Alles nur abgeschrieben!

Was machen eigentlich… Hubert Huppertz und das Döllingerprojekt?

 

Vor Jahren berichtete „Christen heute“ hin und wieder über ein Projekt des in Alverskirchen bei Münster lebenden Priesters Hubert Huppertz: die Übertragung von Briefen an und von Döllinger aus der Handschrift in die Druckschrift, Transkription genannt. Wie steht es eigentlich mit diesem Projekt und den Transkripten? Angela Berlis, die seit vielen Jahren mit Hubert Huppertz zusammenarbeitet, führte kürzlich für die Leserinnen und Leser von „Christen heute“ ein Gespräch mit ihm.

AB: Sie wurden 1992 alt-katholisch und schon zwei Jahre später begannen Sie mit der Transkription von Briefen an und von Ignaz von Döllinger. Wie kam es dazu?

HH: Der atemberaubende Auftakt war, dass ich Zugang bekam zu Döllingers Familiennachlass bei der Witwe Döllinger in Unterwössen, oberhalb des Chiemsees. Der damalige Rosenheimer Pfarrer Bernhard Heitz machte mich darauf aufmerksam, dass es eine Nachfahrin Döllingers in seinem Gemeindegebiet gebe, die eine Holzkiste voller handgeschriebener Briefe und Dokumente der Familie Döllinger besitze.

 

AB: Das klingt wie eine Schatzsuche.

HH: In der Holzkiste fanden sich viele Dokumente zu Döllingers Vater, Medizinprofessor in Würzburg und München, die Korrespondenz Ignaz Döllingers mit seinen Brüdern, seiner Seminarliebe Caton Raolino und einigen Cousinen. Innerhalb eines halben Jahres habe ich den gesamten Familiennachlass transkribiert.

Der gemeinsame Besuch mit Pfarrer Heitz bei Frau Döllinger führte dazu, dass Frau Döllinger nach kurzer Zeit diesen kostbaren Nachlass dem Bischöflichen Archiv in Bonn schenkte.

 

AB: Damals sind Sie auf den Geschmack gekommen?

HH: Der nächste Schritt führte in die Bayerische Staatsbibliothek München, bei der sich seit 1942 der Münchener Nachlass Döllingers befindet. Angesichts des dort vorhandenen Materialbergs war deutlich, dass es unmöglich sein würde, schnell eine Döllingerbiographie zu schreiben. Ich entschloss mich, alle Briefe und wichtigen Dokumente zu transkribieren.

 

AB: Ich erinnere mich sehr gut an diese Zeit, als Sie nach München fuhren und im Gartenhaus der dortigen Gemeinde wohnten.

HH: Im August 1994 arbeitete ich einen Monat lang über acht Stunden am Tag bei größter Hitze in der Staatsbibliothek. Auf diese Weise habe ich 800 Seiten abgeschrieben. Schon bald war mir klar, dass ich diese Art zu arbeiten nicht lange durchstehen würde. Deshalb ging ich dazu über, die wichtigsten Korrespondenzen fotografieren zu lassen.

 

AB: Am Anfang war man Ihnen gegenüber zurückhaltend. Das lag wahrscheinlich an der Größe des Unterfangens.

HH: Richtig. Aber nachdem ich ziemlich schnell Resultate vorlegte, wurden die Briefe von der Staatsbibliothek dienstlich verfilmt. Es war damals der zweitgrößte Verfilmungsauftrag in der Geschichte der Staatsbibliothek, nach der Verfilmung des Nachlasses von Franz Josef Strauß.

 

AB: Können Sie Genaueres über den Umfang sagen?

HH: Döllinger stand mit mehr als 1550 Briefpartnern (unter ihnen etwa 110 Frauen) in Briefwechsel. Die Korrespondenzen waren unterschiedlich intensiv, von vielen Briefpartnern liegt nur ein Brief vor, von etwa 20 Briefpartnern liegen bis zu 80 Briefe im Nachlass. Sie sind in insgesamt acht Sprachen geschrieben: auf Deutsch, Niederländisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Portugiesisch und Lateinisch.

 

AB: Das ergibt eine Riesenmenge an Briefen. Es zeigt, wie gut vernetzt der Theologe und Kirchenhistoriker Döllinger war!

HH: Sehr gut vernetzt. Und außerordentlich geschätzt wegen seiner hohen Gelehrsamkeit. Das zeigt auch der Inhalt der Briefe, in denen oft kirchenpolitisch höchst aktuelle und brisante Fragen behandelt werden.

 

AB: Wir reden über Briefe an Döllinger, aus denen man einiges erfahren kann über Döllingers Standpunkt. Wo sind denn seine Briefe?

HH: Döllingers eigene Briefe befinden sich bis auf wenige Ausnahmen nicht in München, sondern schwirren in der ganzen Welt umher. Heute kennen wir wahrscheinlich nicht einmal ein Viertel der von ihm geschriebenen Briefe. In der vorbildlichen Edition der Briefwechsel zwischen Döllinger und Lord John Acton und Döllinger und Lady Charlotte Blennerhassett durch Victor Conzemius finden sich die meisten bisher bekannten Döllinger-Briefe.

 

AB: Nachdem die Briefe transkribiert waren, haben Sie die Feder aber nicht aus der Hand gelegt…

NB: Nein. Der Döllinger-Nachlass enthält weitere wichtige Dokumente: So finden sich dort zum Beispiel seine „Zeitgeschichtlichen Notizen“ aus den Jahren von 1859 bis 1889, Aufzeichnungen über welthistorische Ereignisse und Entwicklungen, Lokalhistorisches, Kirchenpolitisches, Kurioses, das Döllinger für bemerkenswert hielt.

 

AB: Sie zeigen sein außerordentlich breites Interesse für ganz unterschiedliche historische, politische und kulturelle Entwicklungen seiner Zeit.

HH: Auch ein Großteil seiner Vorlesungsmanuskripte ist erhalten. Deren Transkription habe ich letztes Jahr abgeschlossen. In meinem Computer haben sie einen Umfang von 1199 Seiten. Bevor ich mit der Transkription begann, musste ich erst die private Kurzschrift Döllingers lesen lernen.

 

AB: Damit sind Sie zurzeit wahrscheinlich der einzige Mensch, der Döllingers Kurzschrift genauso flott lesen kann wie er selbst. Das hört sich nach einem unglaublichen Arbeitspensum an, das Sie seit etwa 18 Jahren leisten! Hören Sie jetzt auf, nach so viel getaner Arbeit?

HH: Ich habe mich entschlossen, die ursprünglich geplante wissenschaftliche Döllingerbiographie nicht mehr zu schreiben. Dazu fehlt mir die Kraft. Das lege ich gerne in jüngere Hände.

Außerdem halte ich die Biographie von Johann Friedrich, erschienen in den Jahren 1899 bis 1901, noch immer für die beste Darstellung. Für Döllingers letztes Lebensdrittel liegt seit einigen Jahren zudem die vorzügliche Arbeit des Münchener Kirchenhistorikers Franz Xaver Bischof vor. Mit seiner Darstellung und Deutung bin ich weitgehend einverstanden. Er erkennt Döllinger rückhaltlos als führenden Vertreter einer historisch bestimmten Theologie an. Döllingers Verhältnis zum Alt-Katholizismus hingegen hat Professor Bischof meines Erachtens noch nicht richtig verstanden.

 

AB: Wie soll es weitergehen?

HH: Seit März diesen Jahres bin ich eingestiegen in ein anderes Projekt: die Transkription der Korrespondenz des ersten christkatholischen Bischofs Eduard Herzog. Sie ist aufbewahrt in über 60 Kopialbüchern des Bischöflichen Archivs der Christkatholischen Kirche der Schweiz. In diesen Kopialbüchern hat Bischof Herzog seine eigenen Briefe an Dritte durchgeschrieben. Unter Federführung von Prof. Dr. Urs von Arx (Bern) wurden diese Kopialbücher 2005 digitalisiert. An diesem Projekt arbeitet seit mehreren Jahren u.a. auch Dr. Ewald Kessler (Leimen) mit. Seit März habe ich schon etwa 1100 Briefe aus den Jahren 1898 bis 1901 transkribiert.

 

AB: Was ist ihr Fazit nach diesen ersten Monaten?

HH: Nach der intensiven Beschäftigung mit dem Ersten Vatikanum und der dadurch ausgelösten alt-katholischen Bewegung entdecke ich jetzt die bis in die ‚Neue Welt’ reichenden Entwicklungen des Alt-Katholizismus um die Wende zum 20. Jahrhundert, in denen die imponierende Gestalt Eduard Herzogs eine wesentliche Rolle spielt.

 

AB: Viel Spaß auf dieser Reise und vielen Dank für das Gespräch.

 

Angela Berlis

 

Eine Rezension des Buches von Franz Xaver Bischof, Theologie und Geschichte (Stuttgart 1997) durch Hubert Huppertz findet sich in der Internationalen Kirchlichen Zeitschrift 89 (1999), S.45-62.