Diakonische und priesterliche Seelsorge

 

Wenn ich etwas lerne und studiere, will ich es sinnvoll anwenden. 2008 ließ ich mich als Polizeipsychologe mit 60 pensionieren. Während meines anschließenden Theologiestudiums reifte der Wunsch, als Diakon oder Presbyter meiner Kirche zu dienen. Mein Alter sollte nicht hindern, „Presbyter“ bedeutet ja „Ältester“. Doch die Schweizer alt-katholische Kirchenverfassung sagt, mit 65 sei Schluss. Kirchenleitungen, Kommissionen und Klerus stehen vor einer strategischen Schlüsselaufgabe: Funktionen und Aufgaben von Kirche, Diakon/in und Priester/in müssen unter den Zeichen der Zeit spürbar umgestaltet werden. Im Blick auf die Zukunft mache auch ich mir Gedanken zum diakonischen und priesterlichen Dienst. Ich lade Sie ein, der Redaktion oder mir Ihre eigenen Überlegungen zu meinem Text mitzuteilen.

 

Die Welt, in der wir leben

 

Diakonische und priesterliche Seelsorge geschieht in der realen Welt – oder sie geschieht nicht. Die Welt steckt voller sozialer, seelischer und körperlicher Risiken, so war es seit jeher. Doch die Mittel zur Unterdrückung des Menschlichen sind in Umfang und Niederträchtigkeit brutal wie nie zuvor. Viele Menschen sind verunsichert, Ängste und Depressionen nehmen erschreckend zu. Manche leben sorglos drauflos, obschon Bedrohungen häufiger und hinterhältiger werden. Pornografie und Gewaltbilder überschwemmen ganze Kontinente. Stille, sauberes Wasser und reine Luft werden knapper, um sie wird bereits gekämpft. Fundamentalismus und schamlose Raffgier bedrohen Freiheit, Sicherheit und Lebensgrundlagen von Abermillionen. Sittliche Verrohung, narzisstische Selbstinszenierung, Wirtschaftskriege und Umweltkatastrophen werden hingenommen. Abermillionen Menschen anderer Kulturen und Religionen sind unterwegs zu den Honigtöpfen der Welt, sind auf dem Weg auch zu uns.

In Einkaufszentren, an Flughäfen oder Bahnhöfen bündeln sich die leibhaftigen Konsequenzen westlicher Lebensweise. Hier sammeln sich sozial Schwache, Ausgegrenzte, Arbeitslose, Kriegsopfer und Flüchtlinge, Hoffnungs- und Obdachlose – die erstrangigen Zielgruppen zeitgemäßer Seelsorge! Ihnen galt seit jeher die Hauptsorge Christi, ihnen hört er gerne zu, mit ihnen spricht er am meisten.

 

Diakon oder Priester sein in dieser Welt

 

Christus vertraute seine Sendung schwachen Menschen an. Jünger und Apostel waren Handwerker, Fischer, Zöllner, frühere Christenhasser wie Paulus, Feiglinge wie Petrus, Verräter wie Judas. „Die Offenbarung wendet sich vorrangig an die Kleinen und Verachteten“, schreibt Gustavo Gutiérrez. Christus mutet auch uns seine Nachfolge zu. Er stärkt uns durch das Vorbild seiner Hingabe an den Willen des Vaters. Er ist nach Hans Urs von Balthasar „Quelle und Norm priesterlicher Existenz“.

 

Diakon oder Priester sein bedeutet Mitwirken am Priestertum Christi. Die Berufung dazu ist unfassbar, ist Geschenk Gottes. Berufung bewährt sich im seelsorgerlichen Alltag – oder sie ist keine Berufung. Der Weg zur priesterlichen Würde führt durch das Kreuz, durch Zweifel und Krisen hindurch zur Wahrheit. Leidensfähigkeit und Demut kann niemand an einer Hochschule lehren oder lernen. Vor den Zeichen der Zeit ist akademischer Dünkel nur peinlich. „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen“ (Mt 11,25-26).

 

 

Kraftvoll in Schwäche und Leid

 

Theologie lehrt die paradoxale Macht der Schwäche, offenbart den Sinn von Ohnmacht und Leiden. Aushalten oder schweres Leid mit ansehen müssen führt zur Frage Hiobs: Wozu leide ich? Wo bleibt Gott? Bei Unfällen, Katastrophen, Verbrechen oder Suiziden versagen billige Erklärungen, Betroffene erwarten Handfestes. Leidende zeigen oft extreme Reaktionen, die es auszuhalten gilt. Im Elend zeigen sich Begrenztheit und Verlorenheit des Menschen. Dogmatik, Kirchengeschichte, Bibelsprüche, Durchhalteparolen oder Härte – sie helfen nicht aus existenziellen Krisen.

 

Priesterliche und diakonische Existenz und Aufgabe bezeugen das Osterwunder. Wegen Leiden, Tod und Auferstehung Christi vermögen wir selbst in dunkelsten Nächten unseres Lebens noch ein Sinn-Lichtlein zu sehen. Glaube und Sinn lassen sich weder machen noch geben, aber erfahren. Erfahren in stützender Gegenwart spirituell verankerter Menschen, die glaubwürdig sind. Weil sie aus eigenem Erleben heraus die Gewissheit vermitteln, dass wir nie tiefer fallen können als in Gottes Hand. Das nenne ich spirituelle Seelsorge. Die Ludwig-Maximilian-Universität in München widmet Spiritual Care bereits einen eigenen Lehrstuhl.

 

Lebendiger Glaube bedeutet Glaubensgehorsam aus freiem Willen. Glaube bedeutet einzustehen für die sozialen Botschaften des Evangeliums zugunsten benachteiligter Menschen. Pastorale Vorstellungen von Befreiungstheologinnen und -theologen wie dem 1980 erschossenen Bischof von San Salvador Oscar Romero, seinem theologischen Berater Jon Sobrino, wie Dorothee Sölle, Leonardo Boff, Gustavo Gutiérrez oder Leonhard Ragaz leiten mich in meiner Seelsorge hier am Flughafen Zürich.

 

Seelsorge als Zeichen der Zeit

 

Das tradierte Modell von Priestersein ist am Ende. Gläubige durchschauen und meiden pompöse, blutleere Inszenierungen. Priesterinnen und Priester, Diakoninnen und Diakone müssen authentische spirituelle Personen sein, vom Heiligen Geist erfüllt und von den tatsächlichen Zeichen der Zeit berührt. Karl Rahner sagt es so: „Der Fromme von morgen wird ein ‚Mystiker‘ sein, einer, der etwas ‚erfahren‘ hat, oder er wird nicht mehr sein.“ Seelsorgerliche Kompetenz ist kein Bücherwissen, sondern Umsetzen des Glaubens. Mitfühlender Trost steht über angelernter liturgischer Perfektion.

Wer Kranke, Sterbende, Gefährdete oder in Not Geratene begleitet, verwirklicht Seelsorge als humane Denk-, Fühl- und Verhaltensweise. Sie gründet in der Ur-Erfahrung, dass wir alle aufeinander angewiesen sind, dass wir alle des „ganz Anderen“ bedürfen. Jenes Anderen, dessen Name Gott, Jahwe, die Ewige, Allah, Heiliger oder Ich-bin-da ist. Im Hinwenden zum Du begegnet uns Gott – auch in uns selbst.

 

Einstehen für Gott

 

„Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht: Es ist eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt“ (Röm 1,16), mein Konfirmationsspruch. Seelsorgerliches Zuhören, Sprechen und Handeln soll Mitmenschen stärken, ermutigen und auf gute Art herausfordern. Deutliche Ermahnung zu christlicher Lebensführung (auch gegenüber sich selbst) ist oft angebracht. Doch stets soll die Menschenfreundlichkeit Gottes alle Seelsorge sichtbar und spürbar durchdringen, besonders in Gebet und Gottesdienst.

Der Ort der Seelsorge ist dort, wo die Menschen leben, arbeiten und ruhen, wo sie essen, trinken, leiden und sterben. Aufsuchende Seelsorge muss die realen Lebensverhältnisse der Angesprochenen ungefiltert berücksichtigen. Seelsorge vor Ort kann Kirche erlebbar machen als etwas, das über sich selbst hinausweist. Sie befreit Kirchesein aus Zwängen, durch die sich die Kirche von vielen Menschen entfernte. Seelsorge vor Ort kann unmittelbar ansprechen, zunächst ohne Formelles oder Vorgeprägtes. Seelsorge soll lebendig sein, soll dem Leben und damit Gott dienen. Wo solches Kirchesein Realität ist, braucht sich niemand vor der Zukunft zu fürchten.

Christian Buschan