichen Modell wurde später im Jahr 1965 die Kirchengemeinschaft zwischen der Philippinischen Unabhängigen Kirche und den Alt-Katholischen Kirchen der Utrechter Union geschlossen.

 

Katholiken der ungeteilten Kirche

 

Pierre Whalon, Bischof der Anglikanischen Kirchen in Festlands-Europa (Episcopal Churches in Europe) und gleichzeitig Assistenzbischof des deutschen alt-katholischen Bistums, machte deutlich, dass die alt-katholischen und die anglikanischen Kirchen vieles verbinde. „Wir sind beides Katholiken der ungeteilten Kirche des ersten Jahrtausends“, so Whalon. Dies werde auch durch den ersten der insgesamt drei Sätze der Bonner Erklärung zum Ausdruck gebracht, in der jede Kirche die Katholizität und Selbstständigkeit der anderen anerkenne und die eigene aufrecht erhalten. Dies betonte auch der deutsche alt-katholische Bischof Matthias Ring, der anlässlich des Jubiläums sagte, dass es Auftrag beider Kirchen sei, „einen modernen Katholizismus zu leben, ohne für beide Kirchen wesentliche katholische Traditionen über Bord zu werfen.“

In einem Vortrag bei einer Tagung der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom hatte der Erzbischof von Canterbury und Ehrenoberhaupt der anglikanischen Gemeinschaft, Rowan Williams, Ende 2009 eine weit gefasste Vision der ökumenischen Annäherung der Kirchen vertreten. Williams wörtlich: „Die entscheidende Idee ist folgende: Eine künftig erst wieder neu von uns zu schaffende weltumspannende christliche Gemeinschaft müsste ihrer Natur nach eine Gemeinschaft von selbstständigen kirchlichen Einzelgemeinschaften sein. Sie müsste nicht notwendig eine Institution mit einheitlichen Rechtsstrukturen werden. Und der oberste Repräsentant einer solchen Weltgemeinschaft müsste keineswegs ein autoritäres, zentralistisches Amt inne haben.“

 

Fundamentale und kirchentrennende Streitigkeiten?

 

Erzbischof Williams fragt in seinem Vortrag auch an, ob die Streitigkeiten und Trennungen der Kirchen, unter denen wir Christinnen und Christen noch immer leiden, denn überhaupt noch theologisch gerechtfertigt werden können. Abweichende Ansichten in praktischen Details könnten doch über der Vision einer angestrebten Einheit nicht zu einer dauerhaften Trennung führen. Es sei nicht konstruktiv, wenn sich die verschiedenen christlichen Konfessionen von Unterschieden und Streitigkeiten abhalten lassen würden, sich zu versöhnen und in Predigt und Sakrament ein gemeinsames Zeugnis zu geben.

Williams brachte das Problem dann auf den Punkt mit der Frage: „Ist das, was zwischen unseren Kirchen noch ungeklärt ist, wirklich so fundamental und kirchentrennend, wie es unsere römisch-katholischen Freude immer wieder behaupten? Und wenn nicht: Müsste es uns dann nicht endlich gelingen, die Streitfragen zurückzustellen hinter der umfassenden spirituellen Vision, die wir alle haben?“

 

Den gemeinsamen Weg weiter beschreiten

 

Für mich ist es eine logische Weiterführung des bisherigen Weges der ökumenischen Annäherung, der von der alt-katholischen Kirche beschritten wird, Gespräche mit allen konfessionell getrennten Kirchen guten Willens zu suchen, um dem Ziel einer Einheit in versöhnter Verschiedenheit immer näher zu kommen. Wenn wir glaubwürdig für Frieden und Versöhnung in der Welt eintreten wollen, ist es kein gutes Zeugnis für unsere Botschaft, wenn wir unter den Konfessionen zerstritten bleiben.

Bischof Ring machte in seiner Predigt bei der ökumenischen Lima-Liturgie auf dem Evangelischen Kirchentag in Dresden klar, dass es der kirchliche Auftrag schlechthin ist, Menschen in die Gemeinschaft mit Gott einzuladen. Wir alle seien Gesandte an Christi statt, Botschafterinnen und Botschafter von Gottes Versöhnung. „Die frohe Botschaft ist: Gott eröffnet den Weg zur Gemeinschaft, ohne Vorleistungen zu fordern. Und deshalb sollten wir selber keine Vorleistungen fordern“, so Ring. Dies hätte auch eine Bedeutung für das Abendmahl, die Eucharistie. Auch die Eucharistie ist Teil der Einladung Gottes zur Versöhnung im Sinne der Einladung zur Gemeinschaft. „Wenn das so ist, dann scheint es mir schwer zu rechtfertigen zu sein, wenn Menschen Schranken errichten, die anderen diesen Begegnungsraum verwehren. Sei es, weil sie einer anderen Konfession angehören, oder mit bestimmten Überzeugungen ihrer Gemeinschaft nicht übereinstimmen.“

Sicherlich gäbe es wohlgesetzte Argumente, warum dies so sei. Aber er frage sich, warum es so schwer sei, Gottes Großzügigkeit den Menschen gegenüber selber als Maßstab und Vorbild zu nehmen. Wenn wir Gottes Großzügigkeit zum Maßstab machen würden, dann bräuchte es uns um die Zukunft der christlichen Kirche in unserem Land nicht bange zu sein.

 

Walter Jungbauer