Kirche auf dem Strich

Das Café-Strich-Punkt-Projekt in Stuttgart

 

Wer in Stuttgart vom Stadtzentrum her die alt-katholische Kirche aufsucht, wird schnell feststellen, dass diese mitten im Rotlichtmilieu liegt. Man braucht dazu nicht einmal von der Wegstrecke, die über den Marktplatz und unter der „Stadtautobahn“ B14 hindurch entlang des Züblinparkhauses führt, abzuweichen, um die Prostituierten zu treffen. Sie stehen sowohl unterhalb der Kirche an der Katharinenstraße als auch direkt am Rande des Kirchenvorplatzes, der in die Olgastraße mündet. Sonntagmorgens, zur Gottesdienstzeit, sind sie natürlich noch nicht zu sehen. Dafür aber finden sich in der Wiese vor dem Gemeinderaum immer mal wieder Spuren, die auf die Prostitution hinweisen: achtlos weggeworfene Einwegspritzen und teilweise blutige Tempotaschentücher.

 

Wie alles begann

 

Als vor bald fünfzehn Jahren Kinder, die während des Kirchenkaffees auf der Wiese vor der Kirche herumtollten, ihren Eltern im Ökumenesaal solche Spritzen präsentierten, reagierten diese entsetzt und forderten, etwas dagegen zu tun. Natürlich nahmen sie an, dass Pfarrer und Kirchenvorstand sich mit dem Ordnungsamt in Verbindung setzten, was auch geschah. Aber Thomas Walter, der zu dieser Zeit Pfarrer in Stuttgart war, wollte sich mit diesem Schritt allein nicht begnügen. „Die Spritzen erzählen uns ja Geschichten über die Menschen, die sie benutzt haben“, erklärte er den Gemeindemitgliedern. Zusammen mit dem damaligen diakonischen Mitarbeiter und heutigen Diakon Michael Weiße entwickelte er ein Konzept, mit dessen Hilfe die Gemeinde sich der Verantwortung bewusst werden konnte, die sich aus ihrer Lage im Rotlichtmilieu ergab. Kontakte zum Gesundheitsamt entstanden ebenso wie zur Obdachlosenarbeit der Caritas und zur Aidshilfe Stuttgart. Im Rahmen mehrerer Sonntagspredigten brachten Ordensschwester Margret und Aidsseelsorger Petrus Ceelen den Stuttgarter Alt-Katholiken ihre Klientel näher. Dabei stellte sich heraus, dass für die Prostituierten bereits eine ganze Menge getan wurde. Jedoch nur für die Frauen. Daneben aber gab es eine nicht unerhebliche Zahl männlicher Prostituierter, für die es in Stuttgart damals keine vergleichsweisen Angebote gab.

So entwickelte sich in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt und der Aidshilfe die Idee einer Anlaufstelle für Stricher. „Café Strich-Punkt“ sollte sie heißen. Und Raum bekommen sollte sie im Gemeindezentrum der Alt-Katholiken. Vorerst einmal wöchentlich sollte das Café geöffnet sein: Montagnachmittags, zwischen 16 und 20 Uhr. Wie aber an die Stricher herankommen? Wie ein Vertrauensverhältnis zu ihnen aufbauen, sodass sie den schwierigen Schritt über die Kirchenschwelle schaffen? Es war klar, dass Ehrenamtliche allein damit überfordert waren. Schließlich ging es darum, sich spätabends zu den Strichern auf die Straße zu begeben und ihnen Beratung anzubieten. Das konnten nur Fachleute tun. Die Aidshilfe Stuttgart war bereit, dafür eine Teilzeitstelle einzurichten. Die Alt-Katholiken entschlossen sich fürs erste, die bereits bestehende ABM-Stelle einzubringen – Michael Weiße hatte sie inne. Ein Kooperationsvertrag wurde ausgehandelt, und die Arbeit konnte beginnen. Das Café Strich-Punkt war geboren.

 

Ein Förderverein wurde gegründet

 

Für den Kirchenvorstand war die Arbeit damit aber noch nicht getan. ABM-Stellen waren ja zeitlich begrenzt. Und so musste man sich Gedanken machen, wie es nach Ablauf der Maßnahme weitergehen konnte. Die Gemeinde jedenfalls hatte kein Geld, um dauerhaft eine Stelle zu finanzieren. Naheliegend war deshalb die Idee eines Fördervereins. Schon bald wurde er aus der Taufe gehoben und mit einem signifikanten Namen ins Vereinsregister eingetragen: „Verein zur Förderung von Jugendlichen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten.“ In und außerhalb der Gemeinde wurde kräftig um Mitgliedschaft geworben – schließlich musste das Geld für eine 75-Prozent-Stelle zusammenkommen. Dass dies dann möglich wurde, lag allerdings nicht nur an den Mitgliedsbeiträgen. Der emsige Vorstand entwickelte sich im Laufe der Jahre – zeitweise auch unter professioneller Anleitung – zu einer wirksamen Fundraising-Einrichtung.

 

Erster Höhepunkt dieses Unternehmens wurde eine zweijährige Förderung durch das Diakonische Werk der EKD. Damals wurde das Projekt Café Strich-Punkt erstmals auch für den Sozialpreis Innovatio nominiert, mit dem der Deutsche Caritasverband und das Diakonische Werk der EKD alle zwei Jahre zukunftsweisende soziale Projekte in Deutschland auszeichnen. Allerdings reichte es beide Male – 2009 gab es eine erneute Nominierung – nur zu einem Trostpreis. Doch die Nominierung winkt nicht allein mit finanziellen Vorteilen. Sie sorgt auch dafür, dass die nominierten Projekte in den Fokus der Öffentlichkeit kommen. Neue Spendenquellen taten sich auf. Aus der 75-Prozent-Stelle wurde eine 85-Prozent-Stelle. Das Café Strich-Punkt konnte seine Pforten nun zweimal wöchentlich öffnen. Außerdem erhielt es für weitere zwei Jahre eine Förderung durch das Diakonische Werk Württemberg. 2005 brachte der Amos-Preis der Fraktion „Offene Kirche“ in der Synode der Evangelischen Landeskirche Württemberg 2.500 Euro und neue Aufmerksamkeit, zumal die bei der Preisverleihung anwesenden SPD-Politiker Wolfgang Thierse, damals Bundestagspräsident, und Erhard Eppler zahlreiche Medienvertreter anzogen.

 

Ausweitung zur Internetberatung

 

Trotzdem: Immer dann, wenn Förderungen ausliefen, war das Projekt gefährdet. Und neue Fördermittel gab es nur, wenn innerhalb des Projektes Neues angestoßen wurde. Eine dieser neuen Ideen wurde schließlich der Aufbau einer Internetberatung, für die der Vereinsvorstand Mittel aus der „Aktion Mensch“ gewinnen konnte. Dazu musste eine geringfügig beschäftigte Sozialarbeiterin eingestellt werden. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen anderer Stricherprojekte konnte ein bundesweites Beratungsnetz geknüpft werden, das von Stuttgart aus koordiniert wird. Fünf Jahre ist es nun schon in Betrieb.

 

Ein weiterer Anstoß war die Einrichtung einer gemeinsamen Anlaufstelle für männliche und weibliche Prostituierte. Dadurch wurde es möglich, nach zwölfjähriger Arbeit endlich geeignetere Räumlichkeiten zu beziehen. Denn im Ökumenesaal der alt-katholischen Kirchengemeinde gab es weder Platz zur Beratung noch die Möglichkeit zum Duschen. Und die kleine Küche im Keller erlaubte keine größeren Kochunternehmen, obwohl das gemeinsame Essen zu den grundlegenden Angeboten für die Jungs gehörte. Die Idee dazu kam von der Stadt Stuttgart, bei der sich der Verein seit Jahren um eine Förderung bemüht hatte. Diese wurde nun zugesagt und Ende 2009 realisiert.

Auch in den neuen Räumen, für die die Stuttgarter Caritas die Trägerschaft übernommen hat – sie ist auch Trägerin des Projekts Café La Strada, das den weiblichen Prostituierten gewidmet ist – bleibt das Café Strich-Punkt eine selbstständige Einrichtung und mit dem Namen der alt-katholischen Kirchengemeinde verbunden. Diese beherbergt seit 2010 im „Café Katharina“ eine Anlaufstelle für ältere Stricher, die im harten Wettbewerb der Straße kaum noch Möglichkeiten haben ins Geschäft zu kommen. Hier sind es ausschließlich Ehrenamtliche, die das Angebot aufrechterhalten. Fachlich unterstützt werden sie von den beiden Sozialarbeiterinnen, die nunmehr zu je 50 Prozent vom Verein angestellt sind. Wie lange diese gute personelle Lage anhält, kann allerdings niemand sagen. Nach wie vor ist sie abhängig von Fördermitteln, die jeweils nur für eine begrenzte Zeit zur Verfügung stehen. So bleibt das Café Strich-Punkt für Kirchengemeinde und Trägerverein ein Abenteuer, auf das aber beide sich gern und vertrauensvoll einlassen.

 

Joachim Pfützner