Erwartungen an den Papstbesuch?

 

Im Vorfeld des Papstbesuches in Deutschland startete eine bekannte theologische Wochenzeitung unter ihren Leserinnen und Lesern eine Umfrage: „Was erwarten Sie persönlich vom Papstbesuch?“ „Nichts!“ war meine spontane Antwort. Denn was ich von einem anderen Menschen erwarte, hat viel mit dem zu tun, was ich mit ihm bereits erfahren habe.

 

Als dieser Papst gewählt worden ist, habe ich mit einer Freundin die Nacht durchgeheult. Die Erfahrungen, die ich oder Menschen, die mir nahestehen, mit Josef Ratzinger gemacht haben, sind durchweg negativ.

Er war es, der 1995 als oberster Glaubenshüter der römisch-katholischen Kirche die Nichtzulassung der Frauen zum Amt, die Papst Johannes Paul II. 1994 im Apostolischen Schreiben Ordinatio Sacerdotalis bekräftigt hatte, nachträglich quasi zum Dogma erklärte. Er war es, der inspirierenden Theologen und Theologinnen ohne ernsthafte Auseinandersetzung mit ihrer Lehre die Lehrerlaubnis verweigerte und so mit einem Federstrich universitäre Laufbahnen zerstörte - lediglich mit dem Hinweis, dass sie die päpstliche Lehre zu wenig berücksichtigten. Er war es, der in der Erklärung Dominus Jesus den evangelischen Kirchen erneut ihr Kirchesein absprach. Von diesem Kurs ist er auch als Benedikt XVI. nicht abgewichen. Die Wahrnehmung der Berufung von Frauen, die Freiheit der universitären Lehre, die Ökumene mit den Kirchen der Reformation, die ernsthafte Auseinandersetzung mit Sexualität aber sind genau die Themen, die anstehen und unter den Nägel brennen. Das sind keine Randthemen. Es sind Fragen, die direkt hineinführen in das menschliche Leben. Ihre unterschiedliche Beantwortung lässt die Kluft zwischen Kirche und Gesellschaft immer weiter aufreißen.

 

Sicher, es sind alles Themen, die wir in der Alt-katholischen Kirche weitestgehend bearbeitet haben. Der Papstbesuch könnte mir als alt-katholischer Pfarrerin also herzlich egal sein. Das ist er aber nicht. Es wäre kurzsichtig so zu denken. Wir sitzen als Kirchen alle in einem Boot. Wir werden gemeinsam wahrgenommen oder überhaupt nicht. Wir verlieren insgesamt in unserer Gesellschaft tagtäglich an öffentlicher Präsenz und an Gehör - nicht zuletzt deshalb, weil Kirche immer mehr als Sonderwelt erlebt wird, die nur noch Ausschnitte der Gesellschaft anzusprechen vermag. Die Kirchen sind buchstäblich nicht mehr gefragt als Gesprächspartnerinnen, die zu den ersten und letzten Fragen des Lebens etwas zu sagen haben.

 

Wenn der Papst Deutschland besucht, dann ist das auch eine Chance, die Frage nach Gott heute in unserer Gesellschaft wieder so zu stellen, dass sie Menschen berührt und zum Nachdenken bringt. „Die Gottesfrage wach zu halten,“ so heißt es in einer Presseerklärung der Deutschen Bischofskonferenz, „sieht Papst Benedikt XVI. als eine der zentralsten Aufgaben seines eigenen Dienstes.“ Dazu müsste er aber erst mal wirklich zuhören, ohne gleich schon Antworten vorzuschreiben, und die gesellschaftliche Wirklichkeit ernst nehmen, ohne sie gleich zu verteufeln. Diese pauschale Verurteilung der Gesellschaft als säkular, individualistisch und relativistisch lässt die „säkularen“ Menschen vor den Kirchentüren allein. So stehen die Kirchen in Gefahr zu nichts mehr Anderem gut zu sein als zur bloßen Folklore in den Vorabendserien. Und ebenso inhaltslos ist der erschreckend medienwirksame Personenkult, der bei den Weltjugendtagen in dem Ruf „wir sind die Jugend des Papstes“ einen neuen Tiefpunkt fand.

 

Ich erwarte also nichts von dem Papstbesuch und erhoffe doch viel:

Nämlich dass Bilder, die man sich voneinander gemacht hat, gestört werden und Bildstörungen wahrgenommen werden. Die deutsche Gesellschaft ist meines Erachtens in besonderer Weise in der Lage die päpstlichen Bilder zu stören: Die kirchliche Landschaft ist bei uns wie kaum sonst in Kontinentaleuropa geprägt durch eine Vielzahl von Kirchen, die friedlich und kooperativ zusammenwirken. Im diakonischen Bereich arbeiten katholische und evangelische Einrichtungen bereits vielerorts Hand in Hand. Sowohl in den evangelischen Landeskirchen als auch in der alt-katholischen Kirche gibt es Frauen, die in allen Bereichen des kirchlichen Lebens ihre Charismen einbringen und damit die tradierten Frauenbilder stören und aufbrechen. Außerdem gibt es in Deutschland mutige Hochschullehrerinnen und -lehrer, die in einer gemeinsamen Erklärung Anfang des Jahres die Freiheit der Lehre, aber mehr noch die Freiheit des Glaubens in Anspruch genommen haben, um auf den Reformbedarf der Römisch-katholischen Kirche hinzuweisen.

 

Ich hoffe, dass die Menschenmassen nicht nur einem mehr oder weniger gütig lächelnden, aber für ihr Leben völlig irrelevanten Papst zujubeln, sondern auch laut und vernehmlich ihre Fragen und Anfragen artikulieren und ihre gesellschaftliche Wirklichkeit ins Gespräch bringen. Ich hoffe auf einen Papst, der sich als würdiger Vertreter der christlichen Kirchen erweist und diese Fragen nicht abblockt, sondern sie als Sehnsucht nach Wahrheit und als Stimmen der Gerechtigkeit ernst nimmt und mit den schon genannten kritischen Stimmen und den verschiedenen Interessenvertretungen das Gespräch sucht. Ich hoffe auf Gespräche, die mehr sind als oberflächliches Geplänkel und Bestätigung von Vorurteilen. „Wo Gott ist, da ist Zukunft“ so lautet das Motto des Papstbesuches in Deutschland. Ich kann nur hoffen, dass Menschen dadurch tatsächlich wieder neugierig werden und in die Kirchen kommen und fragen: „Was für eine Zukunft erwartet Ihr denn?“

Wenn Christen heute erscheint, wird der Papstbesuch schon hinter uns liegen. Ich bin gespannt, welche Hoffnungen sich dann erfüllt haben werden und welche nicht.

 

Henriette Crüwell