Zumutung

 

In der aktuellen Ausgabe des evangelischen Monatsmagazins chrismon setzt sich dessen Chefredakteur Arnd Brummer kritisch mit der römisch-katholischen Kirche auseinander. Da er selbst in seiner Kindheit katholisch erzogen wurde, trägt sein Essay naturgemäß sehr persönliche Züge. Brummers Auseinandersetzung mit der Papst-Kirche findet häufig deutliche Worte. Kernaussage seiner Kritik ist der Vorwurf, in der katholischen Kirche sei er nicht zum eigenen Denken, zur eigenen Auseinandersetzung mit den Rätseln und Widersprüchen des christlichen Glaubens angeregt oder gar ermuntert worden, sondern es sei darum gegangen,„sich als Schaf zu fühlen und einem Oberhirten hinterherzutraben, der allein zu wissen beansprucht, wo es hingehen soll.“ Er beschreibt in seinem Essay „Unter Ketzern“ seine Loslösung von der römisch-katholischen Kirche und wie er den Protestantismus als „Befreiung“ erlebt.

 

Natürlich ist Brummers Essay gerade im Vorfeld des Papstbesuches auf massiven Widerspruch und Entwertung gestoßen. In einem Kommentar des Kölner Domradios wurde sein Artikel als „ökumenisches Störfeuer“ eines Konvertiten abgetan, der sich an seiner katholischen Vergangenheit abarbeite. Ich persönlich bin Brummer sehr dankbar für seine deutlichen Worte, die nicht in wohl gesetzten diplomatischen Phrasen daherkommen. In seiner Auseinandersetzung mit dem Katholizismus ist Herzblut zu spüren. Diese Leidenschaft fehlt in den christlichen Debatten allzu oft, so dass wir uns nicht wundern dürfen, dass Glaubensangelegenheiten heute nur noch als langweiliger theologischer Diskurs erscheinen, für den sich niemand erwärmen kann. Die Hitze religiösen Streits führt natürlich zu unschönen Formen – man denke an den Bildersturm der Reformatoren; aber auch die „Alte Kirche“ des ersten Jahrtausends, auf die wir Alt-Katholiken uns so gern beziehen, ist geprägt von polemischen Kämpfen (Ewald Kessler hat in der letzten Ausgabe von Christen heute zum Beispiel an die „Räubersynode“ von 449 erinnert).

 

Wie das Wortspiel sagt: Leidenschaft schafft Leid, aber diese Passion bewahrt vor Desinteresse und Oberflächlichkeit. Wenn der Kommentator des Domradios dem chrismon-Chefredakteur süffisant vorhält: „Da knabbert wohl einer am Verlust seiner Kindheit“, ist dem zu erwidern, dass dies eine wichtige Aufgabe im christlichen Lebensweg ist. Wo am Kinderglauben festgehalten wird, wo religiöse Zeremonien und Praktiken betrieben werden, ohne hinterfragt zu werden, droht der Glaube in unserer Zeit zu zerbröseln. In derselben Ausgabe von chrismon schreibt auch unser alt-katholischer Bischof Matthias Ring. Sein Plädoyer für ein aufgeklärtes Christsein besagt, dass die Zumutung historisch-wissenschaftlicher Erkenntnisse den Glauben von Christen heute eben nicht gefährdet, sondern im Gegenteil authentisch und belastbar macht: „Ich staune immer wieder, wie wenig davon in der Verkündigung vorkommt. Da höre ich zum Beispiel in einer Predigt, ‚Jesus sagte’, und wir wissen genau, dass es sich dabei um ein Wort des Evangelisten handelt und nicht um ein Jesus-Wort. Oder es wird so getan, als hätten sich kirchliche Institutionen, also auch das kirchliche Amt, nicht entwickelt, sondern seien von Jesus so eingesetzt worden. Meint man, man könne diese Erkenntnisse, den ‚normalen Christen’ nicht zumuten?“

 

Auch diese Worte sind mir aus dem Herzen gesprochen. Wenn Christentum keine Zumutung bleibt, reduziert es sich selbst zum Traditions- und Folkloreverein.

 

Christian Flügel