Stärke und Liebe

 

Ich weiß nicht, was Sie über „Jesus Christ Superstar“ denken – falls Sie es überhaupt kennen. In meiner Jugend war mir die Rock-Oper jedenfalls sehr wichtig. An jedem Karfreitag habe ich sie mir als Meditation über Kopfhörer reingezogen. Aus der Distanz von Jahrzehnten muss ich selbst darüber schmunzeln, aber damals war mir das ernst.

 

Auffällig daran: Die wirklich starke Figur in der Rock-Oper ist eigentlich nicht Jesus. Wirklich stark ist Judas. Er spielt Jesus fast an die Wand. Jesus ist sanft und wirkt des öfteren ziemlich überfordert. Aber auch heute noch gehört für mich Jesus Christ Superstar zu den besseren modernen Jesus-Deutungen. Viel schlimmer finde ich die Jesus-Filme von Zefirelli und Co. Nicht nur die Kamera zeichnet da weich. Jesus verkommt da zum schönen Softie. Er ist eigentlich niemand, mit dem ich gerne näher zu tun haben möchte.

 

Die Filmemacher haben wohl nicht das Johannes-Evangelium gelesen. „Du hast ihm Macht gegeben“, heißt es da im 17. Kapitel, im großen Gebet, das Jesus am Ende seines Lebens spricht. In den anderen Evangelien ist von Macht die Rede, wenn Jesus auf den Wolken des Himmels wiederkommt am Ende der Zeiten. Bei Johannes ist diese Macht durchgängig spürbar, von Anfang an, schon vom Anfang der Zeiten an: „Durch das Wort ist alles geworden und ohne das Wort wurde nichts. In dem, was geworden ist, war er das Leben“, so heißt es im Prolog. O ja, „du hast ihm Macht gegeben“, das ist bei Johannes nicht übertrieben.

 

Es geht dabei nicht um eine beschränkte, begrenzte Macht. Selbst die Macht großer, Furcht einflößender Herrscher war begrenzt. Ein Cäsar, ein Dschingis Khan, ein Napoleon, ein Adolf Hitler, sie haben Millionen in Angst und Schrecken versetzt. Aber wie schnell war ihre Macht wieder zu Ende, und immer war sie regional begrenzt. Johannes schreibt nicht nur „du hast ihm Macht gegeben“. Er geht weiter: „Du hast ihm Macht über alle Menschen gegeben.“ Über alle Menschen, ohne Einschränkung in Raum und Zeit!

 

Eigentlich muss man sich da fürchten. Eine solche Macht in der Hand eines Menschen! Ginge es um einen Diktator, um einen Gewaltherrscher oder auch nur um einen Präsidenten, es wäre zum Angst bekommen. Die Geschichte lehrt uns, dass das nicht gut gehen kann. Macht muss kontrolliert werden. Die Gefahr, dass sie sich gegen die Menschen wendet, ist zu groß.

 

Hier allerdings geht es nicht um politische Macht; diese wird nie alle Menschen erreichen. Macht über alle Menschen kann nur Gott verleihen. Und er verleiht diese absolute Macht nur zu einem Zweck, sagt Johannes: Er soll allen, die Gott ihm gegeben hat, ewiges Leben schenken. Nicht um Beherrschen geht es, sondern um Leben, das unzerstörbar ist und niemals endet. Der Tod ist die Grenze, an der jede menschliche Macht zerbricht. Noch jeder Kaiser und jeder Diktator ist bisher gestorben. Und ihre Macht hat nie gereicht, um ihre Anhänger vor dem Tod zu bewahren. Töten ja, das haben sie häufig bestens beherrscht. Aber vor dem Tod bewahren? Dahin hat menschliche Macht noch nie gereicht. Genau für diesen Bereich, an dem noch jeder Mensch gescheitert ist und sich als machtlos erwiesen hat, genau für ihn hat Gott Jesus Macht gegeben. Die größte Macht, die es geben kann. Es ist die Macht der Liebe.

 

Hier kommen zwei Pole zusammen, die wir Menschen nur schwer zusammen denken können. Wir denken entweder „lieb und sanft“ oder wir denken „stark und mächtig“ und verbinden das häufig mit gewalttätig. Aber bei Jesus Christus kommt beides zusammen: Gott stellt ihm die größte denkbare Macht zur Verfügung, die Macht über den Tod. Und Jesus Christus nutzt sie, damit die Menschen leben können. Diese Stärke, die größer ist als die aller menschlichen Herrscher zusammen, sie wird genutzt zum Wohl der Menschen.

 

 

Nein, diese farblosen Jesusfiguren, die lieb sind, weil sie schwach sind, die werden Jesus Christus nicht gerecht. Er ist nicht lieb, weil er schwach ist, sondern er ist stark genug, dass er alle Menschen lieben kann. Er ist stark genug, dass er ihnen ewiges Leben schenken kann. Er ist stark genug, uns da neue Wege zu eröffnen, wo noch alle Menschen gescheitert sind. Denn Gott hat ihm Macht gegeben über alle Menschen.

 

Das hat einen ganz direkten Einfluss auch darauf, wie wir uns selbst sehen und wie wir unsere Kinder erziehen. Schließlich sind wir in die Nachfolge Jesu gerufen. Demut war ein ganz großes Ideal in der Kirche, und Kinder wurden früher vor allem zum Gehorsam erzogen. Dazu waren häufig auch Mittel recht, die geeignet waren, die Persönlichkeit der Kinder zu zerbrechen; es ist noch nicht so lange her, dass Stock und Demütigung allgemein akzeptierte Erziehungsmaßnahmen waren. Wer selbst klein gemacht wurde, wird aber ein ängstlicher Mensch sein, der vor allem sich selbst schützen muss. Um wirklich für andere Menschen da sein zu können, braucht es Freiheit und Größe.

 

Auch heute noch kann man der Sorge begegnen, wenn Menschen sich um ihre Selbstverwirklichung kümmern, würden sie egoistisch, und wenn Kinder nicht mit Strenge erzogen würden, zöge man kleine Tyrannen heran. Aber auch für uns Jünger Jesu heißt das Ziel nicht, dass wir sanft und lieb sein sollen, sondern stark und liebesfähig. So stark, dass wir wie Jesus nicht egoistisch sein müssen. So frei, dass wir unsere Stärke auch für andere Menschen nutzen können.

 

Gerhard Ruisch