Schnelle und unbürokratische Hilfe

Der Diakoniesonntag 2010 ist der Tafelarbeit gewidmet

 

Ein weiß gedeckter Tisch mit Stoffservietten und Kerzenleuchtern, für jeden Gang ein eigenes Besteck und für Wasser, Weiß- und Rotwein jeweils das passende Glas: Das ist es, was man sich gewöhnlich unter einer Tafel vorstellt. Natürlich inklusive der dort gereichten kulinarischen Spezialitäten. Im Unterschied zur gewöhnlichen Mahlzeit betonen Tafeln das Festliche.

Seit 1993 aber hat das deutsche Wort „Tafel“ noch eine andere Bedeutung. Damals setzten Berliner Frauen eine Idee um, die aus Amerika kommt. Dort hatte man sich schon in den 1960er Jahren Gedanken gemacht, wie man mit dem Überschuss an Lebensmittelspenden umgehen soll, die zur Speisung bedürftiger Menschen bestimmt waren. Und so entstand in Phoenix/Arizona das erste Lagerhaus für längerfristig haltbare Lebensmittelspenden, „Food Bank“ genannt. Von hier war der Weg zur organisierten Lebensmittelbeschaffung nicht mehr weit. Denn die Lebensmittelhändler sind gesetzlich verpflichtet, Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist, auszusortieren. Nur: Verdorben und ungenießbar sind sie deshalb noch lange nicht. Und so begannen die Berliner Frauen, nach dem amerikanischen Vorbild solche Waren systematisch einzusammeln und gegen ein geringes Entgelt in besonderen Läden an Bedürftige auszugeben.

 

Eine sich rasant ausbreitende Bewegung

 

Inzwischen gibt es in der Bundesrepublik um die 860 „Tafeln“, die nach diesem Konzept betrieben werden. Die Tafelarbeit hat sich rasant verbreitet: 1994 waren es bundesweit vier, 1995 bereits fünfunddreißig, 1996 siebzig und im Jahr 2000 zweihundertsiebzig Tafeln. Die meisten haben sich zusammengeschlossen im Bundesverband Deutsche Tafel e.V. Aber auch kirchliche Wohlfahrtsverbände und Kirchengemeinden treten als Betreiber von Lebensmittelausgaben auf. Oder sie unterstützen die örtliche Tafelarbeit, vor allem, wenn sie sich, wie die Mitglieder im Bundesverband, überkonfessionell und politisch unabhängig verstehen. So hat die Wiesbadener Gemeinde viele Jahre ihre Räume zur Verfügung gestellt. Und die Stuttgarter Gemeinde ist Mitglied der dortigen „Schwäbischen Tafel“ geworden. Ihr spendet sie seit Jahren auch die Gaben des Erntedankaltars.

Das gemeinsame Anliegen der Tafelbetreiber ist, Hartz-IV- und Sozialhilfeempfängern schnelle und unbürokratische Hilfe zukommen zu lassen. Außerdem soll auf diese Weise Fehl-, Mangel- und Unterernährung vorgebeugt werden. Viele Tafeln beschränken sich deshalb nicht nur auf die Organisation von Lebensmitteln und ihren Vertrieb in Tafelläden, sondern betreiben auch Suppenküchen für solche, die kein Zuhause haben. Zahlreiche Helferinnen und Helfer sind dazu nötig. Sie arbeiten nicht nur in den dicht gestreuten Ausgabestellen, sondern tragen auch durch indirekte Dienste zum Gesamtkonzept bei. So wollen etwa die Fahrzeuge gewartet und repariert werden, die die örtlichen Betreiber benötigen, um die Partnerbetriebe anzufahren, die ihre aussortierten Lebensmittel zur Verfügung stellen.

 

Wohlfahrtsverbände äußern sich kritisch

 

In der Bevölkerung wird die Tafelarbeit hoch gelobt. Die meist ehrenamtlichen Betreiber werden, obwohl viele von ihnen auf dem Gebiet sozialer Arbeit neu sind, als Experten in Sachen Armut gesehen. Das allerdings rief letztes Jahr den Deutschen Caritasverband auf den Plan. Der zeigt sich zwar vom dahinter stehenden „bürgerschaftlichen Engagement“ beeindruckt, wie in einem Ende 2008 beschlossenen Eckpunkte-Papier zu lesen ist. Er äußert sich auch positiv zur Weiterverwertung von Lebensmitteln, die sonst trotz ihres einwandfreien Zustandes entsorgt würden, und zum „niederschwelligen Kontakt zu Benachteiligten“, will sich aber „mit der wachsenden Normalität von Lebensmittelausgaben“ nicht abfinden. „Es wäre“, so Caritaspräsident Peter Neher, „fatal, wenn die politischerseits gern gesehene Tafelbewegung dazu beiträgt, dass sich der Staat mit Hinweis auf die Bürgergesellschaft aus der Daseinsvorsorge seiner Bürger sukzessive zurückzieht.“ Das soziokulturelle Existenzminimum müsse sozialstaatlich gesichert sein. Im Eckpunkte-Papier werden deshalb über die Lebensmittelausgaben hinausgehende Maßnahmen gefordert, beispielsweise Begegnungsmöglichkeiten in Stadtteilzentren und Gemeinderäumen sowie Beratungs- und Hilfsangebote, um den Bedürftigen ihre Rechte und Ansprüche bewusst zu machen. Und es wird auf eine notwendige politische Arbeit verwiesen, um den Ursachen, die zu Ausgrenzungen und Benachteiligungen führen, entgegenzutreten.

 

Diakoniesonntag am 26. September

 

Beim diesjährigen Diakoniesonntag unseres Bistums am 26. September soll über die Tafelbewegung informiert und überlegt werden, wie sich die Alt-Katholische Diakonie Deutschland und die Gemeinden vor Ort in diese Arbeit einbringen können. Im Vorstand wurden dazu entsprechende Hilfen erarbeitet, die für die Gottesdienstgestaltung und eventuell darüber hinausgehende Veranstaltungen bestimmt sind. Sie sind den Pfarrämtern per E-Mail zugegangen. Weitergehende Informationen finden sich auch auf der Internetseite des Bundesverbands Deutsche Tafel e.V. unter www.tafel.de.

 

Joachim Pfützner