Kathys Vesper in Stuttgart

Der Erfolg einer Idee

 

Vor gut 14 Jahren hatten in Stuttgart zwei eine Idee, und diese Idee lebt immer noch. Der nachmalige Diakon Michael Weiße und der damalige römisch-katholische Obdachlosen- und Aidsseelsorger Petrus Ceelen machten sich Gedanken darüber, wie man Jesu Gebot, Arme zu speisen und Hungrige zu sättigen, in die Tat umsetzen könnte.

 

So wurde „Kathys Vesper“ geboren, benannt nach der Stuttgarter Kirchenpatronin St. Katharina.

 

Die Seele und den Körper nähren. So war von Anfang an das Konzept, das sich unverändert über fast eineinhalb Jahrzehnte bewährt hat. Pünktlich um 17.17 Uhr beginnt an jedem letzten Sonntag eines Monats eine ökumenische Andacht. Geistliche verschiedener Konfessionen, von Alt-Katholiken bis zu Methodisten, singen und beten mit den Kirchenbesuchern und geben in der Predigt Hilfe und Richtschnur für den Alltag.

Danach drängen sich die rund vierzig Gäste in den „Ökumenesaal“, den Gemeindesaal, der sich unmittelbar an die Kirche anschließt und mit dieser durch eine Doppeltüre verbunden ist. Dort erwarten sie edel gedeckte Tische mit je vier Plätzen mit weißen Porzellantellern und richtigem Besteck. Kleine Blumensträuße sind das ästhetische I-Tüpfelchen. Mehrere Gemeindemitglieder bedienen die Gäste, die die familiäre Atmosphäre offensichtlich genießen und sich zum Teil schon lange kennen.

Rund zwei Jahre nach der Gründung von Kathys Vesper, also 1999, übernahm das Gemeindemitglied Erika Andert die Verantwortung und damit den größten Teil der Arbeit, bis ihr das vor drei Jahren langsam zu viel wurde und sie sich zurückzog, was aber nicht heißt, dass sie Kathys Vesper nicht weiterhin verbunden ist. Sie liefert jeden Monat für die vielen Gäste Nudel- oder Kartoffelsalat.

 

Seit 2009 steht Elisabeth Schäffner-Singer in der Verantwortung, unterstützt von vier oder fünf anderen Ehrenamtlichen der Gemeinde, die zum Teil schon etliche Jahre helfen. Sie kaufen und servieren dann zum Salat mindestens neun große Brote verschiedener Art, Butter, Wurst und Käse. Für jeden Einzelnen richten sie einen liebevoll dekorierten Teller her; bei Bedarf erfolgt sofort Nachschub. Zu trinken gibt es Kaffee und Tee, und gekrönt wird dieses Mahl – fast möchte man Festmahl sagen – von selbst gebackenem Kuchen.

Die meisten Gäste sind schon in einem etwas gehobenen Alter. Menschen, die dem Klischee vom „typischen Penner von der Straße“ entsprechen, kommen nicht. Auf den ersten Blick fällt nichts Besonderes auf. Erst bei genauerem Hinsehen offenbart sich die Bedürftigkeit. Armut versteckt sich gern! Da ist zum Beispiel die Rentnerin, die schon bessere Tage gesehen hat. Ihre kleinen Bezüge sind oft zu wenig zum Leben, und einmal im Monat freut sie sich, im Ökumenesaal auch aus der Isolation und Einsamkeit ihres Alltags ausbrechen zu können.

 

Viele bekunden in persönlichen Gesprächen, wie gut ihnen die Verbindung von seelischer und körperlicher Nahrung tut. Allerdings darf die Andacht nicht zu lang sein, denn der Magen knurrt. Nach dem Schlusssegen wird der Ökumenesaal regelrecht gestürmt. Im Gespräch nach dem Essen lässt dann der Eine oder Andere auch seinen Sorgen freien Lauf oder berichtet von seinen Gebrechen.

Dass sie in einer alt-katholischen Kirche sind, wissen alle. Was aber „alt-katholisch“ im Detail bedeutet, ist nur wenigen klar. In jedem Fall wissen und spüren sie, dass engagierte Christinnen und Christen sich in ihrer Verantwortung gegenüber Gott und den Menschen ihrer annehmen. Leiblich und seelisch gesättigt machen sie sich mit frohgemuten Gesichtern gegen 19 Uhr auf den Nachhauseweg.

Sie hinterlassen viel Aufräumarbeit und müde Helferinnen, die schon bald darauf wieder an das nächste Vesper denken.

Natürlich darf man nicht vergessen, dass diese Armenspeisung trotzt unentgeltlich geleisteter Arbeit Bares kostet, denn die Lebensmittel müssen ja gekauft werden. Auf Grund der Großherzigkeit der Arbeitsgruppe entfällt nur rund die Hälfte der Kosten auf die Gemeinde. Immer wieder ist auch die Sonntagskollekte Kathys Vesper gewidmet.

 

Dieter Schütz