Diakonat

Der Status und die Aufgaben sind theologisch immer noch ungeklärt

 

In seinem letzten Rundbrief an die Gemeinden und Geistlichen unseres Bistums berichtete Bischof Matthias Ring unter anderem von seiner Teilnahme an der Jahrestagung der Internationalen Alt-Katholischen Bischofskonferenz (IBK), die sich an einem theologischen Studientag mit der Frage „Krankensalbung und Diakonat“ befasste.

Hintergrund des Themas war die Tatsache, dass einige Bischöfe ihren Diakoninnen und Diakonen die Befugnis erteilt haben, die Krankensalbung zu spenden. Als Verwalter dieses Sakramentes galten traditionell die Priester. Die Bischofskonferenz warf die Frage auf, ob denn einzelnen Bischöfen das Recht zukomme, den Spender eines Sakramentes zu ändern, zumal ohne Synodenbeschluss. Die Konferenz sah sich nicht in der Lage, diese Frage zu klären, ohne zuvor grundsätzlich über den Diakonat zu reflektieren.

Nachdem die römisch-katholische Kirche auf dem Zweiten Vatikanum (1962-1965) den im Westen seit dem Hochmittelalter verlorengegangenen ständigen Diakonat wieder eingerichtet hatte, sahen sich unsere alt-katholischen Kirchen ermutigt, einen gleichen Weg zu gehen. Der Hintergrund der Debatte um die Einführung eines Diakonates, der nicht nur Durchgangsstufe zum Priesteramt ist, war Anfang der achtziger Jahre in unseren Kirchen das Anliegen, Frauen zum kirchlichen Amt zuzulassen. Hatte die Internationale Alt-Katholische Bischofskonferenz 1976 noch festgestellt, dass sie einer Übertragung eines geistlichen Amtes auf Frauen nicht zustimmen könne, so baten 1981 einige Synoden die IBK, den Beschluss wenigstens hinsichtlich der Diakonenweihe zu überdenken. Mit dem Beschluss, Frauen den ständigen Diakonat zu öffnen, mögen manche erhofft haben, dass damit das Thema „Frau und Amt“ gelöst sei. Andere hingegen sahen darin einen ersten Schritt zum Priesteramt der Frau; sie hofften, dass sich eine gewisse Eigendynamik dahin gehend entfalten würde. Voraussetzung war der Gedanke, dass das kirchliche Amt nur ein einziges sein könne, das sich dreigliedrig im Bischofs-, Priester- und Diakonenamt entfaltet. Diese Vorstellung hat sich im Gefolge des Konzils in der römisch-katholischen Theologie fest eingerichtet.

 

Rückstufung oder Klärung des Diakonates in der römisch-katholischen Kirche der Gegenwart?

 

Mittlerweile hat die römisch-katholische Kirche eine Wende vollzogen. Im Dezember letzten Jahres hat Benedikt XVI. durch ein „Motu Proprio“ eine Änderung im kirchlichen Rechtsbuch (CIC) verfügt. Dem Canon 1009 ist ein Paragraph hinzugefügt worden, nach dem nur der Bischof und die Priester „in persona Christi“ handeln, nicht aber die Diakone. Im Handeln „an Christi statt“, hat man zu Recht die Sakramentalität des Amtes gesehen. Heißt die Änderung, dass dem Diakonat im dreistufigen Amt abgesprochen wird, sakramental begründet zu sein? Der Papst behauptet, dass es sich nicht um eine Rückstufung des Diakonates, sondern um eine Klarstellung handelt. In Diakonenkreisen hat die Änderung jedoch verständlicherweise zu Unruhe geführt. Hatte man sich doch an eine andere Anschauung gewöhnt und sieht sich nun etlicher Kompetenzen beraubt.

Von der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen, ist die Änderung allerdings schon vor gut einem Jahrzehnt erfolgt, nämlich 1998 in einer Neuauflage des „römischen Katechismus“ (Katechismus der Katholischen Kirche) unter dem Vorgänger des jetzigen Papstes. Nun aber ist sie rechtsverbindlich gemacht worden. In der Hierarchie ist der Diakon damit wieder näher an die Laien gerückt.

Da keine inhaltliche Begründung dafür gegeben worden ist, lässt sich nicht sicher sagen, warum diese Rechtsveränderung erfolgt ist. Es wird spekuliert, dass der öffentliche Druck den Vatikan allmählich zwingt, den Frauen einen Zugang zum kirchlichen Amt zu ermöglichen. Um den Frauen aber zu verwehren, dass sie einen Fuß in die Tür zum Weihesakrament bekommen, möchte man sie ins Diakonat lediglich durch eine bischöfliche Beauftragung bringen. Wer will es aber wissen?

Wenn es sich jedoch, wie Papst Benedikt meint, dabei um eine Klarstellung handelt, so stellt sich die Frage, ob sich denn das Konzil zum Diakonat so undeutlich geäußert hat. In der Tat hat das Vatikanum II nicht einfach gesagt, die Diakonenweihe sei ein Sakrament. Vielmehr hat man vorsichtiger formuliert, die Diakone dienten dem Volke Gottes „durch sakramentale Gnade gestärkt“. Der Münsteraner Theologe Herbert Vorgrimmler sagt dazu in seinem Kommentar zum Artikel 29 der Kirchenkonstitution, der über den Diakonat handelt, diese Formulierung sei gewählt worden, um einer Minderheit auf dem Konzil entgegenzukommen, die die Sakramentalität des Diakonates ablehnte. Insofern konnte eine spätere Klarstellung nur erwünscht sein. Die Richtung der Einstufung aber, die Benedikt XVI. vorgenommen hat, musste überraschen. Zu diesem Thema ist Vorgrimmler ein wichtiger Zeuge, insofern er bereits vor dem Konzil mit seinem Lehrer Karl Rahner in einem Sammelband mit dem Titel „Diakonia in Christo“ (1962) Stimmen zur Einführung des ständigen Diakonates gebündelt hat. Das Buch lag der Arbeit der Kommission, die diesen Artikel entworfen hat, als Arbeitsgrundlage vor. Auf Vorgrimmler werde ich nochmals zurückkommen.

 

Und wie war es früher?

 

Vor der Einführung des permanenten Diakonats war dieser nur eine Durchgangsstufe zum Priesteramt, und nicht nur der Diakonat. Eine Reihe von Weihen zu Ämtern, die nur noch einen historischen Sinn hatten, aber in der römischen vorkonziliaren Messliturgie überhaupt keine Rolle mehr spielten und die wohl deshalb „niedere Weihen“ genannt wurden, gingen dem voraus: die Weihe zum Ostiarier (Türhüter), Lektor, Exorzisten (mit der Warnung, eine Teufelsaustreibung ja nicht erst zu versuchen) und zum Akolyten (Altardiener). In Deutschland wurden sie der Reihe nach, meist im „Doppelpack“, während der praktischen Ausbildung im Priesterseminar vom Bischof gespendet. „Sieben Stufen zum Altar“ war der Titel eines damals gebräuchlichen Meditationsbuches für Priesteramtkandidaten, das uns weismachen wollte, die „niederen Weihen“ hätten einen höheren, symbolischen Sinn.

Von den höheren Weihen hatte bei uns – in einem römisch-katholischen Priesterseminar – nicht die Diakonatsweihe eine erlebnismäßig einschneidende Bedeutung, sondern die Weihe zum Subdiakon, obgleich sie am Vortag zur Diakonatsweihe gespendet wurde und der Subdiakonat somit nur einen Tag dauerte. Waren doch mit ihm von nun an die Übernahme der Zölibatsverpflichtung und andere priesterliche Verpflichtungen verbunden. Obwohl es bei der Diakonatsweihe in den Weihegebeten deutlich um die Herabrufung des Heiligen Geistes ging, hatten wir nicht den Eindruck, ein Sakrament zu empfangen. Das lag nicht an unserer persönlichen subjektiven Wahrnehmung. Seit dem Hochmittelalter war das Weihesakrament einseitig auf die Vollmacht zur Wandlung von Brot und Wein ausgerichtet, so dass das Sakrament fortan schlicht das Sakrament der Priesterweihe hieß. Somit war nicht nur die Weihe zum Diakon, sondern auch die zum Bischof nicht als Sakrament anzusehen. Wenn auch unsere zweijährige Seminarzeit (1963-65) zeitlich parallel zum Konzil verlief, so war unser Amtsverständnis noch ganz und gar vorkonziliar geprägt. Wir haben vom Konzil zwar viel gelesen und „mit roten Ohren“ gehört. So erfuhren wir, dass die Stellung der Bischöfe korrigiert worden sei und sie (wie in der Orthodoxie nie bestritten) die eigentlichen Träger der priesterlichen Vollmacht seien, während die Priester nur Anteil daran hätten und in ihrem Auftrag handelten. Verborgen aber blieb mir damals, dass sich auch hinsichtlich des Diakonats etwas tat.

 

Wiederbelebung eines alten Amtes?

 

Wurde mit der Einführung des permanenten Diakonates ein in dieser Form verloren gegangenes Amt wiederbelebt? Vorgrimmler schreibt in seinem Buch „Neues Theologisches Wörterbuch“ (2000): „Mit der Wiedereinführung des ständigen Diakonates seit 1967 (1999 über 20000 ständige Diakone) wurde nicht einfach der alte Diakonat wiederhergestellt, vielmehr handelt es sich um die Einführung eines neuen Weiheamtes unter Rückgriff auf Elemente der Tradition. Damit bekennt sich die kirchliche Leitung zu ihrer Kompetenz, das Amt ja nach den Erfordernissen der Zeit differenzierend auszugestalten [...]“ (S.128) Zur Gestaltungsmöglichkeit der Kirche hatte bereits Urs Küry in „Die altkatholische Kirche“ (1966) Ähnliches geschrieben: Durch die Autorisation seitens der Gemeinde werde das Amt im eigentlichen Sinn ein kirchliches Amt, werde es in die Kirche eingegliedert und von ihr getragen.

Zu Recht spricht Vorgrimmler davon, dass der alte Diakonat nicht einfach wiederhergestellt werde. Der Diakonat der alten Kirche hatte eine andere Zuordnung und eine eigene Aufgabenstellung. Der Diakon war ausschließlich dem Bischof unterstellt, war sein Auge und Ohr. So die „Apostolische Überlieferung“ (um 215), der wir auch das älteste Eucharistiegebet verdanken. Der Diakon soll demnach das tun, was der Bischof ihm aufträgt, und er soll den Bischof „aufmerksam machen auf das, was ansteht“, insbesondere auf die Kranken in der Gemeinde. „Die Frage, ob die Weihe zum D[iakon] u[nd] zur Diakonin als Sakrament anzusehen sei, stellte sich in der Zeit des selbständigen Diakonats nicht“ (Vorgrimmler). Später wurden die Diakone zu Verwaltungsbeamten des Bischofs, regelten die bischöflichen Finanzen und führten somit auch die Almosenkasse. Es wundert nicht, dass sie auf diese Weise eine große Macht ansammelten und die Kirche des Westens dieses Amt im Frühmittelalter als selbstständig schließlich abschaffte.

Das II. Vatikanische Konzil ordnet den Diakon weder dem Bischof noch den Priestern zu, sondern der Gemeinde, und es nimmt eine eigene und neue Aufgabenzuweisung vor: Sache des Diakons ist demnach, feierlich die Taufe zu spenden, die Eucharistie auszuteilen, der Eheschließung zu assistieren (Spender sind nach römisch-katholischer Auffassung die Brautleute), den Wortgottesdienst zu halten, zu predigen und den Beerdigungsritus zu leiten. Diese Aufgabenliste kann freilich von den örtlichen Autoritäten beschränkt, aber auch erweitert werden. Die Aufgaben werden hier nicht aus einem irgendwie gearteten Wesen des Diakonates abgeleitet, sondern rühren aus dem weltweiten Priestermangel in der römisch-katholischen Kirche her. In Südamerika beispielsweise hatten in Gebieten, die nur selten von einem Priester besucht werden, Laien Beerdigungen, aber auch Taufen vorgenommen. Es wäre angezeigt gewesen, den Männern, die aus Notsituationen heraus rituelle Handlungen vornehmen, die Priesterweihe zu erteilen. Männern ohne akademische Ausbildung, die zudem verheiratet waren, zu Priestern zu weihen, konnte man sich nicht vorstellen. So bot sich der ständige Diakonat an.

In unserer alt-katholischen Kirche haben wir uns bei der Übernahme des ständigen Diakonates an der römisch-katholischen Kirche orientiert, obgleich der Anlass, wie gesagt, ein ganz anderer war, nämlich die Frage der Frauenordination. Die Anlehnung erfolgte aber auch fraglos bei der Aufgabenzuweisung, obwohl der Diakon bei uns nicht Ersatzpriester sein sollte. Zu der Tatsache, dass die ständigen Diakone im Vatikanischen Konzil weithin als Priesterersatz gedacht waren, passt übrigens, dass in der Aufgabenliste die liturgische Assistenz in der Eucharistiefeier nicht genannt wird. Dennoch betrachteten viele römisch-katholische Diakone gleich der ersten Generation darin ihre Hauptaufgabe. – Und wie schaut der Diakonat in anderen Konfessionen aus?

 

Ein Blick in die Ökumene

 

In der Orthodoxie hat der Diakon fast ausschließlich liturgische Aufgaben. Seine Befugnisse reichen allerdings nicht im entferntesten an die eines katholischen Diakons heran. Er ist in der „Göttlichen Liturgie“ (Ver-)Mittler zwischen der Gemeinde und dem Priester. Er muss musikalisch sein und eine gute Stimme haben. Schließlich singt er die Fürbitten der Gemeinde, die einen orthodoxen Gottesdienst durchziehen. Er ist Ordner und Zeremoniar, der mit Ordnungsrufen wie „Haben wir acht!“, oder „Lasset uns stehen in Ehrfurcht!“ für einen würdigen Verlauf sorgen soll. Nach den vielen russisch-orthodoxen Gottesdiensten, die ich erlebt habe – immer mit Diakon –, verfestigte sich bei mir die Vorstellung, dass der Diakon in der Orthodoxie unentbehrlich sei. Umso erstaunter war ich, als ich vor wenigen Jahren erfuhr, dass es in der griechisch-orthodoxen Metropolie in Deutschland nur einen einzigen Diakon gibt.

Im Protestantismus nahm der Beruf des Diakons mit sozial-caritativer Ausrichtung im 19. Jahrhundert einen gewaltigen Aufschwung. Angeregt durch die Liebestätigkeit katholischer Orden gaben charismatische Persönlichkeiten wie Hinrich Wichern (1808-81), Friedrich von Bodelschwingh (1831-1910) gewaltige Impulse. Theodor Fliedner (1800-64) begründete die Einrichtung der Diakonissen, die besonders in der Krankenpflege tätig wurden. In der Gegenwart sind für die Diakone Aufgaben in der Jugend- und Bibelarbeit in den Einzelgemeinden hinzugekommen. Da dies Aufgaben sind, die auch dem Pfarrer zustehen, tun sich hier eingestandenermaßen vielfach Reibungsflächen auf. Dennoch denken die Lutheraner (VELKD) daran, dem Diakon, welcher Jugendarbeit betreibt (wie auch anderen Berufsgruppen ehrenamtlich) eine Beauftragung zu erteilen, dem Abendmahl/der Eucharistie vorzustehen.

Der Diakon als Vorsteher der Eucharistie? In dieser Frage eröffnen sich uns einige Schwierigkeiten hinsichtlich der „Vereinbarung über die gegenseitige Einladung zur Teilnahme an der Feier der Eucharistie“, die wir in diesem Jahr feiern. Bei der Vorstellung eines neuen Positionspapiers am 18. September muss eine Diskussion auch hierüber angesagt sein. In dieser Frage zeigt sich, dass eine Neuordnung kirchlicher Ämter nicht nur im Gesamt einer Kirchengemeinschaft wie der Utrechter Union diskutiert werden muss, sondern auch auf das Verständnis in anderen Kirchen Rücksicht nehmen muss. Schließlich gibt es im ökumenischen Gespräch kein Thema, das so hemmend war und ist wie das des Amtes.

 

Fazit

 

Wir brauchen gegenwärtig eine neue breit angelegte Diskussion über den permanenten Diakonat in unserer Kirche – fern von sachfremden Erwägungen, wie sie bei der Wiederbegründung angestellt worden sind, und zwar grundlegend und nicht nur im Hinblick auf einzelne Funktionen. Es ist nicht damit getan, dass die IBK das Thema aufgreift. Die internationale Theologenkonferenz könnte Vorschläge erarbeiten, die in den einzelnen Gemeinden diskutiert würden, so dass auf den nationalen Synoden Beschlüsse gefasst werden, die der Bischofskonferenz vorgelegt werden. Das Thema scheint mir so wichtig, dass ein derart komplizierter Weg gerechtfertigt ist. Es geht in der Diskussion um das Gesamtbild des Diakons. Der Rahmen dazu könnte so aussehen, wie Urs von Arx es formuliert hat: „Diakone und Diakoninnen bauen gewissermaßen Brücken vom zentralen eucharistischen Geschehen zu den unscharfen Rändern der Gemeinde und darüber hinaus in die (teilweise postchristliche) Gesellschaft und bringen dorthin die der Kirche anvertraute Zuwendung der Liebe Gottes, wie sie umgekehrt die Nöte von Menschen mit ihrem Hunger nach Leben in die eucharistische Versammlung tragen, woraus gezielt Projekte entstehen können.“ (IKZ 2005/4) S.213.

 

Klaus Rohmann