Schwarz und weiß?

Gedanken zu den ökumenischen Themen der Synode

 

Der Synode Ende September werden zwei ökumenische Texte zu einer ersten Stellungnahme vorgelegt werden. Das eine Papier, das eine Kommission unserer und der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) über Kirchengemeinschaft erstellt hat, wird mit den Synodenunterlagen derzeit verschickt und am 18. September im Rahmen eines Symposiums in Bonn offiziell vorgestellt. Die Synode muss zu keinem abschließenden Urteil kommen, denn es ist ein zweijähriger Reflexionsprozess vorgesehen, den auf unserer Seite die nächste Synode 2012 mit einer zweiten Lesung beenden wird. In diesem Jahr geht es in Mainz vor allem darum, die Synodalen mit dem Papier vertraut zu machen und die innerkirchliche Diskussion, die ja auf breiter Ebene geführt werden soll, anzustoßen.

 

Mit wesentlich mehr Spannung werden einige den Beratungen über das Papier „Kirche und Kirchengemeinschaft“ (K+KG) entgegensehen, das eine internationale alt-katholisch/römisch-katholische Kommission erarbeitet und im vergangenen Jahr veröffentlicht hat. Auf alt-katholischer Seite wurde der Dialog von der Bischofskonferenz (IBK) geführt, die die Kirchen der Utrechter Union, aber auch die verschiedenen nationalen und internationalen Gremien (Theologenkonferenz, Pastoralkonferenzen, Synoden etc.) gebeten hat, bis zum Januar 2011 das Papier zu kommentieren.

 

Realistisch?

 

Das für mich Spannende an „Kirche und Kirchengemeinschaft“ besteht darin, dass erstmals von alt-katholischen Theologinnen und Theologen skizziert wird, wie wir uns die Wiederherstellung der Kirchengemeinschaft mit der römisch-katholischen Kirche vorstellen können und welche Rolle dann der Papst für uns hätte. Wer K+KG schon gelesen hat, wird gemerkt haben, dass es nicht um eine Rückkehr in den Schoß der römischen Kirche geht, sondern die Autonomie, also die Selbstständigkeit der alt-katholischen Kirchen gewahrt bleibt. Gespannt darf man sein, wie man in Rom auf diese Vorschläge reagiert.

 

Manche sagen, das Dialogpapier sei ja schön und gut, aber Rom werde es ablehnen und insofern sei es unrealistisch. Ich glaube, man verkennt Charakter und Weg des ökumenischen Dialogs an sich, wenn die Frage in den Vordergrund geschoben wird, ob beide Seiten ein Papier zu hundert Prozent annehmen oder nicht. Auch Vorschläge, die abgelehnt werden, können einen Fortschritt darstellen, denn sie machen deutlich, was geht und was nicht. Und sie sind als Teil einer großen Suchbewegung zu betrachten, die die Dialogpartner letztlich doch einander näher bringt. Unrealistische Ideen haben schon oft in einem zweiten oder dritten Schritt zu realisierbaren Konzepten geführt.

 

Sich stets erneuerndes Schisma

 

Ein großes – und oft nicht eingestandenes – Problem des alt-katholisch/römisch-katholischen Dialogs ist die persönliche Betroffenheit. Das Schisma vollzog sich eben nicht nur in der „fernen“ Vergangenheit, in den Jahren nach 1870, sondern es erneuert sich ständig, wenn Rom-Katholikinnen und Rom-Katholiken alt-katholisch werden. Nicht wenige haben negative Erfahrungen in und mit ihrer Herkunftskirche gemacht. Wie sehr diese eine Rolle bei der Diskussion über ein doch eher nüchternes Papier spielen, habe ich in den letzten Monaten beobachtet. Für einige ist es schier undenkbar, dass die alt-katholischen Kirchen dem Papst überhaupt eine besondere Rolle in der Kirche zuerkennen könnten. Andererseits haben wir dies bislang stets getan, wenn wir sagten, wir lehnen die Machtansprüche des Papsttums aber, aber anerkennen den Primat im altkirchlichen Sinne. Da wir nie dazu gesagt haben, was „im altkirchlichen Sinne“ konkret bedeutet, hatte damit offensichtlich kaum jemand ein ernstzunehmendes Problem. Nun aber wird es konkret, und da heißt es für uns als alt-katholische Kirche, Farbe bekennen.

 

Die ökumenische Idee, zu der sich der Alt-Katholizismus von Anfang an bekennt, schließt die römisch-katholische Kirche mit ein. Wenn wir ökumenisch sein wollen, müssen wir auch fragen, wie es möglich ist, Gemeinschaft mit der römischen Kirche zu ermöglichen. Das heißt nicht, alles, was das ökumenische Gegenüber hat oder tut, zu akzeptieren.

 

K+KG spricht von der notwendigen Hermeneutik des Vertrauens, die ökumenische Gespräche erst möglich macht. Das schließt ein, die vorhandenen Verletzungen  aufzuarbeiten. Ohne diese Aufarbeitung besteht die Gefahr, die Verletzungen zu kultivieren und sich ein bequemes Feindbild zurecht zu zimmern. Bequem insofern, als ich mich dann mit meinem ökumenischen Gegenüber nicht mehr auseinandersetzen muss (das machen übrigens auch manche Rom-Katholiken, die negative Erfahrungen mit unserer Kirche gemacht haben), und ich mich in einer nicht minder bequemen Schwarz-Weiß-Malerei ergehen kann, wonach bei uns alles gut, dort alles schlecht ist.

 

Ich freue mich auf eine kontroverse Diskussion in Mainz – kontrovers, aber frei von jeglicher Schwarz-Weiß-Malerei. Eine Diskussion, die uns helfen kann, unsere eigene ökumenische Position zu klären.

 

Matthias Ring