Alt-katholische Diakonie

Selbst diakonisch denken und handeln

 

Ich lebe hier in der Caritas-Hauptstadt. Freiburg ist natürlich Sitz eines diözesanen Caritasverbandes – der Diözesan-Caritasdirektor ist ein Studienkollege und war zuvor mit mir Ministrant in derselben Gemeinde. Aber in Freiburg ist auch die Zentrale von Caritas Deutschland und der Hauptsitz der Caritas Internationalis. Außer ihren Zentralen unterhalten die Caritas-Verbände der Römisch-katholischen Kirche hier auch verschiedene Tagungshäuser und Fortbildungsstätten. Zu Recht weist die Römisch-katholische Kirche ebenso wie die Evangelische Kirche mit ihren Diakonischen Werken auf die vielfältige Hilfe hin, die in den Einrichtungen von Caritas und Diakonie sowohl auf lokaler wie überregionaler Ebene geleistet werden. Eine Nächstenliebe, die nicht nur dem Menschen gilt, der mir gerade zufällig begegnet, sondern die gut organisiert ist, kann viel für Menschen bewirken.

 

Geht man dagegen beim Stichwort „Alt-katholische Kirche“ in Wikipedia auf die Diskussionsseite, da fällt folgender Eintrag auf: „Über die Theologie der alt-katholischen Kirche weiß der Artikel eine ganze Menge zu berichten, über die soziale und politische Ausrichtung finde ich darin leider nichts. Das finde ich schade.“ Tatsächlich liest man dort wie in den meisten anderen Veröffentlichungen wenig über Caritas oder Diakonie in der Alt-katholischen Kirche. Christen heute nimmt das zum Anlass, Pfarrer Klaus Rudershausen aus Wiesbaden, den Vorsitzenden der Alt-katholischen Diakonie in Deutschland, zu befragen.

 

Gespräch mit Klaus Rudershausen

 

Herr Rudershausen, als Vorsitzender der Alt-katholischen Diakonie in Deutschland sind Sie ja ebenfalls sowohl Diözesan-Caritasdirektor wie für die nationale und internationale Diakonie zuständig. Ist das Ihr Selbstverständnis?

 

Wenn irgendjemand in unserer Kirche dies so sehen sollte, so würde ich diesem erst einmal eine Tour durch unser Bistum, durch unsere Kirchengemeinden empfehlen; diese Person könnte dann vielleicht die ein oder andere diakonische Aktivität, das ein oder andere Projekt kennenlernen – Mitglieder eines Besuchsdienstes zum Beispiel, sie würde auch hier in der „Geschäftsstelle der Alt-Katholischen Diakonie“ vorbeikommen und sich verwundert die Augen reiben, wenn sichtbar wird, dass dies gleichzeitig das Pfarrbüro der Wiesbadener Gemeinde und das Arbeitszimmer des dortigen Pfarrers ist…! Wenn auch schon mal ein Pfarrerskollege mich augenzwinkernd mit „Caritasdirektor“ angesprochen hat, so kann ich dies zwar schmunzelnd zur Kenntnis nehmen, allerdings spiegelt dies absolut nicht mein Selbstverständnis wider. Wir spielen da sozusagen in einer völlig anderen „Diakonie-Liga“. Als Alt-Katholische Diakonie sind wir selbst nicht Trägerin einer oder gar mehrerer Einrichtungen, somit haben wir auch keinen direkten Einfluss auf die sozialen Standards, auf die Wirtschaftlichkeit oder die personellen Gegebenheiten in Krankenhäusern, Altenheimen oder anderen diakonischen Zentren. Ich selbst sehe meine Aufgabe in der Koordination von diakonischen Projekten in Gemeinden unseres Bistums, im Brückenbauen von einzelnen Initiativen zum Beispiel zu „Brot für die Welt“ oder zum „Diakonischen Werk“, dem unsere Kirche als Mitglied angeschlossen ist.

 

Wie kommt es, dass wir im Vergleich mit anderen Kirchen auf so wenige Einrichtungen „organisierter Nächstenliebe“ hinweisen können? Andere kleine Kirchen wie die Evangelisch-Methodistische Kirche oder die Gemeinschaft der Baptisten unterhalten sogar Krankenhäuser.

 

Bei ökumenischen Diakonie-Konferenzen begegne ich ja immer mal wieder den Kolleginnen und Kollegen im Bereich der Diakonie ihrer jeweiligen Kirche. Auf der einen Seite, das gebe ich gerne zu, bin ich da manchmal etwas neidisch, wenn ich solche Einrichtungen in Berlin, in Hamburg oder anderswo schon mal kennengelernt habe – auch dann, wenn diese Diakonie-Leitungen mit ihren Zahlen in personeller oder finanzieller Hinsicht glänzen können. Andererseits sehe ich, dass von der Selbstverständlichkeit einer diakonischen Haltung innerhalb christlicher Gemeinden sehr schnell „delegiert“ oder gar abgelenkt werden kann auf diakonische Institutionen. Klar, ein gut geführtes Klinikum mit christlichem Profil oder eine soziale Einrichtung in anderen Bereichen der Diakonie und Caritas können immer auch ein Aushängeschild, ein lebendiges Bild für eine Kirche sein, wenn diese die Trägerin des entsprechenden Hauses ist; vielleicht haben uns da in den zurückliegenden Jahrzehnten die Visionen und Ideen gefehlt, die finanziellen Ressourcen und die Personen, die solche Projekte mutig und nachhaltig „fordern und fördern“ konnten!  

 

Müssen wir also passen bei fast allem, was über eine Art alt-katholischer Nachbarschaftshilfe hinausgeht?

 

Zunächst einmal finde ich, dass eine gut organisierte „Nachbarschaftshilfe“ etwas sehr Wichtiges sein kann. Wenn eine christliche Gemeinde sieht, was in ihrer direkten Umgebung notwendig ist, und wenn sie bereit ist, etwas zu tun, wenn sie überlegt, wie ein Projekt verwirklicht werden kann, dann ist dies doch großartig, vor allem dann, wenn es „über den eigenen Tellerrand hinausschauen“ lässt, also nicht nur an eigene alt-katholische Gemeindemitglieder gerichtet ist, sondern für weitaus mehr Menschen in einer Stadt oder in einer Gemeinde offensteht. Ich bin mir sicher, dass zum Beispiel das „Café Strich-Punkt“ in Stuttgart unter anderem aus solch einem diakonischen Bewusstsein heraus entstanden ist. Ich glaube, es ist für jede Gemeinde wichtig, die Augen offenzuhalten für das, was gerade „dran ist“ – es ist sicherlich nicht gut, in einen diakonischen Aktivismus zu verfallen, nach dem Motto : „Wir müssen im Bereich der Diakonie etwas tun, egal wo und wie…!“ – Andererseits ist es womöglich noch schlechter, in einer diakonischen Lethargie zu verbleiben, dann nach dem Motto: „Wir können sowieso nichts ändern, wir sind eh zu klein…!“ Damit wäre niemandem geholfen, und dies wäre an der Botschaft des Evangeliums meilenweit vorbei gedacht und gelebt.

 

Sehen Sie in der Kleinheit unserer Kirche – trotz der schwachen finanziellen Ausstattung, die das mit sich bringt – auch Chancen für das diakonische Engagement?

 

Natürlich könnten wir, wenn wir viel Geld hätten, dieses auch sinnvoll im diakonischen Bereich investieren, wir könnten gezielt überlegen, in welchem Bereich der Diakonie wir uns in den kommenden Jahren mehr engagieren möchten. Ein ständiges Lamentieren, ein Jammern um nicht vorhandenes Geld bringt uns ebenso wenig weiter, wie wenn wir aus Reservoirs schöpfen wollen, die nicht vorhanden sind, oder dauernd träumen und Luftschlösser bauen. Die Chancen unserer Kirche im Bereich des diakonischen Engagements sehe ich darin, dass wir manches „Wenige, das wir haben“, bereit sind einzusetzen, ähnlich dem Opfer der armen Witwe im Evangelium (vgl. Lukas 21,1-4).

Eine meiner Hoffnungen besteht immer noch darin, dass wir innerhalb der Gemeinden unseres Bistums voneinander lernen auch im Bereich der Diakonie. Wenn in der einen Gemeinde ein diakonisches Projekt unterstützt wird, wenn zum Beispiel eine Essensausgabe oder ein Frühstück für obdachlose beziehungsweise mittellose Menschen für einen gewissen Zeitraum durchgeführt wird, so kann eine andere Gemeinde neugierig werden und sich selbst die Frage stellen: Was können wir tun? Wen können wir unterstützen?  

 

Welches sind die Projekte, die Ihnen besonders am Herzen liegen? Was würden Sie gerne voran bringen, in welchen Bereichen würden Sie gerne ein stärkeres Engagement unserer Kirche sehen?

 

Seit einiger Zeit ist es uns im Vorstand der Alt-Katholischen Diakonie wichtig, die vorhandenen diakonischen Projekte in den Gemeinden unseres Bistums aktuell zusammenzutragen – dann wird solch ein eben angesprochenes gegenseitiges Interesse und ein Voneinander-Lernen zustande kommen. Dies sollte in gedruckter Form ebenso möglich sein wie über eine aktualisierte Präsentation im Internet. Das ist mir wichtig. Sowohl bei unserer letzten Mitgliederversammlung als auch bei der Zukunftswerkstatt unseres Bistums im Frühjahr hatten wir dies bereits im Blick. Ich bin zuversichtlich, dass hier in der nahen Zukunft einiges umgesetzt werden kann. Ein stärkeres Engagement wünsche ich mir im Bewusstsein von Gemeinden, dass im Bereich der Diakonie mehr möglich ist, als manche denken. Im Übrigen liegen mir solche Projekte am Herzen, bei denen spürbar wird: Hier haben Gemeinden engagiert überlegt, wo im diakonischen Bereich etwas angepackt werden kann – sei es auch nur für einen begrenzten Zeitraum!

 

Herr Rudershausen, herzlichen Dank für Ihre Antworten!

 

Der Blick für das Kleine

 

Ich denke, Klaus Rudershausen hat Recht mit seiner Einschätzung, dass in unserem Bistum viel geschieht auf diakonischem Gebiet, auch wenn es nur wenige diakonische Einrichtungen gibt. Zwei Beispiele aus Stuttgart werden in diesem Heft mit dem Schwerpunkt Diakonie vorgestellt, das von Herrn Rudershausen genannte Café Strich-Punkt und „Kathys Vesper“. Darüber hinaus gibt es viele, viele kleine Initiativen, bei denen wir vielleicht gar nicht auf die Idee kämen, dass sie ebenfalls in den Bereich Diakonie gehören, weil uns das Wort zu groß dafür scheint. Gerade darin kann die Chance als kleine Kirche liegen: Auf viele Bedürfnisse von Mitmenschen können Caritas und Diakonisches Werk gar nicht eingehen, weil die Bedürfnisse klein, aber die Organisationen groß sind. Ihre Spezialitäten sind Katastrophenhilfe, Krankenhäuser, Kindergärten, Bildungszentren und Ähnliches mehr. Das ist gut so. Aber unsere Spezialität könnten doch die Bedürfnisse sein, für welche die großen Werke notgedrungen blind sind. Da liegt ein unendliches Feld für diakonisches Wirken, zu dem wir und unsere Gemeinden nicht zu klein sind. Manchmal wird dann, wie beim Café Strich-Punkt, aus einem kleinen Anfang sogar ein großes Projekt.

 

Wichtig ist uns, dass wir in diesem Heft nicht nur Beispiele vorstellen, sondern auch grundsätzlich über Diakonie nachdenken. Die Rolle der Diakoninnen und Diakone kommt in Beiträgen von Diakonin Hilde Freihoff und von Priester Walter Jungbauer zur Sprache, und Flughafenseelsorger Dieter Buschan macht sich Gedanken über diakonische und priesterliche Seelsorge.

 

Manchmal kann der Eindruck entstehen, das Wichtigste im Leben einer christlichen Gemeinde ist der Gottesdienst. Wenn dann noch Zeit und Energie übrig bleiben oder uns die Not von Mitmenschen besonders anrührt, dann kann noch soziales Engagement dazu kommen, sozusagen als Kür.

Da ist es gut, wenn wir uns daran erinnern, dass Jesus in seiner Rede vom Endgericht sagt, dass der Richter einmal nicht fragen wird, wie viel wir gebetet oder wie viele Gottesdienste wir besucht haben. Vielmehr wird die Frage sein, ob wir uns der Hungernden, Dürstenden, Fremden, Obdachlosen, Nackten, Kranken und Gefangenen angenommen haben, denn „was ihr für einen meiner geringsten Brüder oder für eine meiner geringsten Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan“ (Matthäus 25,40). Das schreibe ich nicht, um mit erhobenem Zeigefinger zu appellieren „Tut mal endlich!“, sondern um mich selbst zu erinnern, wie vom Evangelium her gewichtet wird. Die Nächstenliebe ist für eine Gemeinde und eine Kirche ebenso wichtig wie der Gottesdienst.

 

Da ist es nicht falsch, hinzuspüren, wo unser Herz spricht, wo uns ein Bedürfnis anrührt. Es geht eben nicht darum, dass wir mit Gewalt große Werke aufbauen oder uns zwingen, Dinge zu tun, die uns restlos überfordern. Es geht darum, wie Herr Rudershausen sagt, die Augen zu öffnen für Nöte unserer Mitmenschen und uns dort zu engagieren, wo wir es gerne tun und wo wir es tun können. Mit offenen Augen werden wir mehr als genug Felder finden.

 

Gerhard Ruisch